Die Tonnen wiegenden Marmorskulpturen der Schweizer Bildhauerin Sibylle Pasche gehen nicht leicht von der Hand. Sie sind auf der ganzen Welt zu bestaunen.
Die Skulpturen, die wie überdimensionale schlafende Schafe auf dem Kiesplatz vor der Scheune liegen, fallen zuerst ins Auge. Die glatten Marmoroberflächen leuchten in der Sonne. Idyllisch steht die alte Scheune zwischen Laubbäumen und einer ruhigen Landstraße auf einem Hang, der den Zürichsee überblickt. Es ist das Atelier der Bildhauerin Sibylle Pasche in Meilen. Beim Betreten knarrt der Holzboden. Aus einem Nebenraum dringt gedämpft "Yes" von Merry Clayton. Dort lehnt sich die Neunundvierzigjährige über eine Leinwand, die sie gerade bemalt. Sie beschäftigt sich nicht nur mit Bildhauerei, sondern auch mit Acryl und Zeichnungen. Die Zürcherin ist warm eingepackt. Ihre braunen Haare fallen ihr in einem sorgfältigen Zopf über die Schulter. Während sie einen orangenen Pinselstrich perfektioniert, erklärt sie: "Kunst ist eine Entwicklung, deshalb experimentiere ich immer mit anderen Sachen. Und doch hat man eine Linie, die man verfolgt, denn jedes Kunstwerk ist mit meiner Person verbunden." Ihre Linie ist durch wiederkehrende organische Formen erkennbar. Von Wölbungen und Kreisen zu scharfen Kanten. Eines ihrer Marmorkunststücke erinnert an einen Luftballon, um den kreuz und quer eine Schnur gewickelt wurde. Die Drei- und Vierecke, die dabei entstehen, sind stark nach außen gewölbt und werden durch klar eingearbeitete Kanten getrennt.
Pasche war schon als Kind kreativ. "Ich zeichnete und bastelte eifrig." Nach ihrem Abschluss am Liceo Artistico in Zürich, wo sie von 1999 bis 2002 auch lehrte, besuchte sie die Accademia di Belle Arti in Carrara. "In der Wiege der Kunst in Italien, die von den Römern und der Renaissance geprägt wurde, zu studieren, war sehr inspirierend." Ihr Lieblingsmaterial, der Marmor, stammt aus einem Steinbruch in Carrara, wo sich ihr zweites Atelier befindet. Dort arbeitet sie an all ihren größeren, tonnenschweren Skulpturen. Lastwagen bringen die Steinblöcke vom Steinbruch in ihre Werkstatt, wo sie mit Kränen und unzähligen Arten von Sägen die Rundungen und scharfen Kanten in den Marmor zaubert.
Neben dem neutralen, weißen Marmor, der das Licht- und Schattenspiel besonders großartig zeigt, wagt sich die Bildhauerin auch an schwarzen Marmor oder an Granit, Travertin und Aluminium. Dabei arbeitet sie zuerst immer im Kleinformat, ihrem "Experimentiergebiet". So könne sie testen, welche Elemente sie in den größeren Skulpturen übernehmen möchte. Auf die Malerei konzentriert sie sich vor allem, seit sie Kinder hat. "Durch die Kinder wurde ich aus dem Rhythmus geworfen, was zu einer kreativen Veränderung geführt hat. Auch wenn die beiden Buben inzwischen schon acht und elf Jahre alt sind, bin ich immer noch weitgehend fremdbestimmt. Ich kann nicht mehr jederzeit an der zeitintensiven bildhauerischen Gestaltung arbeiten, da man dafür in den Flow kommen muss. Deshalb probiere ich nun auch vermehrt anderes aus."
