Das Tagebuch des polnisch-jüdischen Mädchens Renia Spiegel - und was es 84 Jahre nach seiner Ermordung bedeutet.
Man muss auch über die schlimmen Dinge reden", sagt Tjasa Tihec. "Das ist furchtbar, aber sehr wichtig", meint Mila Kröpfl. Und Klara Smiljan ergänzt: "Man muss wissen, was Menschen erleiden mussten." Neza Solar fügt hinzu: "Damit die gleichen Fehler nicht wieder gemacht werden." Die vier Schülerinnen der Grund- und Hauptschule Starse in der Nähe von Maribor sind zwischen zwölf und 13 Jahre alt. Bunt gekleidete Mädchen, die Sport treiben, ihre Haustiere lieben und die Schule "okay" finden. Alles ganz normal. Doch die vier Mädchen wissen auch, dass das Normale nicht selbstverständlich ist, dass junge Mädchen in ihrem Alter grausame Schicksale erleiden mussten. So wie Anne Frank. "Das Tagebuch der Anne Frank wurde in über 70 Sprachen übersetzt, auch ins Slowenische", sagt die 83 Jahre alte Ana Marija Milanovic aus Celje. Heute sei es leider mehr unter den älteren Menschen bekannt, "besonders, seit das Buch nicht mehr Pflichtlektüre in unseren Grundschulen ist". Milanovic hat ausgehend von dem Buch "Meine Freundin Anne Frank" von Hannah Pick-Goslar ein Stück über Anne Frank geschrieben. Mit Laiendarstellern brachte sie es am 27. Januar, dem Internationalen Holocaustgedenktag, auf eine Bühne in Celje. Milanovic wurde bei der Inszenierung von dem sechsunddreißigjährigen Lovro Tacol unterstützt. "Wir möchten mit unserem Stück über das Schicksal von Anne und Hannah informieren, junge und alte Zuschauer berühren und zum Nachdenken über unsere heutige Zeit anregen", erklärt Tacol.
Es gibt ein anderes Tagebuch, nicht so bekannt wie das von Anne Frank, das Tagebuch von Renia Spiegel. "Wir sprechen von Renia als der polnischen Anne Frank. Man weiß dann sofort, dass die beiden jungen Frauen ein grausames Schicksal verbindet", sagt der 48 Jahre alte Wirtschaftshistoriker und polnische Diplomat Lukasz Paprotny. "Renia, 1924 geboren, war fünf Jahre älter als Anne. Sie lebte nicht in einem abgetrennten Versteck, sondern direkt in einer Umgebung von Verfolgung, Erniedrigung und Tod. Wie Anne hat auch Renia ein Tagebuch geführt, von 1939 bis 1942. Das handelt ebenfalls vom grausamen Alltag unter der Besatzung, aber auch vom Erwachsenwerden und von erster Liebe." Nach Stationen in Istanbul und Rom ist Paprotny seit drei Jahren Botschaftsrat an der Botschaft Polens in Slowenien. "Meine Aufgabe ist es, die Verbindung zwischen Polen
und dem Gastland und in diesen unsicheren Zeiten auch die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg zu stärken. Polen war Opfer der deutschen und der sowjetischen Besatzung, die meisten Opfer des Krieges fielen auf polnischem Boden. Polen sieht sich verpflichtet, das Gedächtnis an den Holocaust zu wahren, wie im Museum Auschwitz-Birkenau. Die junge Generation muss weltweit wissen, was damals passiert ist. Und dann darf man nicht gleichgültig sein gegenüber der Vergangenheit und der Gegenwart." So hat die polnische Botschaft in Ljubljana eine Wanderausstellung unter dem Titel "'Wir müssen der Welt etwas hinterlassen': Jenseits des Tagebuchs von Renia Spiegel" nach Slowenien gebracht. Sie wurde vom Jüdischen Museum Galizien in Krakau entwickelt. Die zweiundfünfzigjährige Bogumila Plachtej Pavlin betreut als Expertin der polnischen Botschaft diese Ausstellung.
Tafeln in slowenischer und englischer Sprache dokumentieren einzelne Kapitel von Renias Tagebuch: "Etwas der Welt hinterlassen", "Die zwei Schwestern Spiegel", "Die geteilte Stadt", "Die getrennte Familie", "Ariane wird Elisabeth", "Drei Schüsse. Drei verlorene Leben", "Wiederaufbau", "Ich kann das nicht lesen", und: "Wir alle müssen das lesen".
