Im Schnitt 350 Friseure ausgebildet

All das Frisieren ist Victor Picardo de Sousa in seinem Berufsleben nie zu Kopf gestiegen.

Es macht mich stolz, auf eine Karriere zurückzuschauen, in der ich mein Ziel erreicht habe", sagt der 65 Jahre alte, braun gebrannte Victor Picardo de Sousa, dessen Haar leicht ergraut ist. "Meine Mutter besaß einen Salon, in dem ich als Assistent half, ohne je daran zu denken, dass ich selbst einmal Friseur werden würde." Der Salon befand sich in Harare, Simbabwe. Die Mutter leitete den Salon, aber sie schnitt nie selbst Haare. Victors Großeltern waren Portugiesen, seine Eltern kamen in Mosambik zur Welt. Victor ebenfalls. Später zogen sie nach Simbabwe, als Mosambik aufgrund der Diktatur von António de Oliveira Salazar in Portugal in eine immer schlimmere Lage geriet. Nachdem Victor die Schule in Harare verlassen hatte, fand er eine Stelle als Maler und Dekorateur im Bauamt. "Nach zwei Wochen war es schrecklicher, als ich es mir vorstellen konnte." Während einer Mittagspause sei ihm ein Kollege aufgefallen, ein 50-jähriger Grieche. Der habe allein mit einer kleinen Brotdose auf einer Bank gesessen. "Ich dachte: Da will ich in dem Alter nicht landen." Direkt nach der Mittagspause habe er gekündigt. Als er 16 war, wartete er einmal in einem Einkaufszentrum auf seinen Vater. Er stand vor einem glamourösen Salon und beobachtete den Friseur, ein attraktiver, blonder Mann, sehr gut gekleidet. 45 Minuten lang schaute er ihm bei der Arbeit zu und vergaß das Treffen mit seinem Vater. Der Friseur kam aus dem Salon und fragte ihn, was er wolle. "Ich war damals wie betäubt." Victor bat ihn, eine Ausbildung machen zu dürfen. Da habe der Friseur, Alan Waterstone, ihn in seinen Salon gebeten. Nachdem er seinem letzten Kunden den letzten Schliff verliehen hatte, redeten die beiden drei Stunden miteinander. Victor kam spät nach Hause und erzählte vom Vorstellungsgespräch. "Meine Mutter war entsetzt. Sie schämte sich, einen Sohn als Friseur zu haben. Sie dachte, ich wäre schwul, und wollte mich sogar zum Doktor bringen, um zu sehen, ob ich schwul bin." Die Reaktion des Vaters war das genaue Gegenteil. "Das ist doch wunderbar, mein Sohn, all diese schönen Frauen in den Friseursalons!" De Sousa lacht, eigentlich habe er das Gegenteil erwartet.

 

Am nächsten Tag beginnt Victor seine Lehre bei diesem Friseur. Er bleibt dort, bis er fast 18 ist. Waterstone habe ihm gesagt: "Ich lehre dich, aber nur unter einer Bedingung: Was auch immer du lernst, du musst dieses Wissen weitergeben. Unser Berufszweig kann nur mit Bildung wachsen." Waterstone habe zu den besten Friseuren des Landes gehört. "Mein strenger Lehrmeister brachte mich viele Male zum Weinen." Erst nach drei Monaten durfte Victor die Haare eines Kunden waschen. Zuvor habe er sie nur halten und zuschauen dürfen. "Er war der beste Lehrer, aber die schlimmste Person." Waterstone zeigte ihm eine in London entwickelte Schneidetechnik für Frauen, den "Precision Haircut", bei der man auf Genauigkeit und Geometrie fokussiert. "Ich verdanke ihm meine Karriere."

 

Mit knapp 18 zog Victor nach Lissabon, um dem Simbabwe-Unabhängigkeitskrieg zu entkommen. Victor trat in den Salon "Isabel Queiroz do Vale" ein. "Isabel war damals die beste Friseurin Portugals, sie war ein Superstar." Weil er Englisch konnte, kam Victor dort leicht unter. Denn der Salon befand sich neben einem Hotel mit vielen englischen Touristen. Die Frisiertechnik in Portugal war ganz anders als das, was Waterstone ihm beigebracht hatte. Die Portugiesen waren vor allem von der französischen Frisierkunst beeinflusst. "Ich war sehr frustriert. Es war überhaupt nicht so, wie Alan es mir beigebracht hatte." Bis er 20 war, arbeitete Victor dort. Da hatte er genug Geld gespart, um nach London zu ziehen und in drei Akademien zu lernen: Vidal Sassoon, Toni& Guy und Trevor Sorbie. Er habe sich beruflich wieder zu Hause gefühlt, aber das Wetter gehasst. Zu Beginn des zweiten Winters war ihm klar: "Ich bleibe nicht länger hier." So zog er zurück nach Simbabwe, da der Krieg dort vorbei war, und begann im Salon von Martin Lightfoot in Harare. Zwei Jahre lang habe er für ihn gearbeitet, zusammen seien sie mit vielen großen Fashion-Shows sehr erfolgreich gewesen. Auf einer solchen Show habe ihm ein anderer bekannter Friseur gesagt: "Ich denke, es ist Zeit, dass du deinen eigenen Weg gehst."

 

Mit 23 Jahren eröffnet De Sousa seinen ersten eigenen Salon in Harare. Er nennt ihn "Victor Picardo". Seine Bekanntheit sei schnell gewachsen. Und: De Sousa trainiert sein Personal. Er ist überzeugt, dass, wenn man sein Wissen teilt und den Leuten die Techniken und Mittel gibt, um zu wachsen, man auch selber wächst. Auch habe er von seinem Personal nie erwartet, dass es etwas tut, was er selbst nicht auch zu tun bereit wäre, sei es den Boden zu fegen oder die Haare zu waschen. De Sousa öffnet einen weiteren Salon und eine Akademie, um Lehrlinge auszubilden. 1991 verkauft er all das und zieht wieder nach Portugal, wo er in Lagos, an der Algarve, einen Salon eröffnet. Bald schon kommt ein zweiter Salon in Lagoa hinzu. Er eröffnet mehr und mehr Salons, bis er zehn hat. Während der Finanzkrise 2008 habe er sechs davon wieder verloren. Seit mehr als 20 Jahren hat De Sousa einen Partner, Carlos Lucas, der Teil seines Friseurteams ist, und auch Anteilseigner. Heute betreibt De Sousa fünf Salons in Lagoa, Lagos, Portimão, Carvoeiro, Vale do Lobo und eine Akademie in Portimão. Ein Fünftel seiner Kundschaft seien Deutsche, im Vergleich zu den Engländern seien diese weniger anspruchsvoll. "Ich habe in meinem Leben mehr als 350 Friseure ausgebildet. Damit habe ich mein Versprechen gegenüber Alan Waterstone gehalten."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 29.06.2026, Nr. 147, S. 26 - Ingke Marina Mayer, Deutsche Schule Algarve, Silves

zurück