Finn hält den Ball flach

Ein achtzehnjähriges Nachwuchstalent möchte Fußballprofi werden.

Leichter Wind weht über den Fußballplatz im Gründenmoos in St. Gallen, auf dem an diesem Nachmittag intensiv trainiert wird. Stimmen hallen übers Feld, Pässe werden gespielt und Anweisungen kurz und klar gegeben. Der achtzehnjährige Finn Krucker steht am Rand des Spielfelds, zieht kurz die Ärmel seines Trainingsshirts nach unten und setzt sich gleich wieder in Bewegung. Es ist das Abschlusstraining vor dem U-19-Meisterschaftsspiel des FC St. Gallen gegen den FC Aarau im März 2026. "Hier entscheiden oft Kleinigkeiten", sagt er. "Ein Schritt zu spät, und der Ball ist weg." Ein kurzer Zuruf vom Trainer, kaum lauter als nötig, genügt, und Finn verschiebt sich um wenige Meter.


Sein Tag begann Stunden zuvor in seinem Wohnort Frauenfeld. Jeden Morgen steht er um

6.15 Uhr auf. Wenig später sitzt er am Tisch, isst etwas Kleines und macht sich auf den Weg zur Arbeit, die nur wenige Minuten entfernt liegt. Bis 13 Uhr arbeitet er als Kaufmann in Ausbildung bei der Stadt Frauenfeld. Sein Arbeitgeber unterstützt sportliche Talente und zeigt sich flexibel. So kann Finn bei Bedarf früher gehen, um rechtzeitig an Trainings oder Spielen teilzunehmen. "Ich versuche, alles zuverlässig und sauber zu erledigen, damit ich den Kopf fürs Training frei habe." Viel Zeit zum Umschalten bleibt nicht: Tasche packen, zum Zug gehen und unterwegs essen.


Um 15 Uhr beginnt das Training, häufig eingeleitet durch Videoanalysen. "Man sieht Dinge, die man auf dem Platz gar nicht merkt. Das hilft extrem." Auf dem Platz steigt die Intensität sofort. Aufwärmen, Pass- und Spielformen folgen in hohem Tempo und mit wenig Pausen. "Man hat oft nur ein oder zwei Kontakte, bis der Ball wieder gespielt werden muss." Gegen 17 Uhr endet das Mannschaftstraining. Nun folgt individuelles Krafttraining, mit aktuellem Fokus auf Maximalkraft. Die Übungen sind intensiv. "Das gehört natürlich auch dazu, wenn man besser werden will." Erst gegen 18 Uhr macht sich Finn auf den Heimweg. Wenn er abends wieder in Frauenfeld ankommt, sei er meistens ziemlich müde. "Viel mehr als essen und schlafen ist nicht mehr drin."


Dass sein Alltag heute so klar strukturiert ist, entwickelte sich über die Jahre. Der 1,85 Meter große junge Mann wirkt ruhig und selbstbewusst. Seine athletische Statur spiegelt die vielen Stunden auf dem Trainingsplatz wider. Auf dem Platz ist er flexibel einsetzbar, egal ob in der Innen- oder Außenverteidigung oder im defensiven Mittelfeld. Als Kind betrieb Finn mehrere Sportarten gleichzeitig, darunter Leichtathletik und Unihockey, bevor der Fußball immer mehr in den Mittelpunkt rückte.

Die Europameisterschaft 2016 begeisterte ihn besonders. "Cristiano Ronaldo oder Antoine Griezmann haben mich fasziniert. Da habe ich gemerkt, dass ich im Fußball weiterkommen will." Mit neun Jahren begann er ernsthaft beim FC Frauenfeld zu trainieren. Früh wurde sein Talent erkannt, und er kam ins Fördertraining beim Nachwuchs des Teams Thurgau.

Trotzdem blieb der Fußball zunächst nur ein Hobby. "An Profi habe ich damals nicht gedacht." Erst mit dem Eintritt in die Sportschule Bürgeln wurde der Weg konkreter. Trainingspläne, Leistungsanalysen und mentale Arbeit kamen hinzu. "Ab da wurde alles deutlich zielgerichteter."


Ein wichtiger Schritt folgte beim FC Wil, wo er in der U 16 und später in der U 18 trainierte und spielte. In der Innenverteidigung fühlt er sich am wohlsten. Der Wechsel im Sommer 2025 in die U 19 des FC St. Gallen markierte den nächsten Entwicklungsschritt. Die Zusage erhielt er telefonisch. "Das war einer der schönsten Momente für mich. Ich wusste, dass ich meinem Ziel als Fußballprofi näher komme."


Das Training ist genau geplant. Trainer, Athletikcoach, Analysten und Physiotherapeuten stehen dauerhaft an der Seite und arbeiten eng zusammen. Für jeden Spieler werden die Trainings und Spiele ausgewertet, um individuell zu fördern. "Es wird auf jedes Detail geachtet." Auch mental wird viel verlangt. Kritik gehöre zum Alltag, und Trainer und Mitspieler seien oft direkt zueinander. "Am Anfang war das ungewohnt, aber man lernt, damit umzugehen." Unterstützt wird er durch Mentaltraining. Konzentration, Stabilität und der Umgang mit Rückschlägen spielten eine wichtige Rolle. Gleichzeitig bringe dieser Weg auch Einschränkungen mit sich. Freizeit sei knapp, vieles müsse dem Fußball untergeordnet werden. Partys, spontane Treffen, Ferien oder langfristige Pläne richteten sich oft nach dem Trainings- und Spielbetrieb. Schwer falle es ihm jedoch nicht. "Für mich ist das normal geworden." Seine Freunde sieht er trotzdem regelmäßig. Viele von ihnen spielen ebenfalls Fußball. "Man verzichtet schon auf einiges, aber das ist Teil davon."


Seinen Weg stellt Finn nicht infrage. "Für mich gibt es keinen Plan B. Ich will und werde es schaffen." Gleichzeitig sei ihm bewusst, wie anspruchsvoll das ist. Die Konkurrenz sei enorm. "Jeder will spielen, jeder will sich zeigen, aber am Ende funktioniert es nur als Team." Eine entscheidende Rolle spiele seine Familie. "Ohne sie wäre ich nicht da, wo ich heute bin. Sie unterstützen mich immer." Neben seinen Eltern steht ihm auch seine ältere Schwester zur Seite. Sie selbst spielt Volleyball.


Am Ende des Trainingstages leert sich der Platz im Gründenmoos wieder. Die Stimmen der Fußballer werden leiser, das Training ist vorbei. Finn nimmt seine Tasche, wirft einen letzten Blick auf das Spielfeld und macht sich auf den Weg nach Hause.


Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 12.10.2026, Nr. 226, S. 26 - Fabio Held, Kantonsschule Kreuzlingen

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