Am 17. Juni 1940 findet sich folgender Eintrag in Renias Tagebuch: "Schon morgen ist mein Geburtstag, ich werde 16 Jahre alt. Weißt Du, was das bedeutet? Die schönste Zeit des Lebens. Häufig hört man: 'Ach, noch mal 16 sein.' Und jetzt bin ich so alt und trotzdem so schrecklich unglücklich! Frankreich hat kapituliert. Hitlers Armee überschwemmt ganz Europa. Amerika verweigert seine Hilfe. Wer weiß, ob sie nicht einen Krieg mit Russland anfangen. Und ich bin hier ohne Mama und Papa, ohne ein Zuhause, werde herumgeschubst und ausgelacht. O Gott, warum muss ich so einen Geburtstag erleben?
Wäre es nicht besser gewesen, früh zu sterben?"
Paprotny berichtet, dass Renia Spiegel 1924 in eine jüdische Familie im damals zu Polen gehörenden Dorf Uhrynkiwzi geboren wurde und später zu den Großeltern nach Przemysl zog. "Das lag direkt auf der Grenze der deutschen und sowjetischen Besatzung Polens.
Zunächst lebte sie im sowjetischen Teil, wo die jüdische Familie relativ sicher vor Verfolgungen war. Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf die Sowjetunion wurde die Familie jedoch in ein Ghetto gebracht. Renia erlebte täglich brutale Ereignisse. Ihre Mutter lebte da bereits unter falscher Identität in Warschau, wohin ihr Renias sechs Jahre jüngere Schwester Ariana unter dem falschen Namen Elisabeth gefolgt war. In Przemysl verliebt sich Renia in den zwei Jahre älteren jüdischen Jungen Zygmunt Schwarzer, der sie und seine Eltern bei einem Onkel versteckt. Dort werden die drei jedoch am 30. Juli 1942 entdeckt und nachts auf der Straße von deutschen Soldaten erschossen. Zygmunt, der zuvor Renias Tagebuch von ihr erhalten hatte, schrieb selbst den letzten Eintrag: 'Drei Schüsse. Drei Leben verloren'."
Schwarzer gab das Buch an einen Freund, bevor er später selbst verhaftet und in das KZ Auschwitz verschleppt wurde. Er überlebte, erhielt das Tagebuch zurück, fand Renias Mutter und Schwester in den USA, wohin sie nach dem Krieg ausgewandert waren. "Dort hat er ihnen dann Renias Tagebuch übergeben. Die beiden wagten aber nicht, darin zu lesen. Als Arianas Tochter Alexandra Bellack das Buch eines Tages fand, konnte sie es nicht
lesen und ließ es teils übersetzen." Später hat ein polnischer Filmemacher dessen historischen Wert erkannt. 2016 erschien es in polnischer, 2019 in englischer, 2021 in deutscher und 2022 in slowenischer Sprache.
Pavlin berichtet, dass die Ausstellung zu dem Tagebuch im Jüdischen Kulturzentrum Ljubljana und bereits zweimal in Kooperation mit der Synagoge Maribor gezeigt wurde. Der 59 Jahre alte Boris Hajdinjak ist Direktor des Zentrums für jüdisches Kulturerbe, Synagoge Maribor: "Das Gebäude ist über 700 Jahre alt. Es dient nicht mehr als Gotteshaus, ist aber das wichtigste Denkmal jüdischer Kultur in Slowenien, ein Museum und Ort für kulturelle Veranstaltungen." Auch dort habe es schon antisemitische Schmierereien gegeben.
Zusammen mit Marjetka Bedrac, der Koordinatorin der Synagoge, hat Hajdinjak die Ausstellung zu Renia Spiegel unterstützt. "Denn man muss wissen, was unschuldigen Menschen angetan wurde. Dabei muss man vor allem junge Menschen ansprechen."
Deshalb habe man auch die Ausstellung zu Renia Spiegel in der Grund- und Hauptschule Starse unterstützt. Dort organisiert die 59 Jahre alte Geschichtslehrerin und Bibliothekarin der Schule, Leonida Babic, mit Unterstützung des Schulleiters, Franc Kekec, jedes Jahr zum Holocaustgedenktag eine kleine eigene Ausstellung mit Workshops für die etwa 300 Schülerinnen und Schüler. So haben diese auch die Tagebücher von Anne Frank und Renia Spiegel kennengelernt. "Wenn man persönlich von einem Schicksal berührt wird, dann versteht man seine Bedeutung viel besser", sagt Babic. Die vier Schülerinnen Tjasa, Mila, Klara und Neza waren bei der Ausstellungseröffnung am Holocaustgedenktag als Moderatorinnen dabei. Besonders beeindruckt habe sie "die Geschichte des Onkels von Zygmunt, der Menschen vor Verfolgung schützen wollte und sie versteckte. Das zeigt, dass man auch helfen kann, wenn man selbst in Gefahr ist."