Für Pippi gibt s keine Pause

Im slowenischen Velenje findet das größte Kinder-Festival der Region statt. Die 22 Jahre alte Ema Kac spielt dort Pippi Langstrumpf.

Ema Kac sollte jetzt Mittagspause haben. Aber dafür hat die Zweiundzwanzigjährige keine Zeit. Ihre Heimatstadt Velenje in der slowenischen Untersteiermark hat nur etwa 34.000 Einwohner, doch in einer bestimmten Woche im September stets doppelt so viele Besucher. Diese verwandeln Straßen, Plätze und Hallen in ein kunterbuntes Gewimmel. Kac ist 1,60 Meter groß und schlank. Sie hat einen Bachelor in Media Communication. An diesem warmen Tag trägt sie ein kurzes, leuchtend gelb-buntes Kleid, darunter eine weiß-blaue Pluderhose, hohe schwarze Schuhe und bunte Ringelstrümpfe. Und sie hat beste Laune. Und das obwohl sie es jeden Tag mit zwei Typen von der Polizei zu tun bekommt, einen kleinen Affen am Hals hat, es mit Piraten zu tun hat, die auf dem zentralen Stadtplatz ein großes Segelschiff aufgebockt haben, und mit so vielen Kindern, dass man sie kaum zählen kann. Ständig stürmen diese auf Ema zu. Die läuft ihnen dann lachend entgegen und singt und tanzt mit ihnen wild herum. Und ihre langen, feuerroten Zöpfe mit den gelben Schleifen tanzen mit. Journalisten bitten sie um Interviews. Langsam und deutlich stellt sie sich dann auf Slowenisch vor: "Ich heiße Pippilotta Viktualia Rollgardina Pfefferminz Efraimstochter Langstrumpf." Denn Ema Kac ist im vergangenen September schon zum vierten Mal die Heldin beim Pippi-Langstrumpf-Festival in Velenje.

 

An zehn Plätzen mit 25 Zelten und kleinen Hütten und in der großen Sporthalle der Stadt wird ein buntes Programm geboten. Mit mehr als 70 Workshops, Artistik, Zauberei, Theater und Musik, mit Kochen, Backen, Spielen und der Möglichkeit, sich als Pippi mit Sommersprossen zu schminken oder sich abstehende Zöpfe mit Korkenzieherdraht flechten zu lassen. Pippi reitet auf ihrem "Kleinen Onkel", einem nagelneuen weißen Drahtesel mit schwarzen Punkten, von Ort zu Ort und hält überall an, wo Kinder mit ihr spielen oder sich mit ihr fotografieren lassen wollen. Natürlich ist auch "Herr Nilsson", der kleine Affe, nicht echt. "Obwohl wir es auch schon mal mit einem lebenden Tier versucht haben", wie Barbara Pokorny erklärt. "Aber der Affe machte, was er wollte, und vor allem aus Tierschutzgründen haben wir uns dann für ein Stofftier entschieden." Die Vierundfünfzigjährige ist gelernte Journalistin, seit 1999 bei der Stadtverwaltung angestellt und seit der Gründung 2008 die Direktorin des öffentlichen Instituts Festival Velenje. "Das Festival ist das größte seiner Art in Slowenien. Es existiert seit 35 Jahren. Vor Covid hatten wir bis zu 100.000 Besucher pro Saison." Das Festival versuche, Spaß und Lernen miteinander zu verbinden. Vor allem aber möchte Pokorny, "dass die Kinder Pippi genauso lieben lernen, wie ich es als Kind getan habe". Für die Direktorin, die ohne eigene Kinder mit ihrem Partner in Velenje lebt, "ist das Pippi-Festival auch so etwas wie mein Baby". Schon als Kind habe sie sich an Karneval immer als Pippi verkleidet. "Pippi symbolisiert Mut und Einfallsreichtum, daher wurden die Bücher an einigen Orten ja auch verboten." Als 1990 das erste Pippi-Festival organisiert wurde, habe sie begeistert teilgenommen. Heute bereitet sie mit ihren 27 festen Mitarbeitern "das ganze Jahr das Festival vor, aber die 30 Tage vor dem eigentlichen Beginn arbeiten wir täglich daran, oft ohne Pausen". Sie kümmere sich vor allem um das Fundraising, die Auswahl von Acts, Aufführungen und Darstellern, um Ausschreibungen, Rechnungen und Bürokratie, wobei ihr Letzteres am wenigsten gefalle. "Das Budget beträgt rund 300.000 Euro pro Jahr, aber all die Kosten sind schwer zu decken. Die Gemeinde steuert jedes Jahr etwa 150.000 Euro bei." Gleichwohl soll es weiterhin keine Eintrittspreise geben. "Es wäre dann nicht mehr unser Festival, wie wir es kennen. Deshalb vertreiben wir Pippi-Langstrumpf-Artikel und organisieren Wohltätigkeitsveranstaltungen für Menschen, die sich nicht so viel leisten können. Denn es macht traurig, ein Kind zu sehen, das etwas bei uns in Pippi Langstrumpfs Laden kaufen möchte, es sich aber nicht leisten kann."

