Torball ist eine Sportart für Sehbehinderte, die man schnell übersieht. Alexander Knecht ist Trainer und Schiedsrichter.
Plötzlich wird es still. Kein Rascheln auf der Tribüne, kein Flüstern, keine Anfeuerungsrufe. Gespannte Konzentration. Jeder Laut stört. Dann wird der Ball ins Spiel gebracht, doch kein Spieler schaut ihm hinterher. Beim Torball zählt nicht, was die Augen sehen, sondern was die Ohren wahrnehmen und die Finger fühlen. Ganz leise klingelt der Ball, während er über den Hallenboden rollt. Neonlicht und das Quietschen von Turnschuhen bilden die Kulisse in der Sporthalle der Sommerrainschule in Stuttgart. Dort trainiert der SV Hoffeld, die einzige Vereinsmannschaft für Torball in Baden-Württemberg.
Am Spielfeldrand steht deren Trainer: Alexander Knecht, 58 Jahre alt, sportlich gebaut, kurze graue Haare und ein Oberlippenbart. Eine Trillerpfeife hängt um seinen Hals. "Beim Zuschauen bekomme ich immer wieder Lust, selbst mitzuspielen." Viele Jahre war er aktiver Spieler im Verein. Dann übernahm er 1989 den Trainerposten und konzentrierte sich auf seine Schiedsrichterlaufbahn.
Seine Wurzeln hat Torball in einem 1930 entwickelten und nach dem Zweiten Weltkrieg neu konzipierten Mannschaftsspiel für Sehbehinderte und Blinde namens Rollball. Knecht erläutert, dass sich daraus dann Torball entwickelt habe: ein Spiel mit hörbarem Ball für blinde Menschen, um Orientierung und Bewegung zu trainieren. In den 70er-Jahren wurde daraus ein Hallensport und schließlich eine eigenständige Wettkampfsportart, die sich vor allem in Europa, später auch in Lateinamerika und Afrika verbreitete.
Torball spielen zwei Mannschaften mit je drei Spielern. Diese knien parallel zum Tor in einer Reihe, hinter ihnen liegen Matten auf dem Boden, an denen sie sich orientieren können. Der Ball ist aus Kunststoff, 500 Gramm schwer und etwa so groß wie ein Volleyball. Er ist mit kleinen Glöckchen gefüllt und muss flach unter den drei bis auf vierzig Zentimeter herabhängenden Grenzschnüren ins gegnerische Tor geworfen werden. Das Torballfeld misst 16 mal 7 Meter, das Tor erstreckt sich über die gesamte Grundlinie. Die Verteidiger versuchen, den Ball mit vollem Körpereinsatz zu blocken, indem sie sich flach auf den Boden werfen.
Was einfach klingt, wird zur echten Herausforderung, sobald der wichtigste Orientierungssinn fehlt: das Sehen. Um gleiche Bedingungen zu schaffen, tragen alle Spieler Dunkelbrillen. Die Handvoll Zuschauer, die heute beim Training anwesend ist, beobachtet, ohne zu reden, das Spiel. Die abwehrende Mannschaft, zwei Männer und eine Frau, alle Mitte dreißig, kniet bewegungslos vor dem Tor, jeder konzentriert auf das leise Klingeln des Balls. Dann schleudert die angreifende Mannschaft diesen Richtung Tor. Fast synchron drehen die Defensivspieler ihre Köpfe und werfen sich auf den Boden. Sie strecken die Körper aus, um möglichst viel Fläche abzudecken. Plötzlich durchbricht eine Stimme die Stille: "Ich hab ihn."
Eine Halbzeit dauert nur fünf Minuten, aber schon jetzt ist das schwere Atmen der Spieler hörbar. Gefordert wird Muskelkraft, Ausdauer und vor allem blindes Vertrauen zu den Mitspielern, um gemeinsam den Ball abzuwehren. Auf einmal pfeift Knecht. Der Ball hat die Torlinie überquert. Knecht kam durch seinen im Zweiten Weltkrieg aufgrund einer Verletzung erblindeten Vater früh mit dem Blindensport in Berührung. Während seiner Kindheit arbeitete er als Balljunge für Torball. Daraus wurde eine Leidenschaft. Heute ist das Spiel aus seinem Leben als Schiedsrichter und Schiedsrichterausbilder und ganz besonders als Trainer nicht mehr wegzudenken.
Neben Torballturnieren pfeift Knecht vor allem internationale Wettkämpfe der verwandten Sportart Goalball. Beide Spiele nutzen einen Ball mit Glöckchen, doch der Unterschied liegt für Knecht vor allem in der Intensität: Goalball wird kraftvoller gespielt und dauert mit zweimal zwölf Minuten deutlich länger. Auch Spielfeld und Tore sind größer, und der Ball ist mit 1250 Gramm deutlich schwerer. Während Torball vor allem in Europa verankert ist, ist Goalball internationaler ausgerichtet und gehört seit 1976 sogar zu den paralympischen Sportarten.
Der Sport hat Knecht an Orte auf der ganzen Welt geführt. Er leitete Finalspiele bei den Paralympics, war bei Weltmeisterschaften im Einsatz und pfiff Europa- und Weltcups sowie deutsche und europäische Meisterschaften. Selbst zwei Fernsehauftritte als Schiedsrichter zählen zu seinem Lebenslauf. Torball steht kaum im Rampenlicht. Die Spiele werden meist nur von Familienmitgliedern, Freunden und Bekannten besucht. "Was Torball von anderen Sportarten unterscheidet, ist die Herzlichkeit", sagt Knecht. Einmal hatte ein Fußballfan bei einem Turnier aus Gewohnheit die gegnerische Mannschaft ausgebuht. "So etwas gibt es bei uns eigentlich nicht. Abseits des Spielfelds sind wir alle wie eine große Familie."
In Knechts Verein kommen Spielerinnen und Spieler aus unterschiedlichen Ländern, Kulturen und Lebenssituationen zusammen. Diese sind zwischen 17 und 65 Jahre alt, eine Spielerin war sogar bis zu ihrem 80. Lebensjahr aktiv. Einige von ihnen haben den Sport bereits in der Blindenschule kennengelernt, andere finden über Freunde den Weg in die Halle. "Auch Sehende sind in dieser Sportart willkommen", betont Knecht. Torball kämpfe mit Nachwuchsproblemen.
"Für Sehende gibt es natürlich ein großes Angebot an alternativen Sportarten. Und das Freizeitangebot für blinde und sehbehinderte Menschen ist ebenfalls deutlich gewachsen, zum Beispiel auch durch elektronische Medien." All das trage dazu bei, dass es nur noch einen einzigen Torballverein gibt in Baden-Württemberg. Die anderen Vereine haben sich wegen Nachwuchsproblemen aufgelöst. Aktuell gibt es in Deutschland noch gut ein Dutzend Vereine, die in der Ersten und Zweiten Bundesliga aktiv sind. Stolz berichtet Knecht: "Im Februar sind wir aufgestiegen und spielen ab Oktober wieder in der ersten Liga." Viele Turniere finden aber auch mit anderen europäischen Teams, vor allem aus Österreich und der Schweiz, statt.
Als das Training zu Ende ist, erzählt ein etwa 40-jähriger Spieler, der zu den am besten sehenden Spielern im Team gehört, wie er zum Torball gekommen ist. Vor sechs Jahren habe er einen Freund zu einem Turnier begleitet und ihn anschließend gefragt, was denn eigentlich so schwierig an diesem Sport sei. Die Antwort war knapp: "Probiere es einfach mal aus, dann wirst du es sehen."