Ihre Zeit ist begrenzt

Auf beiden Seiten - bei Pflegern und Patienten - ist Zeit ein knappes Gut. Der Berliner Versorgungsdienst "Pflege im Kiez".

Es duftet nach Kaffee, ein Drucker summt. Hinter den großen Fenstern eines Büros in Reinickendorf fällt die Sonne auf einen Versammlungstisch. Es ist ein Ort, an dem Arbeit und Familie Hand in Hand gehen: das Zuhause von "PIK - Pflege im Kiez". Am Tisch sitzen Julia und Andres Rockendorf. Sie leiten ihren ambulanten Pflegedienst. Ihr Team umfasst mehr als 40 Mitarbeiter und mehrere Hundert Menschen, die sie täglich versorgen. Die Fotowand im Flur zeigt fröhliche Gesichter, kleine Gesten des Alltags und Geschichten von Begegnungen, an die sich die Leute hier gern zurückerinnern.


"Als Mutter mit kleinem Kind wollte ich etwas finden, das besser zu meinem Leben passt", sagt Julia Rockendorf. Vorher arbeitete sie als Krankenschwester. Sie hatte gesundheitliche Probleme und wusste, dass sich auf Dauer etwas verändern muss. Andres, ihr Mann und gelernter Kaufmann, ergänzt: "Ich kann aufgrund meines Jobs vieles leiten, ich muss nur eine Idee haben." Die Idee war ein eigener Pflegedienst. Sie brachte das pflegerische Fachwissen und er das betriebswirtschaftliche Denken mit. "Mein Partner hat einen Businessplan geschrieben, durchgerechnet und gesagt: Das könnte klappen." Ein anderes Konzept, ein Eltern-Kind-Café, fiel durch. Also gründeten sie im September 2018 ihre GmbH. Erfahrungen im ambulanten Bereich hatte die blonde Frau kaum. "Wir haben uns alles selbst beigebracht, was man für einen Pflegedienst braucht", sagt sie. Das war eine Schwierigkeit, aber auch eine Chance. "Viele gründen aus Erfahrung, übernehmen alte Strukturen. Wir mussten neu denken, und dadurch sind wir heute anders als die meisten."


Der Name fiel Andres Rockendorf in einem Stau in Pankow ein: "Da stand ein Laden, der hieß 'Blumen im Kiez'. Da dachte ich, wenn es Blumen im Kiez gibt, warum nicht Pflege im Kiez?" Wichtig sei, dass ältere Menschen sich den Namen merken können. Jetzt sind sie ein ambulanter Pflegedienst. "Das heißt, wir fahren zu den Menschen nach Hause und versorgen sie dort", erklärt seine Frau.


Die Kunden sind oft über 70 Jahre alt, manche über 100. "Die meisten sind noch sehr selbständig, andere brauchen viel Hilfe. Es gibt aber auch Jüngere, etwa nach einem Unfall", erklärt Julia Rockendorf. Was sie am meisten bewegt, ist die Dankbarkeit. "Manche warten schon mit Kuchen und Kaffee. Für diese Menschen ist es etwas Besonderes, dass jemand kommt." Denn viele von ihnen sind häufig einsam und "erzählen ihre ganze Lebensgeschichte, einfach um mit jemandem reden zu können". Es gibt Skeptiker, Grummelige und Menschen, "die mit jedem Lächeln den Tag heller machen". Zuvor arbeitete die Vierundvierzigjährige in verschiedenen Krankenhäusern. "Es war alles schnell, laut, unpersönlich. Ich wollte immer zeigen, dass man freundlich und einfühlsam sein kann." Sie erzählt, wie sie früher morgens das Licht anmachte und flüsterte: "Guten Morgen." Für die Patienten war das ungewöhnlich. Heute liebt sie die Vielseitigkeit ihrer Arbeit. "Manchmal ist es anstrengend, aber du erfährst Vertrauen und echte Nähe." Sie schaut zur Wand, dort hängen Selfies von Pflegekräften mit ihren Lieblingskunden. "Manchmal stehen wir davor und erinnern uns. Das ist so schön." Auf einem der Fotos ist sogar die Uroma Milli der Autorin dieses Artikels zu sehen, wie sie in ihrem Sessel sitzt und in die Kamera lächelt. Sie war das erste "Model" des Pflegedienstes. "Sie hatte so einen tollen Tag mit uns." Sie wurde geschminkt, frisiert und anschließend fotografiert. Das war was ganz Neues für sie.


Doch es gibt auch Schattenseiten. "Abschalten fällt mir schwer. Ich nehme vieles mit nach Hause. Wenn mir jemand schreibt, 'Können wir kurz telefonieren?', dann denke ich das ganze Wochenende darüber nach." Ihr Mann ergänzt: "Bei mir ist das anders." Er kann schnell abschalten, denkt eher rational, sie ist emotionaler.


Als Paar zusammenzuarbeiten, sei anspruchsvoll, erläutert er. "Entweder man schont den anderen, weil man ihn liebt, oder man ist härter, weil man mehr erwartet." Seine Frau nickt: "Wir tanzen unseren täglichen Tanz. Ich kämpfe für den Menschen, er kämpft fürs Geld. Und irgendwo in der Mitte treffen wir uns." Ein Beispiel: die Geburtstagskarten. "Wir schreiben jedem Kunden eine Karte", erzählt sie stolz, "700 Stück im Jahr." Er schüttelt lachend den Kopf: "Ich sage immer, das kostet Zeit und Geld!" "Aber es bedeutet Wertschätzung", sagt sie, "unsere Kunden freuen sich riesig. Viele bekommen sonst keine Karten mehr."


Der Tod gehört zu ihrem Beruf dazu. "Am Anfang kannte ich alle Kunden persönlich. Heute nicht mehr. Aber bei manchen weine ich trotzdem, wenn sie gehen", sagt sie und berichtet von Helga und Manfred, einem Ehepaar. Helga hatte Demenz, "sie blühte trotzdem jedes Mal auf", wenn Rockendorf ihre Tochter Josephine mitbrachte. "Wir sind zusammen spazieren gegangen, haben geschaukelt, sie hat gestrahlt wie ein Kind." Als Helga starb, war das schwer. "Man lässt Menschen nah an sich heran. Und wenn sie gehen, bleibt etwas von ihnen. Die Arbeit verändert den Blick auf das Leben. Wir sehen viele Schicksale." Die Familie redet viel über Einsamkeit, Testament und finanzielle Vorsorge. "Es gibt Menschen, die leben mit Kronleuchter und Champagner, und andere, die am Monatsende nichts zu essen haben", sagt Andres Rockendorf, aber das sagt nichts darüber aus, wie gut jemand umsorgt ist. "Beide Welten liegen in Reinickendorf, also in einem Stadtteil." Diese Begegnungen machen demütig. "Man lernt, dankbar zu sein für Familie, Gesundheit und Erinnerungen, die bleiben."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 20.04.2026, Nr. 91, S. 26 - Nelly Stahnke, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

zurück