Kaltschnäuzigkeit gehört auch dazu

In der Hundepension am Frankfurter Flughafen sind sogar schräge Typen willkommen.

Florian Vogel fährt morgens zum Frankfurter Flughafen, um dort zu arbeiten. Begrüßt wird er vom lauten Gebell der rund 30 bis 40 Hunde, die von acht Mitarbeitern betreut werden. Vogel ist Leiter des Hundezentrums Flughafen Frankfurt GmbH. Dort angekommen, ist all die Hektik, die man mit einem Flughafen verbindet, wie verflogen. Obwohl das Gelände fast direkt neben den Start- und Landebahnen liegt, herrscht eine für diese Umgebung unerwartete Ruhe. Das Einzige, was die Stille bricht, ist das Bellen der Hunde.

 

Im funktionalen Pausenraum des Bürogebäudes sitzt Vogel, ein 41 Jahre alter, großer Mann mit Vollbart, Glatze und Tätowierungen. Vogel strahlt eine große Ruhe aus. Er sei da eher "so reingerutscht". Nachdem er mit 18 die Lehre zum Zerspanungsmechaniker abgeschlossen hatte, wollte er einen Hund. Und er entschied sich für einen Siberian Husky. "Wegen der Optik. Total professionell natürlich", erinnert er sich und schmunzelt. Der Hund sah aus wie ein Wolf, war imposant, hatte aber wenig Lust auf das, was er sich vorgestellt hatte. "Wir sind dann durch die Wälder gestreift, aber nicht zusammen, sondern eher getrennt voneinander." Der Husky machte sein Ding, und Vogel sei als Halter völlig überfordert gewesen.

 

Andere hätten den Hund vielleicht abgegeben, aber Vogel fing an, sich alles selbst beizubringen. Er wurde zum Autodidakten, auch weil ihm die Hundetrainer damals nicht wirklich helfen konnten. Erst funktionierte es beim eigenen Hund, dann kamen die Nachbarn und Freunde, denen er mit ihren Hunden half. Irgendwann kam der Moment, an dem er merkte, dass er mit dem, was ihm Spaß macht, Geld verdienen kann. Er fing an, es ein bisschen nebenher zu machen, als kleinen Minijob, aus dem dann irgendwann mehr wurde. Doch bevor er hier am Flughafen landete, gab es Rückschläge. Vogel war bei der Bundeswehr, dann bei Siemens, reduzierte seine Stunden, um sich als Hundetrainer selbständig zu machen - und scheiterte erst einmal "gnadenlos".

 

Er hatte damals keine Ahnung von Unternehmertum, von Krankenkassen, Steuernachzahlungen oder Versicherungen. Dann wurde er auch noch von einem Partner mit rund 10.000 Euro Schulden sitzen gelassen. "Die hatte ich damals einfach nicht", erzählt er trocken. Also kehrte Vogel nach Fürth in Mittelfranken in ein Angestelltenverhältnis zurück, aber der Traum vom Hundezentrum blieb. Schließlich kam er der Liebe wegen nach Frankfurt und übernahm mitten in der Corona-Zeit den seit den Neunzigerjahren bestehenden Pensionsbetrieb zur Unterbringung von Hunden am Frankfurter Flughafen, wenn deren Besitzer im Urlaub sind mit über 9000 Hundegästen pro Jahr. "Höchstwahrscheinlich hätte jeder, der Ahnung vom Business hat, die Hände über dem Kopf zusammengeschlagen", meint Vogel. Aber für ihn fühlte es sich einfach richtig an.

 

Er verlässt sich auf seine Fähigkeit, die Tiere lesen und verstehen zu können. "Es war nie richtig schwer, Hunde zu verstehen." Bei einem "schwierigen" Hund, der beißt, heißt das: Was ist die Motivation dahinter? Warum tut er das? Natürlich sei das nicht nur durch Bauchgefühl zu lösen. Das ein oder andere Fachbuch habe schon weitergeholfen. Außerdem meint Vogel, dass man eigentlich schon durch Empathie erkennt, wie es dem Hund geht. Dies versuche er auch den Haltern beizubringen. Ziel sei, dass Mensch und Tier wieder ein Team werden und Spaß aneinander haben.

 

Dabei ist er ziemlich direkt. Zum Beispiel beim Thema Kastration. Viele Pensionen nehmen nur kastrierte Hunde auf. Vogel findet das "fatal, skandalös". "Das kotzt mich richtig an." In seiner Hundepension sei jeder Hundetyp willkommen, egal ob er als schwierig gilt oder bereits auffällig geworden ist. Wenn es gar nicht anders geht, nutzt das Team ein System aus speziellen Vorrichtungen und Zaunanlagen, bei dem kein Mensch in Gefahr gerät, aber der Hund trotzdem seinen Auslauf bekommt. "Man kriegt jeden Hundetyp gehändelt."

 

Ein Blick auf den Alltag zeigt, dass die Arbeit wenig mit Spielen und Kuscheln zu tun hat. "Es ist viel Saubermachen", erklärt Vogel. Füttern, Hunde raussetzen, Gruppen zusammenstellen, reinigen, Kundenkontakt. Und dann sind da noch die Kooperationen mit der Fraport, bei der Hunde im Flughafen versorgt werden, die ihn und sein Team direkt aufs Vorfeld bringen, bis an die Flugzeuge ran. Vogel ist heute mehr Manager als Trainer. Er trägt die Verantwortung für seine Mitarbeiter und muss sicherstellen, dass alle am Ende des Monats ihr Gehalt bekommen. "Die schlaflosen Nächte sind jetzt mehr geworden", gibt er zu.

 

Er helfe zwar manchmal noch im Tagesgeschäft aus, meint aber mit einem Augenzwinkern, dass seine Mitarbeiter froh seien, wenn er sich raushalte, weil er sonst nur Verwirrung stiftet. In den fünf Jahren am Flughafen ist viel passiert. Er berichtet von Besitzern, die Tränen in den Augen hatten, weil ihr "unverträglicher" Hund plötzlich doch mit anderen spielte. Einmal verunglückte ein Besitzer im Urlaub tödlich, während sein Hund in der Pension war. Da musste mit den Angehörigen alles geklärt werden, was belastend war. Oder der alte Herr, der nicht wusste, wann er seinen sechzehnjährigen Hund gehen lassen sollte.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 17.08.2026, Nr. 189, S. 26 - Timon Caesar, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

zurück