Es ist alles im Fluss

Zu Besuch bei Kapitän Horst Herweck auf der TMS Ascona.

Ob auf dem Rhein, dem Neckar oder anderen Flüssen und Kanälen: Die Binnenschifffahrt war einer der entscheidenden Faktoren für die Entstehung und das Wachstum großer europäischer Städte. Der 63 Jahre alte Horst Herweck ist Binnenschifffahrtskapitän auf seinem eigenen Tankmotorschiff. Die TMS Ascona, Baujahr 1993, Heimathafen Kehl, kaufte er 2015 gebraucht von einer Reederei. Sie ist ein sogenannter Doppelhüllentanker mit 100 Meter Länge und 10,42 Meter Breite. Mit ihr kann Herweck 1836 Tonnen Mineralölprodukte wie Benzin, Heizöl oder Kerosin laden und weitestgehend alle westeuropäischen Wasserstraßen befahren. "Ein Schiff gleicher Bauart hätte heute einen Neukaufpreis von circa 4,8 Millionen Euro."

 

Herweck ist Binnenschiffer in zweiter Generation. Schon als kleiner Junge war er auf dem Schiff seines Vaters anzutreffen, durfte früh das Ruder übernehmen, musste aber auch lernen, dass es bei dem Beruf um weit mehr als das verantwortungsvolle Steuern eines Schiffes geht, nämlich um einen Allround-Job, der ebenso viel technisches Verständnis wie handwerkliches Geschick erfordert. Was ihn damals an dem Beruf gereizt hat? "Die Freiheit. Und dieses Gefühl, unterwegs zu sein, während andere zur Arbeit fahren."

 

Ein typischer Arbeitstag beginnt früh, oft lange vor Sonnenaufgang. Während an Land die Städte noch schlafen, wird an Bord bereits kontrolliert, geplant, gesteuert. Maschinen werden überprüft, Routen abgestimmt, Schleusen koordiniert. "Man hat viel Verantwortung - nicht nur für das Schiff, sondern auch für die Ladung und die Crew." Anders als in vielen Berufen gebe es hier keine klare Trennung zwischen Arbeit und Privatleben. Das Schiff ist Arbeitsplatz und Zuhause zugleich.

 

Die größte Herausforderung? "Unberechenbarkeit", antwortet Herweck knapp. Wasserstände, Wetter, technische Probleme - nichts sei wirklich planbar. Besonders kritisch werde es, wenn mehrere Faktoren zusammenkommen. Dann entscheide oft Erfahrung über den Ausgang. Herweck erinnert sich an eine Situation bei dichtem Nebel. Die Sicht nur wenige Meter. Das Radar zeigte Bewegungen, die kaum einzuordnen waren. "In solchen Momenten musst du ruhig bleiben. Panik kannst du dir nicht leisten." Letztlich seien es wieder ein paar rücksichtlose Kanufahrer gewesen, "aber oft sind es auch unberechenbare Stand-up-Paddler oder Fischer, denen nicht bewusst zu sein scheint, welchen großen toten Winkel solch ein Binnenschiff besitzt."

 

Doch es sind nicht nur die gefährlichen Situationen, die den Beruf prägen. Es sind auch die stillen, beinahe poetischen Momente. Sonnenaufgänge über dem Fluss, das langsame Gleiten durch Schleusen, Begegnungen mit anderen Schiffen. "Man sieht Orte, die andere nie sehen", sagt Herweck. "Und man sieht sie anders."

 

Der Weg in die Binnenschifffahrt sei weniger verschlossen, als viele denken. "Es gibt klare Ausbildungswege, aber zumeist sind auch Quereinstiege möglich." Vom Deckarbeiter könne man sich Schritt für Schritt hocharbeiten. Entscheidend seien nicht nur Zeugnisse, sondern Durchhaltevermögen. Über Jahre hinweg lernten die Auszubildenden nicht nur, ein Schiff sicher zu steuern, sondern auch Verantwortung für Technik, Ladung und Sicherheit zu übernehmen. Zur Ausbildung gehörten Navigation, Motorenkunde und das Arbeiten im Team ebenso dazu wie das Verständnis für Strömungen und Wetterbedingungen.

 

"Diese Berufsgruppe sollte bekannter gemacht werden, vor allem für Quereinsteiger", wünscht sich Herweck. Denn auch hier herrscht schon lange ein großer Mangel an Nachwuchskräften. Dabei sind viele Wege offen - vorausgesetzt, man bringe die Bereitschaft mit, sich auf das Leben und Arbeiten auf dem Wasser einzulassen. "Du musst bereit sein, anzupacken - und auch mal eine Zeit lang weg von zu Hause zu sein."

 

Die Binnenschifffahrt habe sich in den letzten Jahren aufgrund des Nachwuchsengpasses auch schon angepasst. "Bei einer Schiffsgröße wie der Ascona benötigt man eine Mindestbesatzung von drei Mann inklusive Schiffsführer. Früher kam man oft monatelang nicht von Bord. Heute wird oft 14/14 angeboten, was bedeutet, dass man 14 Tage an Bord ist und 14 Tage zu Hause."

 

Man habe sehr wohl erkannt, dass genau darin für viele das Problem liegt. Wochenlang unterwegs, wenig Kontakt zum Alltag an Land. "Man verpasst Dinge", gibt Herweck zu. Familienfeiern, spontane Treffen, manchmal ganze Lebensabschnitte. "Das ist der Preis." Gleichzeitig betont er, dass die Zeit an Bord auch zusammenschweißt. Die Crew wird zur Ersatzfamilie, das Schiff zum eigenen Kosmos.

 

Für viele bleibt die Branche unsichtbar. "Die meisten denken bei Transport an Lkw", sagt Herweck. "Dass ein großer Teil über Wasser läuft, sehen sie nicht." Dabei sei die Binnenschifffahrt ein zentraler Bestandteil der Logistik - effizient, vergleichsweise umweltfreundlich und unverzichtbar. "Es gibt keine große Lobby. Dabei hätten wir viel zu bieten - auch finanziell."

 

Und die Zukunft? Herweck schaut kurz aus dem Fenster der Brücke, wo sich das Wasser in langen Linien zieht. "Ich glaube, die Schifffahrt wird wichtiger werden. Steigende Transportbedarfe, Umweltfragen, überlastete Straßen - all das spricht für den Wasserweg. Aber dafür braucht man Menschen, die den Job machen wollen." Für ihn selbst ist die Entscheidung längst gefallen. Trotz aller Herausforderungen, trotz der Entbehrungen. "Ich würde es wieder tun", sagt er, ohne zu zögern. Was ihn hält, ist schwer in Worte zu fassen. Vielleicht ist es dieses Gefühl von Bewegung, von Unabhängigkeit. Vielleicht auch die Nähe zum Wasser, die sich nicht erklären lässt.

 

Das Schiff zieht weiter, ruhig und gleichmäßig, während am Ufer langsam das Leben erwacht. Autos füllen die Straßen, Züge rollen über Brücken. Und irgendwo dazwischen, fast unbemerkt, gleitet ein Tankmotorschiff flussabwärts - gesteuert von jemandem, der einen Beruf ausübt, den kaum jemand kennt.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 03.08.2026, Nr. 177, S. 26 - Pia Hilge, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

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