Es steht ein Pferd auf dem Dach

Der Zürcher Künstler Yves Netzhammer sorgt gerne für Irritationen.

 Ich weiß auch nicht immer alles über das, was ich mache. Das ist das Tolle an der Kunst", sagt Yves Netzhammer. Der glatzköpfige, schlicht gekleidete 55-Jährige wirkt in sich gekehrt. Fängt er aber an, über Kunst zu reden, hat der Zürcher Schwierigkeiten, wieder aufzuhören. Bekannt ist Netzhammer für seine abstrakten Kunstwerke, die oft digital entstehen, zum Beispiel animierte Figuren, digitale Zeichnungen oder Installationen mit LED-Elementen. Er arbeitet in Zürich, genauer im Kulturzentrum Rote Fabrik, wo sich sein Atelier befindet.

 

Geboren wurde Netzhammer 1970 in eine Schaffhauser Ingenieursfamilie. Von 1987 bis 1990 machte er eine Lehre als Hochbauzeichner, in der er aber herausfand, dass ihm das Ingenieurwesen zu eng und er eher auf eine künstlerische Art an den Dingen interessiert ist. Von 1990 bis 1991 besuchte er den Vorkurs an der Hochschule für Gestaltung in Zürich, wo er Grundlagen und Techniken der visuellen Kunst lernte. Danach besuchte er bis 1995 die Weiterbildungsklasse für visuelle Gestaltung.

 

Sein Atelier am linken Zürichseeufer ist ein einziger großer Raum mit einer hohen Decke und weißen Wänden. Rechts von der Eingangstür befinden sich einige 3D-Drucker, links stehen Regale mit Büchern. Netzhammers Werke sind im ganzen Raum verteilt. Auf Tischen, an Wänden oder durch eine Schnur über den Raum gespannt. Die Werke reichen von Menschen, tierähnlichen Figuren und Gliedmaßen aus den 3D-Druckern über Drahtfiguren, die menschenähnliche Formen annehmen, bis hin zu Zeichnungen, die wie die Übersetzung der Drahtformen in ein neues Medium anmuten.

 

Während seines künstlerischen Werdegangs wechselte Netzhammer immer wieder das Medium für seine Kunst. "Ich habe mich immer autodidaktisch fortgebildet und geschaut, was ich kann - und vor allem, was ich nicht kann. Außerdem habe ich überlegt, mit welchen Techniken ich mir Fragen stellen kann. Die LED-Rotoren kannte ich vorher auch nicht, ich habe sie zufällig in der Werbung entdeckt." Dabei handelt es sich um rotierende LED-Elemente, die durch schnelle Bewegung scheinbar in der Luft schwebende Bilder und Figuren erzeugen. In der Vergangenheit arbeitete er viel mit Strichzeichnungen. Diese macht er jetzt vor allem digital oder wandelt sie mit Hilfe von 3D-Druckern zu Drahtfiguren um.

 

Netzhammers Werke wurden in mehr als 100 Ausstellungen gezeigt, auch im Utsunomiya Museum of Art in Japan oder in der berühmten Fosun Foundation in Shanghai, wo er jeweils einzeln ausstellte. Im Jahr 2007 vertrat Netzhammer zusammen mit der Malerin Christine Streuli die Schweiz auf der 52. Biennale von Venedig. Einige seiner anderen größeren Projekte sind ein metallisches Pferd auf dem Dach einer neuen städtischen Überbauung im Kreis 5 in Zürich, das sich bewegen kann und dessen Perspektive man auf pferdeblick.ch durch eine installierte Kamera einnehmen kann. Oder eine Installation mit dem Namen "Gesichtsüberwachungsschnecken" in einer U-Bahn-Station in Wien. Von Oktober 2025 bis Januar 2026 zeigte das Kunsthaus Zürich seine Werke in der Ausstellung "O Mensch!", in der er in einen Dialog mit dem Künstler Wilhelm Lehmbruck trat. Während Lehmbrucks klassische Figuren aus Gips oder Guss sind, setzt Netzhammer auf 3D-Figuren und auf digitale, bewegte Bildwelten. Netzhammers Werke regen zu einem Nachdenken über Verletzlichkeit an. Besonders eindrücklich ist das Werk "die kleine Rotorfigur". Es besteht aus mehreren Händen und Füßen aus Kunststoff, über denen ein LED-Rotor eine Animation abspielt, in der eine Figur sich auf abstrakte Weise bewegt und verändert. "Bei einer Einzelausstellung kann ich stark mitreden. Hier war das weniger der Fall, da es auch darum geht, die Altpositionen material- und kulturgerecht zu zeigen. Dabei gibt es viele Einschränkungen, damit die Werke nach versicherungstechnischen Vorgaben ausgestellt werden können." Für die Umsetzung seiner Projekte hat Netzhammer mit vielen Stoffen zu tun. "Auf meiner Homepage kann man sehen, dass ich mit sehr unterschiedlichen Materialien arbeite. Manchmal wird gegossen, dann arbeite ich mit einer Gießerei oder mit einer Hydraulikfirma zusammen. Jedes Projekt sucht eine andere Form der Materialisierung." Die Personen, mit denen er zusammenarbeitet, kennt er aus unterschiedlichen Kontexten, etwa den Klangkünstler Bernd Schurer, den er aus einem Theater kennt. Schurer hilft ihm heute noch bei Projekten, wie zum Beispiel beim Sounddesign von Animationsfilmen.

 

Netzhammer kann von seiner Kunst leben. So erhält er Honorare für gewonnene und umgesetzte "Kunst am Bau"-Wettbewerbe. Er arbeitet nicht mit einer Galerie zusammen. Er verkauft aber trotzdem einzelne Werke, dies dann durch Anfragen per Mail, oft an Museen oder Kunsthäuser.

 

In seiner Zeit an der Zürcher Hochschule der Künste fing er an, sich immer mehr mit der Theorie und Philosophie der Kunst zu beschäftigen. "In der Kunst ist es so, dass man viele Fragen über unsere Identität stellt: Wer wir sind, warum wir 'ich', 'du' oder 'wir' sagen. In meinem Fall sind es Arbeiten, in denen es immer um unsere Person, um Figuration oder um Formen von Körperlichkeit geht. Im besten Fall ist man auf eine gute Art irritiert."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 08.06.2026, Nr. 129, S. 30 - Maël Doetkotte, Kantonsschule Uetikon am See

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