Gott weiß sich zu benehmen

Babette Gott ist Knigge-Trainerin. Wer ihre Kurse aufsucht, um sich zu profilieren, ist fehl am Platz.

Auf dem Holztisch liegen ein großer, goldener Dolch, ein dreiteiliger Fisch aus Gips und eine kleine gehäkelte Salami. Der lichtdurchflutete Raum in Babette Gotts Altbauwohnung in Berlin hat eine hohe Decke. Gott ist Knigge-Trainerin. Die 1963 in Detmold geborene Frau hat lange blonde Locken, trägt ein weißes T-Shirt und eine silberne Kette mit vielen Perlen. Nach dem Abitur wollte sie Au-pair-Mädchen in Frankreich werden, doch wenige Wochen vor dem Beginn sagte die französische Familie ab. Ihre Eltern "fanden das nicht so cool". So ging sie stattdessen an die Bavaria Hotelfachschule in Altötting. Dort habe sie viel über Service und Tischkultur gelernt. Anschließend machte sie eine Ausbildung zur Hotelkauffrau im Parkhotel Hilton International in München und studierte BWL an der FH München.


Bei den Freundinnen ihrer Töchter sei ihr erstmals aufgefallen, dass diese zum Teil keine guten Tischmanieren hatten, "obwohl sie aus gutem Haus kommen". Da kam Gott die Idee, sich näher mit Knigge und Tischkultur zu beschäftigen. Sie schloss ihre Knigge-Trainer-Ausbildung 2013 an der Deutschen Knigge-Akademie in Ottobrunn ab und arbeitet seither in diesem Beruf. Seitdem ist sie auch Mitglied der Deutschen-Knigge-Gesellschaft, zeitweise im Vorstand. In ihren Coachings und Seminaren gehe es um Tischmanieren, Businessetikette, Dresscodes, aber auch um allgemeine Umgangsformen: wer wem zuerst die Hand gibt oder wer zuerst durch die Tür geht. Dabei gilt: "Hierarchie kommt vor Alter, vor Geschlecht."


Sie deutet auf ein goldenes Krönchen und erklärt, dass sie damit veranschaulichen kann, wer zuerst begrüßt wird oder wer sich zuerst vorstellt. Es gehe um die Herkunft der Benimmregeln. "Wenn ich jetzt King Charles treffe, dann weiß ich, wer er ist." Deshalb stellt sich zuerst die hierarchisch niedrigere Person vor. "Im Mittelalter, da gab's Bauern und Handwerker und Adlige, und man sah allen an, was sie waren." Heute sei das schwieriger, da man Menschen nicht mehr zuordnen kann und sie sich auch selbst nicht mehr zuordnen wollen. So seien viele häufig unsicher, wie sie andere behandeln sollen.


Mithilfe des Dolches veranschaulicht Gott, warum man Kinder oder andere zu schützende Personen immer an seiner rechten Seite haben sollte. Wenn man den Dolch an seiner linken Seite trägt, kann man ihn ziehen, "ohne dass ich sie ersteche". In den Seminaren behandelt sie auch ganz klassische Tischmanieren: zum Beispiel, welches Besteck wann verwendet wird und wie man mit Vorlegebesteck an Hotelbuffets umgeht. Den Gipsfisch nutzt sie, um zu zeigen, wie man einen Fisch richtig filetiert.


Die meisten Kunden sind zwischen 15 und 40 Jahre alt. "Man kommt rein in die Gesellschaft und merkt dann eine gewisse Unsicherheit", erzählt Gott über ihre jüngere Kundschaft. Wenn man ein paar Umgangsformen und Verhaltensregeln kenne, könne man sich ein bisschen besser zurechtfinden und selbstbewusster auftreten. Aber auch Ältere kommen zu ihr, wenn sie am Anfang ihrer Karriere stehen und wissen wollen, wie die Arbeitswelt funktioniert. Gott ist der Ansicht, dass sich die sogenannte "Berliner Schnauze" nur sehr schlecht mit dem Knigge vertrage. "Es gibt auch Städte, wo sich Knigge-Kurse leichter verkaufen lassen als in Berlin." Sie findet es schade, dass man heute nicht mehr so schnell mit anderen Menschen ins Gespräch kommt und dass viele kleine Begegnungen fehlen. "Gerade dieses Kopfhörertragen macht natürlich, dass man keinen Kontakt mehr zu anderen hat." Man sollte netter zueinander sein und aufeinander achten. "Man kann auch mal einem Schulkind, das einen dicken Turnbeutel trägt und einen Riesenranzen, einen Platz im Bus anbieten." Jedes Individuum sollte sehen, was es zur Gesellschaft beitragen kann.


Gott spricht deutlich und klar. "Was ich furchtbar finde, ist eine schlimme Haltung bei Tisch, also wenn man den Ellenbogen aufstützt oder sich das Essen so reinschaufelt." Sie kritisiert außerdem, dass Umgangsformen und Tischmanieren von manchen genutzt werden, um sich zu profilieren und andere auszuschließen. Das sei auch ein Grund dafür, dass viele Menschen Knigge-Seminare aufsuchen: Sie wollen dazugehören und reinpassen. Am wichtigsten sei ihr ein rücksichtsvoller Umgang miteinander.


Sie zeigt auf ein graues Buch von Adolph Knigge, das sie in ihrer Jugend von ihren Eltern geschenkt bekommen hat. Adolph Knigge veröffentlichte 1788 ein Buch mit dem Titel "Über den Umgang mit Menschen". Es wird oft als Benimmbuch bezeichnet, jedoch war es Knigges Ziel, die Menschen aufzuklären, wie man miteinander umgehen sollte, um das Leben einfacher und entspannter zu gestalten. Er war für gleiche Rechte für alle Stände, schrieb über den Umgang mit Kindern, Eheleuten, aber auch Menschen mit verschiedenen Gemütsarten oder Temperamenten. Knigge wollte in der Zeit der Aufklärung ein Buch verfassen, mit dem auch Menschen aus niederen Ständen die Regeln der Höheren verstehen konnten. Erst nach seinem Tod hat der Verlag dem Werk Tischregeln hinzugefügt. Gott hat im Eigenverlag einen Ratgeber mit dem Titel "Männersachen" veröffentlicht. "Es ist halt nur für Männer, weil ich bei Männern das größte Problem sah." Er richtet sich an Männer, die eine Partnerin suchen und eher nicht zu Knigge-Kursen gehen.


Ihre witzigste Begegnung hatte sie mit den Kaulitz-Brüdern. Sie deutet auf ein Bild, auf dem sie zwischen den Brüdern zu sehen ist. Die Musiker haben sich im Rahmen der TV-Serie "Kaulitz & Kaulitz" gegenseitig ein Knigge-Dinner geschenkt, das sie leitete und das gefilmt wurde. "Das hat Spaß gemacht."


Die gehäkelte Salami benutzt Gott, um zu veranschaulichen, wie man sich am Hotelbuffet das Essen nimmt. Sie legt Löffel und Gabel in die Hand. "So ein bisschen wie bei Stäbchen." Babette Gott zeigt, wie man den Zeigefinger zwischen das Besteck legt. Dann nimmt sie die Salami zwischen Löffel und Gabel und zieht den Zeigefinger wieder heraus. So hält man die Salami fest und kann sie auf den eigenen Teller legen. "Und nun, lasst es euch schmecken."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 20.04.2026, Nr. 91, S. 26 - Josefine Grau, Eckener-Gymnasium, Berlin

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