Glaubhaft gläubig

Ein 17-Jähriger ist Messdiener.

Weihrauch füllt die St.-Michael-Kirche in Oberjosbach, einem kleinen idyllischen Vorort von Niedernhausen. Sanfte Schritte ertönen im Kircheninneren, während die Gemeinde zusammenkommt. Vor dem Altar steht der siebzehnjährige Marcel Desch, groß, schlank, blond und blaue Augen. Er ist seit mehreren Jahren Messdiener. Seine Familie ist religiös, zusammen mit seiner Mutter und seiner Zwillingsschwester besucht er oft den Gottesdienst. "Ich bin in einer gläubigen Familie aufgewachsen. Schon als Kleinkind bin ich zusammen mit meiner Familie und meiner Oma in den Gottesdienst gegangen. Der katholische Kindergarten in Niedernhausen trug ebenfalls zu meiner christlichen Erziehung bei", erzählt Marcel.

 

Zum Messdienerdienst kam er im Alter von zehn Jahren, nach seiner Erstkommunion. Gemeinsam mit seiner Zwillingsschwester entschloss er sich, ein Teil der Gruppe zu werden. Zunächst sei es nur Neugier gewesen, die ihn dazu bewog, am ersten Treffen teilzunehmen. "Ich fand es schön, mir die Abläufe von den damals großen Ministranten erklären zu lassen." Heute steht Marcel, wann immer es ihm möglich ist, sonntags und an den Feiertagen am Altar, trägt Kerzen, das Kreuz oder das Weihrauchfass, läutet die Wandlungsglocken, sammelt die Kollekte ein und bringt die Gaben zum Altar.

 

In der Corona-Zeit hatte seine Gemeinde Nachwuchsprobleme. Mittlerweile gewinnt sie wieder neue Messdienerinnen und Messdiener dazu, so auch dieses Jahr. Alle drei Erstkommunionkinder des Kirchortes seien Messdiener geworden. Aktuell sind sie zu neunt. "Das Messdienersein hat schon lange eine tiefere Bedeutung für mich. Begriffe wie Gemeinschaft, Glaube und Zusammenhalt sind mir sehr wichtig. Viele meiner Freundschaften, darunter auch mein bester Freund, sind aus dem gemeinsamen Engagement hervorgegangen." Auf die Frage, ob er denke, er sei durch seine Tätigkeiten gläubig geworden, erwidert Marcel: "Ich denke, jeder glaubt an etwas Übernatürliches. Dieses Streben nach etwas Größerem ist nun mal im Menschen verankert. Daher würde ich sagen, dass ich nicht durch meine Tätigkeit gläubig geworden bin, sondern durch meinen Glauben tätig."

 

Die Gemeinschaft spielt neben den Gottesdiensten auch in der Freizeit eine wichtige Rolle. Die Messdiener aller Altersgruppen treffen sich montags im Gemeinschaftshaus der Kirche in Niedernhausen, um zusammen zu spielen, sich zu unterhalten, zu essen oder zu relaxen. "Wir wandern gerne, organisieren Ausflüge oder Jugendabende, auch für diejenigen, die nicht in der Kirche aktiv sind. Restaurantbesuche, Zeltlager mit Lagerfeuer oder sportliche Aktivitäten wie Kanufahren gehören dazu. Dabei sind auch Messdiener aus anderen Pfarreien."

 

Sie nehmen an Proben für das Krippenspiel in der Weihnachtszeit teil oder treten im Pflegeheim in Niedernhausen auf. Darüber hinaus betreuen Ministranten jedes Jahr im Januar die Sternsinger. Marcels Highlight war die internationale Wallfahrt nach Rom im Jahr 2024. "Das hat auch meinen Blick auf die Gemeinschaft erweitert." Er war fasziniert, wie unkompliziert der Austausch mit Teilnehmern aus anderen Ländern gelang. "Der Höhepunkt der Wallfahrt war für mich die Audienz mit Papst Franziskus auf dem Petersplatz. Dort versammelten sich Tausende Messdienerinnen und Messdiener aus vielen europäischen Ländern."

 

Marcel schätzt das Miteinander und den starken Zusammenhalt. "Gerade die kleinen Missgeschicke während des Gottesdienstes, man stolpert zum Beispiel beim Gehen, es fällt einem etwas runter, oder man vergisst, rechtzeitig die Wandlungsglocken zu läuten, bleiben in Erinnerung - nicht als Fehler, sondern als Situationen, über die man später lachen kann." Marcel beobachtet auch eine Entwicklung, die ihn nachdenklich macht. "Die Anzahl der Messdiener sinkt schon seit Jahren." Das liege daran, dass heute viele Kinder und Jugendliche einen anderen Bezug zur Religion haben oder in Familien aufwachsen, in denen der Glaube nicht im Mittelpunkt steht. Für viele sei Religion uncool. "Zudem haben einige Jugendliche oder Kinder Angst davor, sich öffentlich als Kirchenengagierte erkennen zu geben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 24.08.2026, Nr. 195, S. 26 - Michelle Desch, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

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