Glück kann sehr anhänglich sein

Beim Grinsekäffchen auf Berliner Märkten gibt es selbst gebastelten Schmuck, frischen Kaffee und vor allem viel zu erzählen.

Es ist ein verregneter Tag in Berlin-Mitte. Dennoch ist der Hackesche Markt wie jeden Samstag voller Leben. Menschen drängen sich unter tropfenden Regenschirmen. Mittendrin steht das Grinsekäffchen, ein kleiner Kaffeewagen. Sein schwarz-weiß kariertes Äußeres hebt sich wie ein Schachfeld von der Menge ab. Wer näher tritt, findet sich in einer Welt wieder, die auf engstem Raum überrascht: Ein funkelnder Sternhimmel spannt sich über das Dach des Wagens. Umgeben vom Duft des frisch gebrauten Kaffees und selbst gebackenen Kuchens glitzert Schmuck, ausgestellt auf einer alten Reibe, Kaffeemühle oder auf Miniatur-Drehständern.

 

Winzige Tabasko-flaschen als Ohrringe, alte Spraycaps als Ringe und weitere Kuriositäten, die aussehen, als würden sie aus einer absurden Teestunde stammen. Ein Hauch von Alice im Wunderland, mitten in Berlin. Dass dieser Wagen heute zu den charmantesten Anlaufstellen am Hackeschen Markt gehört, verdankt er seiner Besitzerin Andrea Zavarsky, einer schwarzhaarigen Frau mittleren Alters. Sie begrüßt die Vorbeiziehenden mit einer Offenheit, die zu einem Gespräch über ihren kuriosen Schmuck und den ausgefallen gestalteten Wagen einlädt. Zu jedem Schmuckstück gibt es eine Geschichte.

 

Der Weg der jungen Frau in die Selbständigkeit ist genauso unkonventionell wie ihr Sortiment. Alles begann mit einer persönlichen Vorliebe: einer "Schmuck-Sucht", wie sie es lachend nennt. Ihr damaliger Freund, der DJ war, schenkte ihr selbst gebastelte Ohrringe aus alten Schiebereglern, Kabeln oder abgenutzten Technikresten. Das inspirierte sie, selbst nach kleinen Dingen zu suchen, die sich zu Schmuck verarbeiten ließen. Nebenbei entwickelte sie einen Blick für Miniaturen und Fundstücke: winzige Tierfiguren, benutzte Graffiti-Caps, die sie in Parks sammelt, Eddings im Hosentaschenformat oder kleine Tic-Tac-Dosen. "Ich kann gar nicht mehr normal denken. Wenn ich etwas Kleines sehe, überlege ich sofort, wie ich es verbasteln kann."

 

Anfangs fertigte sie die Stücke zusammen mit ihrem damaligen Freund nur für sich selbst, doch schon bald sprachen sie Fremde auf der Straße darauf an. Dieser Zuspruch und die wachsende Sammlung führten zur Idee, Schmuck und Kaffee zusammenzubringen. Nachdem sie sechs Jahre lang in der Schweiz gelebt und dort für die Selbständigkeit gespart hatte, kehrte sie 2018 nach Berlin zurück.

 

Der ehemals schlichte Obi-Anhänger, der mit einem Auto samt Anhängerkupplung fortbewegt wird, wurde von Zavarsky und ihrem Ex-Freund eigenhändig umgestaltet. Eine Holzverkleidung, frische Farben, eine eigene Kaffeemaschine und schließlich das charakteristische Highlight: der selbst gebaute Sternhimmel, der den Wagen in ein märchenhaftes Licht taucht.

 

Zavarsky absolvierte einen Existenzgründerkurs, erwarb die sogenannte "Rote Karte" beim Lebensmittelamt und nahm an einer Hygieneschulung teil. Nachdem das Lebensmittelamt den Wagen abgenommen hatte, konnte sie ihr Reisegewerbe anmelden. So entstand 2019 ein mobiler Kaffeewagen, kombiniert mit einem überschaubaren Schmuckangebot.

 

Zunächst stand Zavarsky auf kleinen Märkten in Hellersdorf und Zehlendorf. Dort sammelte sie Erfahrungen und feilte an ihrem Konzept. Doch dann kam die Pandemie und mit ihr der komplette Stillstand. Viele Märkte fielen aus, der Wagen blieb abgemeldet. "Ich habe alles verloren, was ich mir aufgebaut hatte." Doch rückblickend betrachtet, war dies für Zavarsky ein positiver Wendepunkt. Die erzwungene Pause gab ihr Zeit, ihr Konzept zu überdenken.

 

Sie merkte, dass der Wagen besser zu Festivals, Flohmärkten und Szenespots passte als zu nüchternen Versorgungsmärkten. Zavarsky bereitete Schmuck vor, knüpfte Kontakte. "Dann habe ich parallel noch bei der Metro gestanden. Dort habe ich Leute kennengelernt, die für Gastro-Einsätze einkaufen und gleichzeitig mit Festivals zu tun hatten." Als die Märkte wieder öffneten, begann ihre Erfolgsgeschichte von vorn. Sie wurde für den Hackeschen Markt angenommen und erhielt ihre ersten Festivalbuchungen. Dabei war ein persönliches Highlight die Zusage für das "Fusion Festival" in Berlin, ihren Lieblingsspot. Dort fügte sich alles zusammen: ihr Street-Art-inspirierter Schmuck, der bunte Wagen, die lockere Stimmung. "Auf Festivals läuft es einfach."

 

Heute ist ihr "Grinsekäffchen" mehr als ein Kaffeestand. Es ist ein Mikrokosmos und ein Ort, an dem es nie langweilig wird. Während Gäste auf ihren Kaffee warten, betrachten sie die verspielten Schmuckstücke, lachen über Salz-Ohrringe oder staunen über Ringe mit Graffiti-Caps, die zuvor aus dem Boden ausgekratzt und gereinigt wurden. Die Stücke sind einzigartig und manche für Zavarsky so besonders, dass es ihr schwerfällt, sich davon zu trennen. "Das merken die Leute manchmal, und dann suchen sie sich etwas anderes aus", erzählt sie.

 

Nachhaltigkeit ist dabei nicht nebensächlich, sondern Teil des Konzepts. Der Schmuck basiert fast vollständig auf Upcycling: Fundstücke, Flohmarktmaterial, Geschenke von Kunden oder Kundinnen, die alte Kleinteile vorbeibringen, weil sie wissen, dass daraus etwas vollkommen Neues entstehen kann. Auch bei Kaffee und Kuchen achtet sie auf Umweltfreundlichkeit: kompostierbare Becher, Strohhalme aus Nudeln, vegane Kuchen, oft aus Bio-Zutaten. Wer möchte, bringt einfach den eigenen Becher mit. Dass der Wagen so beliebt geworden ist, führt sie auch auf die Atmosphäre zurück, die er ausstrahlt. "Ich hatte hier noch keinen schlechten Vibe."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 26.05.2026, Nr. 119, S. 30 - Kaja Merten, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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