 

Ursprünglich sei das Festival auch für die Woche des Kindes ins Leben gerufen worden. "Wir erfinden immer neue Wege, um Kinder für Pippi zu begeistern. Manchmal kommt Pippi zum Festival auf einem lebenden Pferd oder mit dem Piratenschiff oder auch schon mal mit dem Fallschirm aus einem Flugzeug. Dabei ist sie aber auch schon weit vom Ziel entfernt gelandet", erklärt sie lachend. Die wichtigsten Ziele seien kulturelle Bildung, Geselligkeit und Freundschaft, Kreativität, Spaß und Ökologie. "Bei uns wird alles recycelt, wir arbeiten nur mit recyceltem Material."

 

Zunächst sei das Festival nur für die Einwohner von Velenje veranstaltet worden. Es habe sich jedoch schnell in den slowenischen Schulen verbreitet. "Morgens kommen auch immer noch überwiegend Schulklassen." Etwa 90 Prozent der Besucher seien Slowenen, so wie Sasa, die mit ihren Kindern gekommen ist. "Ich war vor 30 Jahren hier selbst einmal als Pippi aktiv", sagt sie. Pokorny berichtet, dass auch Italiener, Ungarn, Kroaten und einige Deutsche das Festival besuchen. Zu diesen gehört Nina Nagel aus der Nähe von Villingen-Schwenningen. Die siebenundsechzigjährige Architektin im Ruhestand ist mit Freunden gekommen. "Ganz besonders begeistert hat mich die Begegnung mit Pippi", sagt sie. "So viel Energie und Frohsinn habe ich selten erlebt."

 

Das bestätigt auch Jona Zamrnik. Die zweiundzwanzigjährige Musikstudentin ist eine von gut 300 Studierenden, die als Freiwillige mitarbeiten. "Ich wuchs mit der Figur Pippi Langstrumpf und ihrem Festival in Velenje auf. Das ist hier fast ein natürlicher Prozess." Jona ist die beste Freundin von Ema Kac und ihre Haarstylistin, wenn sich die junge Frau in die neunjährige Pippi verwandelt. "Ich kann mir keine bessere Person als Pippi Langstrumpf vorstellen", sagt Jona. "Ema ist ein Multitalent, sie spielt Klarinette, ist offen, neugierig, voller positiver Energie. Sie nimmt die Rolle sehr ernst, beherrscht sie nahezu perfekt mit Mimik, Gestik, Sprache und mit ihrem ganzen Verhalten. Sie ist ungezwungen im Umgang mit Kindern und Erwachsenen und kann sich vollkommen mit der Rolle identifizieren. Sogar ihren Freund kennt sie nicht mehr, wenn sie sich einmal in Pippi verwandelt hat."

 

Dabei muss sich Ema dem Jahres-Motto des Programms anpassen. 2025 lautete es "Pippi in Bewegung". "Wir wollten damit zu physischer Bewegung, zu Sport, aber auch zur Bewegung in unseren Köpfen, also zum Austausch mit anderen Denkweisen motivieren", erklärt die Direktorin. Dazu passt, dass 2025 Nika Prevc die Schirmherrin gewesen ist, die kleine, schmächtige Skispringerin, die allen anderen meistens erfolgreich davonfliegt.

 

In Zukunft soll das Festival "noch umweltbewusster werden. Denn wenn Pippi und die Kinder eine Zukunft haben sollen, müssen wir zuerst für eine saubere und gesunde Umwelt sorgen." Vor allem möchte die Direktorin, "dass das Pippi-Langstrumpf-Festival die Ära der Digitalisierung überlebt und sich weiterentwickelt, auch wenn ich es nicht mehr organisieren werde". Und Ema Kac? "Sie wird unsere Pippi Langstrumpf sein, solange sie möchte. Erst dann wird es wieder ein Casting für die Rolle geben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 30.03.2026, Nr. 75, S. 30 - Lucian Lovrencic, Lan Jeric, Dina Skamagkouli, Anja Oblak Discimus Lab, Videm pri Ptuju/Trzec

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