Die Natur sei ihre größte Inspirationsquelle. Sie übernimmt Formen und Strukturen, die man im Alltag findet, wie das Hell-Dunkel von schmelzendem Schnee auf moosgrünem Waldboden. Abgeschottet von den belebten Dorfstraßen kann Pasche sich in ihrem Meilener Atelier ganz ihrer Kunst widmen. Dass die Scheune so nah am Waldrand steht, habe aber auch seinen Preis. Sie muss ihre Werke, die in der Scheune ausgestellt sind, abdecken, um sie vor Tieren zu schützen. Vereinzelt besuchen sogar Eulen das Atelier auf der Suche nach einem Zufluchtsort.
Pasche ist international mit zahlreichen Kunstprojekten im öffentlichen Raum vertreten, darunter "Rising Stars" in One Park, Taipeh. Auch in Südkorea, Italien, Griechenland und in den USA sind ihre Skulpturen zu finden. Ihr jüngstes Projekt "Coral Forest & Secrets of the Sea" befindet sich in Miami. Die großen organischen Marmorobjekte mit ihrer kristallartigen Oberfläche stehen in Coral Gables, einem Vorort der Stadt. Die ursprünglichen Steinblöcke waren insgesamt über 50 Tonnen schwer. Mithilfe ihrer beiden Assistenten wurden sie auf die Hälfte reduziert. "Ich bin eigentlich eine vom Aussterben bedrohte Spezies Künstler, die noch das ganze Werk selbst erstellt. Heutzutage sind ganz viele eigentlich weitgehend konzeptionell unterwegs. Sie haben eine Idee und lassen sich diese in Gießereien oder Steinbrüchen produzieren und haben gar nichts mehr mit der Produktion zu tun. Ich habe deshalb den Vorteil, dass ich beim Umwandeln der kleinen Modelle zur fertigen Arbeit noch Änderungen vornehmen kann. So kann ich auch besser auf das Material eingehen, um Details anzupassen, damit es als Gesamtwerk funktioniert." Bei Großarbeiten und seit der Geburt ihrer Kinder ist sie froh, dass die Assistenten ihr helfen. "Sie machen dann die großen Schnitte. Dann mache ich das, was die Skulptur ausmacht, und dann helfen sie mir wieder, beispielsweise bei der Schleifarbeit. Diese kann je nach Dimension und Komplexität der Skulptur von einer Woche bis zu Monaten dauern."
Nach dem Einreichen der Projektbeschreibung beim Auftraggeber, in der alle technischen Details wie Gewicht, Transport, Installation und auch das Budget enthalten sind, muss die Künstlerin im Steinbruch einen Stein auswählen. Die Auftraggeber können Gemeinden, Städte, Kunstagenturen oder Stiftungen sein. Der Transport ist oft eine zusätzliche logistische und finanzielle Herausforderung, besonders wenn die Skulpturen, die bis zu mehreren Zehntausend Franken teuer sein können, in einem Container übers Meer transportiert werden sollen. Aber auch Versicherungen abschließen sowie Zolldokumente und Verträge lesen gehört zur Arbeit von Pasche. "Als Künstler ist man sein eigener Manager, man muss sich selbst vermarkten und verkaufen, und man ist sein eigener Schwerarbeiter. Dann muss man fotografieren und grafisch für die Publikationen arbeiten können und sich auch um das Design der eigenen Website kümmern." Pasche erstellt ihre eigenen Publikationen, ihre jüngste Monographie erschien 2024. Sie dokumentiert zwölf Jahre ihrer Arbeit.
Momentan arbeitet die Bildhauerin an einem neuen Projekt, das seinen Platz am Hudson River in New York finden soll. Es befindet sich erst in der Planungs- und Finanzierungsphase. "Auch dieses Projekt soll meiner Arbeit im Ausland zu mehr Sichtbarkeit in der Öffentlichkeit verhelfen, berühren und die Sinne ansprechen." Mit ihrer Arbeit setzt sie sich für zeitübergreifende Werte, für mehr Natürlichkeit und Menschlichkeit in der Gesellschaft ein. "Dabei spielt auch immer eine ästhetische Komponente mit, was ich in unserer vom schnellen Wandel geprägten Welt wichtig finde. Ich stehe dazu, dass meine Kunst auch schön sein darf."