Vor fast vier Jahrzehnten kam ein Marokkaner in eine deutsche Backstube in Wiesbaden.
Mit 53 Jahren steht Hassan Saroui noch immer jede Nacht in der Backstube, als wäre es sein erster Arbeitstag. In der Luft liegt ein warmer Duft aus Mehl, Hefe, Zucker, Vanille und Kirsche. Der Duft verrät, dass hier gearbeitet wird, wenn andere noch schlafen. Zwischen Blechen und Mehlsäcken steht Saroui an einem großen Holztisch und knetet Teig, mit ruhigen, geübten Bewegungen. Ein paar Stunden später, der erste Sonnenstrahl fällt durch das Fenster, sitzt er im alten Büro über der Backstube. Hohe Wände, raue Tapete, Papierstapel, Kaffeeduft. Draußen rauscht die Klarenthaler Straße in Wiesbaden. Hier, in der Zentrale der traditionsreichen Bäckerei Klein, die inzwischen von Elisabeth Klein-Rost und ihrem Mann Martin Rost geführt wird, blickt Saroui auf sein Leben zurück. Ein Weg, der in einem marokkanischen Dorf begann. Hassan ist in Ait Yadine aufgewachsen, einer ländlichen Gemeinde eine Stunde von der Hauptstadt Rabat entfernt. Das Leben dort war einfach: Schule, Familie, Nachbarn. Mehr brauchte es nicht, um zufrieden zu sein. Sein Vater arbeitete schon seit den Siebzigerjahren in Deutschland, als Gärtner in einem hessischen Betrieb. Jahre später, im August 1987, durfte die Familie nachkommen, Hassan mit seinen Geschwistern und seiner Mutter. Für den Fünfzehnjährigen war es ein Neuanfang, mit einem Koffer voller Erwartungen und ohne ein Wort Deutsch. Die ersten Monate seien eine Mischung aus Staunen und Überforderung gewesen. Der Schulalltag war ungewohnt, das Essen fremd, die Sprache eine Hürde. Hassan habe oft geschwiegen, viel beobachtet und still gelernt, mithilfe von Büchern, Lehrern und Mitschülern. Schritt für Schritt fand er seinen Platz in einer Welt, die ihm zunächst verschlossen schien. In der neunten Klasse mussten alle Schüler einen Praktikumsplatz finden. Ein Mitschüler habe Hassan vom Familienbetrieb Klein erzählt. Neugierig fragte er dort nach und bekam den Platz. Er wusch Bleche, trug Mehlsäcke, beobachtete, wie Teig zum Leben erwachte. In dieser Backstube fand er etwas, das ihm vertraut vorkam: den Rhythmus, das Arbeiten mit den Händen und den Stolz auf das Ergebnis. Sein damaliger Chef, Otto Klein, habe schnell erkannt, dass in dem zurückhaltenden Schüler ein zuverlässiger Arbeiter steckte. Hassan blieb, machte seine Ausbildung, legte Prüfungen ab. 1989 war er offiziell Bäcker. Über die Jahre wuchsen seine Verantwortung, seine Erfahrung, seine Ruhe. Heute leitet Saroui die Produktion der Bäckerei. Der Edelstahl glänzt, Maschinen sirren, Öfen sind digital gesteuert. Zwischen Schüsseln mit Kirschen, Blechreihen und dem Duft von Vanille bewegt er sich mit einer Selbstverständlichkeit, die man nur durch Jahrzehnte Routine erlangt. Die Technik habe vieles verändert, sagt er, aber das Gespür für den Teig bleibe Handarbeit. Saroui ist verheiratet und hat vier Kinder. Er hat kurzes, schwarzes Haar, einen gepflegten Bart und trägt eine Brille.
Sein Tag beginnt um halb eins. Anfangs sei das nicht schwer für ihn gewesen, aber mit zunehmendem Alter werde es schon schwerer. Teig ansetzen, Brote formen, Berliner backen. Wenn der erste Schwung aus dem Ofen kommt, liegt in der Luft dieser warme, satte Duft, der ihn seit Jahrzehnten begleitet. Doch das Handwerk steht unter Druck. Maschinen ersetzen Erfahrung, Billigware ersetzt Wertschätzung. Saroui sieht es mit Sorge, aber auch mit Gelassenheit. Für ihn ist Brot mehr als ein Produkt, es ist Symbol und Sprache zugleich, für Arbeit, Würde, Zusammenhalt. Er nennt Brote seine Goldstücke. Jedes frisch gebackene Brot sei ein Beweis dafür, was ehrliche Arbeit schaffen kann. Arbeit sei für ihn immer mehr als Broterwerb gewesen, sein Weg in ein neues Leben, sich in einem fremden Land zu beweisen. Heimat, sagt Saroui, habe für ihn zwei Gesichter. In Marokko liegen seine Wurzeln, in Deutschland ist sein Alltag. Beide Orte verbinde er mit Familie und Verantwortung und dem Duft von frischem Brot. Draußen wird es langsam hell über der Klarenthaler Straße. Saroui lächelt: "Dann weiß ich, ich hab was geschafft."