Andrea von Siebenthals Filme zeigen, wie der Krieg weiterlebt, wenn die Waffen schweigen
Der Krieg lebt weiter. In den Körpern, in den Köpfen, im Boden." Andrea von Siebenthal sagt das mit einer Ruhe, die überrascht. Die 46 Jahre alte Mutter zweier Töchter im Alter von 21 und 23 Jahren trägt Jeans und eine pinke Bluse. Ihr Lachen blitzt auf, wenn sie
erzählt. Das wirkt wie ein Gegenpol zu den schweren Themen, die ihr Leben bestimmen: Kriege, ihre Folgen und die Frage, was Menschen in Extremsituationen menschlich bleiben lässt. Geboren 1979 im schweizerischen Gstaad, gehört von Siebenthal einer der ältesten Familien des Ortes an. Deren Stammbaum reicht bis ins 12. Jahrhundert zurück. In ihren ersten 15 Lebensjahren besuchte Andrea die Schule in Gstaad, danach bricht sie nach Freiburg ins Welschland auf, in das Internat Collège de Gambach, wo sie die Matur abschließt. "Ich wollte so früh wie möglich aus dieser Postkarte ausbrechen."
Von 2005 bis 2006 studiert sie an der Schweizerischen Journalistenschule in Luzern und startet beim "Anzeiger von Saanen": "Mein erster Job im Bereich Journalismus." 2012 machte sie einen Master in International Conflict Journalism am Centro Alti Studi per la Difesa in Rom. Eine Zeit lang war sie beim Regionalsender Tele Bielingue als Moderatorin tätig und arbeitete beim Schweizer Fernsehen als Redaktorin. 2014 erwarb sie ein Zertifikat in Pressearbeit und wurde Pressesprecherin beim Genfer Internationalen Zentrum für Humanitäre Minenräumung (GICHD). Sechs Jahre lang leitete sie dort die Kommunikation und produzierte kurze Dokumentarfilme über deren Arbeit. "Eine Erfahrung, die meine Leidenschaft für das Medium Film entfachte." Sie spricht fließend Deutsch, Schweizerdeutsch, Englisch, Französisch, Italienisch und Spanisch. "Eine Sprache öffnet einem die Türen zu einer anderen Kultur. Ich finde es immer so frustrierend, wenn ich in einem Land reise und die Sprache nicht verstehe." Als Jugendliche habe sie davon geträumt, Dolmetscherin zu werden. Doch der Rat des Vaters klinge bis heute nach. "Warum übersetzen, was andere sagen, wenn du doch selbst die sein kannst, die etwas sagt und bewirkt?" Gottfried von Siebenthal ist Chronist des Dorfes Gstaad. Mit seiner Tochter schrieb er den Roman "Madame Gstaad", die Geschichte von Emilie Steffen-von Siebenthal, einer Frau, die nach dem Dorfbrand von 1898 ihr Leben neu aufbauen musste. Sie war die Schwester des Ururgroßvaters von Andrea von Siebenthal. Erzählen blieb für sie zentral, das Medium änderte sich. New York. Morgens, wenn sie aus der Subway ans Tageslicht stieg, fiel ihr Blick auf die Freiheitsstatue. Das sei ihr persönliches Zeichen gewesen, erinnert sie sich. Als die Pandemie kam, entschied sie sich, sich nur noch dem Dokumentarfilm zu widmen. Weil sie nach sechs Jahren als Pressesprecherin eine neue Herausforderung suchte, folgte sie ihrem Bauchgefühl und schrieb sich für den Zertifikatslehrgang an der New York Film Academy ein. 2022 belegte sie dort einen Kurs für Dokumentarfilmer, blieb zwei Jahre, um ihrem Abschlussprojekt, dem Dokumentarfilm "More than Brothers", nachzureisen. Er erzählt die Geschichte zweier Afghanen, die mit den US-Streitkräften kämpften, und zweier Soldaten der US-Spezialeinheiten, die ihnen beistanden
- ein eindringlicher Film über den Preis, den Menschen für politische Entscheidungen zahlen. Der Film fand international Aufmerksamkeit. "Auf Festivals wie DOC NYC, Big Sky, Hot Springs oder Savannah war der Anklang überwältigend. Preise folgten, darunter eine Auszeichnung am Lighthouse International Film Festival in New Jersey. Für mich ist der Film mehr als ein beruflicher Erfolg. Geschichten haben die Kraft, Empathie zu schaffen.
