Handarbeit verbindet: Im Wollladen "Herr U am Amalienpark" in Berlin-Pankow hält dessen Inhaber alle Fäden in der Hand.
Ein feiner Duft nach Wolle und Tee strömt durch die kleine Tür des Lädchens in der Breite Straße 50 hinaus ins nasse Berliner Wetter an diesem verregneten Tag. Auf den Regalen stapeln sich Wollknäuel in allen erdenklichen Farben und Formen, von sanftem Nebelgrau bis zu leuchtendem Senfgelb, von feinem Mohair bis zu robustem Schurwollgarn. Und zwischen den Regalen hängen kleine, handgestrickte Schühchen, Schals und Mützen. Sie wirken wie Einladungen, selbst die Nadeln in die Hand zu nehmen. Der Laden "Herr U am Amalienpark" wirkt wie ein Zufluchtsort für alle, die es gern ein bisschen wärmer haben möchten.
An einem langen Tisch sitzen zehn Strickbegeisterte. Frauen und Männer, Jung und Alt. Bei Tee und ruhiger Konversation über ihre Projekte entstehen neue Kreationen. Einige blättern in Strickmagazinen, andere vergleichen Wollqualität und Farbkombinationen. Hinter dem Tresen gegenüber dem Tisch steht Sascha Uetrecht und begrüßt die, die sich aus dem Regen in das Geschäft begeben haben, mit einem Lächeln. Er trägt einen selbstgestrickten Colorwork-Pullover, dessen mehrfarbige Muster aus verschiedenen Garnen in strahlendem Blau mit Neon-Farbsprenkeln entstehen, sowie eine passende Mütze. Seine gelassene Stimmung und Hilfsbereitschaft sind entscheidend für den Wohlfühlfaktor in seinem Geschäft.
"Ich habe Stricken in der Schule gelernt", erzählt der Anfang Fünfzigjährige. "Damals war Handarbeit ein richtiges Fach." Doch dann kamen Jugend, Ausbildung, Beruf, und das Handwerk schwand ihm für lange Zeit aus den Augen. "Ich habe 25 Jahre lang nicht gestrickt. Dann hat mir mein Neffe einen Webrahmen in die Hand gedrückt und gefragt, ob ich weben kann. Und plötzlich fiel mir ein: Moment, das konnte ich doch auch einmal, genauso wie Stricken."
Uetrecht lacht, als er davon erzählt. "Fast wie ein Analphabet, der wieder lesen lernt." In einem Strickkurs traf er auf die damalige Inhaberin seines Wollgeschäfts und freundete sich mit ihr an. Während eines beruflichen Umbruchs fragte sie ihn zunächst, ob er den Online-Shop für ihr neues Geschäft in Schildow nördlich von Berlin übernehmen könne. Daraus wurde schnell die Leitung der gesamten Filiale.
Als seine Chefin sich kurz darauf aus dem Geschäft zurückzog, bot sie ihm die Filiale in Pankow zum Kauf an. Obwohl er eigentlich kein Geld hatte, ließ er sich auf das Abenteuer ein. "Wege gibt es immer", sagt Uetrecht. Nun, zehn Jahre später, ist er der Gastgeber einer lebendigen Gesellschaft und eine beliebte Anlaufstelle für Strickbegeisterte in Berlin und weit darüber hinaus. Gern frequentiert ist der "monatliche Maschenplausch bei Herrn U am Amalienpark".
"Besonders mag ich das Quatschen und den Austausch", sagt Uetrecht. Die Corona-Pandemie habe ihm gezeigt, wie wichtig das sei. "Das würde mich umbringen, wieder nur stumpf Pakete zu packen."
Für Sascha Uetrecht habe es Priorität, einen Ort für Kreativität zu schaffen, unabhängig vom Alter oder Geschlecht, ganz ohne vom Stress des alltäglichen Lebens eingeholt zu werden. "Stricken eignet sich dafür, weil wir Sachen herstellen, die Slow-Fashion sind. Es beansprucht Zeit und entschleunigt." Dabei achtet er auf Nachhaltigkeit und faire Produktion, auch wenn er weiß, dass das nicht immer vollständig umzusetzen ist. "Aber wenn ich ein gutes Gefühl habe bei dem, was ich verkaufe, ist das schon viel wert."
Entgegen den Stereotypen des 20. Jahrhunderts waren die Rollen der Männer und Frauen, was das Stricken angeht, einst vertauscht. "Früher haben Männer gestrickt: Schäfer, Fischer, Soldaten. Frauen haben die Wolle gesponnen, Männer verstrickt", erklärt er. Erst die Industrialisierung habe das verändert. "Als die Männer in die Fabriken gingen, blieb das Stricken an denen, die zu Hause blieben, hängen und wurde zur Frauensache."
Heute, erläutert Uetrecht, sei die Szene vielfältiger geworden. "Ich sehe wieder mehr junge Männer, die stricken, und viele Jugendliche, die Lust auf Handwerk haben. In Berlin ist das natürlich noch einmal anders, da darf man einfach man selbst sein." Auch zwischen Ländern gebe es Unterschiede. Während es in Deutschland, besonders außerhalb von Großstädten, selten sei, dass Männer stricken, und bei vielen jungen Männern geradezu verpönt, sei es, Uetrechts Erfahrung nach, in Großbritannien Normalität. Um die Strick-Community zu fördern, macht er die verschiedensten Erfahrungen möglich. Darunter die wöchentliche "Maschenzeit am Freitagnachmittag", Stricktreffen mit Modeschauen der bekanntesten Strickdesigner Deutschlands oder Strickkreuzfahrten auf die Nordseehallig Oland, die er selbst organisiert. Er bietet außerdem Wollfärbekurse und Webkurse an. "Von dem Moment an, wo ich merke, dass ich kopiert werde, höre ich damit auf. Dann mache ich etwas Neues."
Stricken ist für Uetrecht mehr als ein Beruf "Stricken ist anscheinend das, was ich immer gesucht habe und nie gewusst habe, dass ich es suche", sagt er. "In meinen früheren Bürojobs war ich nie angekommen. Ich war immer auf der Suche."
Im Wollgeschäft "Herr U am Amalienpark" in Berlin-Pankow entsteht täglich etwas, das man nicht kaufen kann: Nähe und Verbundenheit. Vielleicht ist es genau das, was diesen Ort so besonders macht, dass man hier nicht nur Socken strickt, sondern auch Erinnerungen, Geschichten und Freundschaften. Masche für Masche.