Jede Mutter hinterlässt Spuren

Manchmal in Kreide gekritzelt. Wie der 97 Jahre alte Karl-Heinz Sabla in den Wirren des Zweiten Weltkriegs sein Zuhause wiederfand.

Karl-Heinz Sabla ist 97 Jahre alt. Er hat den Zweiten Weltkrieg überlebt, Verluste erlitten und wiederaufgebaut. Mit einer gewissen Neugier im Blick steht er an seiner Berliner Wohnungstür, bei ihm sein Betreuer Ralf, der ihn im Alltag unterstützt. "Komm ruhig rein", sagt Sabla erfreut. Sein Handgriff ist fest, aber leicht zittrig. Er hat faltige Haut und geht langsam, kommt jedoch ohne Gehhilfe zurecht. An den Wänden hängen gerahmte Bilder: eine Familie beim Grillen, Kinder auf Rutschen, ein Mädchen mit Schultüte. Es sind seine Ururenkel, wie er später erwähnt.

 

Sabla beginnt zu erzählen. Wie er 1928 in Breslau geboren wurde, im Alter von fünf Jahren die Machtübernahme Hitlers erlebte und ein Jahr darauf die Volksschule besuchte. Mit seinen Eltern wuchs er in einem Arbeiterwohnviertel mit mehrstöckigen Mietskasernen auf. Mit 14 Jahren wurde er zum Luftschutzdienst verpflichtet und trug dessen Uniform. "In der Nazizeit musste jeder eine Uniform tragen, jeder klene Popel." Sabla sitzt am Kopfende des Tisches. Das Licht fällt schräg auf sein Gesicht und betont seine hohe Stirn, die markante Nase und die hellblauen Augen. Zwischen den Fingern hält er ein Bierglas. Der Schaum hat sich längst gelegt.

 

Im Februar 1945 wurde der 16-jährige Heinz zusammen mit 500 weiteren Jugendlichen aus Breslau evakuiert. Offiziell diente die Maßnahme dem Schutz vor der herannahenden Front - tatsächlich wurden sie dem Reichsarbeitsdienst (RAD) zugeteilt und für Hilfsarbeiten an Infrastrukturprojekten eingesetzt. Nach einer Woche in Güterwaggons erreichten sie München-Fürstenried. Der dortige RAD-Einsatz galt als Vorstufe zum Militärdienst, beinhaltete jedoch zunächst nur Arbeiten mit dem Spaten, etwa im Straßenbau. Die Uniform war braun, mit Spatenabzeichen am Kragen. Der Kopfbedeckung hätten die Jugendlichen spöttisch den Spitznamen "Arsch mit Ohren gegeben". Kurz vor Kriegsende sollte der Reichsarbeitsdienst in den Fronteinsatz übergehen. Sabla erzählt, wie er nachts von seiner Einheit geflohen sei, weil er nicht töten und nicht sterben wollte. Das allerdings war "arschgefährlich, da mich die Kettenhunde hätten schnappen können", wofür er hätte standrechtlich erschossen werden können.

 

Heinz floh zu einem Bauern in Murnau am Staffelsee, den er nicht kannte, bei dem er jedoch unterkommen und sich versteckten konnte. Dort bekam er Zivilkleidung von dessen gefallenem Sohn. Seine Uniform und sein Gewehr versenkte er im nahegelegenen Bach. Heinz war dankbar, Arbeit, Unterkunft und Verpflegung gefunden zu haben, doch als Stadtkind kannte er sich mit Landwirtschaft nicht aus. "Ich konnte Weizen von Gerste nicht unterscheiden, und Kartoffeln von Kohlrüben auch nicht, also war ich zu nichts zu gebrauchen." Eines Tages seien vier US-Soldaten auf dem Bauernhof erschienen. Heinz und drei weitere Jungen mussten im Hof antreten und ihre Schuhsohlen zeigen. Heinz trug noch seine Arbeitsdienststiefel mit den genagelten Sohlen. Ein Zeichen, das für die Amerikaner bedeutete: Soldat. Er wurde auf einen Jeep geladen und in ein Gefangenenlager gebracht. "Als ich dann in dem Lager war, war das so schwindelerregend. Nur Soldaten um dich rum, also ehemalige Soldaten. Jetzt Gefangene. Am nächsten Morgen ging ich zum Wachsoldaten und sagte, mit meinem bisschen Schulenglisch, das ich konnte: Ich möchte zum Kommandanten." Dort habe er dann erklärt, dass er kein Soldat sei, sondern Bauernhelfer und zurück zu seiner Mutter wolle. Der Kommandant habe ihm geglaubt und ihn entlassen.

 

Was Heinz zu diesem Zeitpunkt nicht wusste und erst später erfuhr: Über viele der Gefangenen entschied sich ein anderes Schicksal. Sie wurden an die Sowjetunion übergeben - teils aufgrund alliierter Vereinbarungen oder weil sie aus Gebieten stammten, die nach dem Krieg unter sowjetische Kontrolle fielen. Historisch belegt ist, dass sie in sowjetischer Gefangenschaft als Reparationsquelle dienten und unter härtesten Bedingungen Zwangsarbeit leisten mussten, etwa in Kohlegruben oder auf Baustellen. Offiziell wurde dies als "Wiedergutmachung" bezeichnet - tatsächlich bedeutete es für viele den Tod durch Krankheit, Erschöpfung oder Überarbeitung.

 

Heinz schnappte sich ein Fahrrad und fuhr quer durch Bayern und die Tschechoslowakei bis nach Karlovy Vary, Karlsbad. Dort erlebte er das offizielle Kriegsende am 8. Mai 1945. Überall herrschte Chaos - Menschen versuchten sich in alle Richtungen zu retten. Verlassene Fahrzeuge standen am Straßenrand. "100-Mark-Scheine lagen auf der Straße. Keine Sau hat sich um dieses Geld gekümmert. Keine Sau hat das Geld aufgehoben. Jeder strebte nur nach seinem eigenen Leben."

 

Heinz tauschte sein gestohlenes Fahrrad gegen ein halbes Brot und ein Stück Käse ein und fuhr schließlich mit dem Zug weiter Richtung Heimat. Es herrschte totales Chaos. "Das alte Deutsche Reich war weg und das Neue bestand noch nicht." Nach dem Durcheinander in der Tschechoslowakei machte sich Heinz zu Fuß auf den Weg - von Dresden bis nach Breslau. Es war etwa um den 20. Mai 1945 herum, als er dort ankam.

 

Sein sehnlichster Wunsch war, nach Hause zu seiner Mutter zurückzukehren, trotz aller Erschöpfung. Doch als er in seiner alten Straße in Breslau ankam, war alles zerstört. Die Häuser in Trümmern, die Straße verwüstet. Die Straße, in der er seine Kindheit verbracht hatte, war nicht mehr wiederzuerkennen. "Da hab ich mich zum ersten Mal hingesetzt und bitterlich geheult. Da fiel alles von mir ab. Die ganzen Strapazen mit der Rückkehr und den Kriegsereignissen fielen von mir ab, und ich sah nur noch die Trümmer meiner Straße." Als er sich ein wenig erholt hatte und weiterging, sah er, dass seine Mutter einen Tag vor seiner Ankunft auf die noch übrig gebliebene Grundmauer mit Kreide angeschrieben hatte, dass sie jetzt in der Trebnitzer Straße 74 sei. "Das war das Zeichen für mich: Meine Mutter lebt noch." In der Nacht hatte es nicht geregnet.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 09.03.2026, Nr. 57, S. 26 - Naz Balci, Eckener-Gymnasium, Berlin

zurück