Und damit echte Veränderung zu ermöglichen."
Fast alles habe sie für den No-Budget-Film selbst machen müssen: Regie, Interviews,
Schneiden, den Ton kontrollieren. Gedreht wurde in New York, Boston und Washington, ergänzt durch Videomaterial aus Afghanistan. "Ich habe mich tagelang durch das Material der Helmkameras aus den Afghanistan-Einsätzen der Protagonisten gekämpft, um die entscheidenden Sekunden herauszufiltern. Diese Szenen sind extrem wertvoll, sie zeigen, wie es wirklich war." Der 24-minütige Film erzählt vom Abzug der US-Armee aus Afghanistan im August 2021. Von Veteranen, die ihre ehemaligen afghanischen Weggefährten nicht im Stich lassen wollen. Von Männern, die einst Seite an Seite kämpften und nun getrennt leben, über Kontinente hinweg. "Eigentlich ist es ein zutiefst trauriger Film. Grundsätzlich geht es in meiner Arbeit immer um den menschlichen Preis des Krieges." Das Interesse an Schicksalen in Zeiten des Umbruchs begleitet von Siebenthal seit ihrer Kindheit. Als sie zehn war, erlebte sie einen Moment, von dem sie heute erkennt, wie prägend dieser für sie war. Ihr Vater sitzt vor dem Fernseher, Tränen laufen ihm über die Wangen, während die Berliner Mauer fällt. "Ich habe meinen Vater nie weinen sehen.
Plötzlich war Weltfrieden möglich." Dieses Erlebnis habe ihr zum ersten Mal gezeigt, wie politische Ereignisse das Leben von Menschen direkt berühren.
"Der Krieg ist nicht fertig, wenn man sagt, er ist fertig. Er lebt weiter in den Menschen." Von Siebenthal hat in zahlreichen Postkonfliktgebieten gearbeitet. Was sie dort gesehen hat, lässt sie nicht mehr los: Familien, die auseinandergerissen werden, Menschen, die psychisch und physisch zutiefst verletzt sind, zerstörte Landschaften. Sie sucht mit ihren Filmen nach den leisen Spuren, die Gewalt hinterlässt: in Gesichtern, in Familien, in Landschaften. Der Krieg endet nicht mit dem Schweigen der Waffen. Hinter den Opferzahlen würden sich Menschen verbergen; mit Familien, Träumen und Hoffnungen. "Jeder Mensch hat eine Stimme. Aber manche Stimmen werden in unseren Medien nicht gehört." Diese Stimmen wolle sie verstärken. "Mich berührt das jedes Mal extrem, und ich empfinde es als Privileg, solche Geschichten aus erster Hand erfahren und weitergeben zu dürfen."
Wenn die Themen zu schwer werden, findet sie Trost in den Momenten, in denen Menschlichkeit und Hoffnung durchscheinen. "Trotz allem, was ich sehe, gibt es so viel Licht in der Dunkelheit. Und ob in uns das Licht oder die Dunkelheit durchscheint, kommt ganz stark auf die Umstände an." Die Geschichten und kleinen Akte der Fürsorge, die sie dokumentiert, geben ihr Kraft und Bestätigung. Gleichzeitig achtet sie darauf, auch im Alltag für Ausgleich zu sorgen. "Ich schöpfe viel Kraft aus der Natur." Manchmal greife sie auch zu schwarzem Humor. "Das nimmt dem Ganzen den Schrecken."
Ihr aktuelles Projekt trägt den Arbeitstitel "Humanity at War", eine Serie über die Genfer Konventionen. Sie will zeigen, wie Regeln inmitten von Chaos Grenzen ziehen können, die einzige Mauer zwischen Barbarei und Menschlichkeit. Ein Traum von ihr bleibt: den Roman "Madame Gstaad" zu verfilmen. "Wo ein Wille, da ein Weg." Ein Satz, der in Gstaad ebenso passt wie in Afghanistan oder New York.