Die Zurich Pop Con & Game Show ist ein schrilles und buntes Spektakel, bei dem sich viele verkleiden.
Schon Wochen vorher hingen in Zürich blaue Plakate an Tramstationen, Poster klebten in den Schaufenstern, und auf Social Media wurde das Event im Dauerschleifenmodus von Influencern promotet: die Zurich Pop Con & Game Show. So heißt das größte Schweizer Festival für Popkultur, Gaming, Cos-play, Digital Entertainment, Comic, Anime, Manga und K-Pop. Und schon vor dem Wochenende war klar: Groß und Klein, Szene und Neugierige, sie alle werden in Zürich zusammentreffen. Über 450 Aussteller und 43.000 Besucher. Am 27. September, einem Samstagmorgen, spürt man die Anspannung bereits am Zürcher Hauptbahnhof. Zwischen Pendlern und Einkaufstüten schieben sich bunte Figuren durch die Waggons des Zuges Richtung Zürich-Oerlikon, wo die Pop Con in der Messe Zürich stattfindet. Ein 13-jähriges Mädchen aus Basel steht da im knallroten Kimono aus dem Manga "Demon Slayer", grinst und sagt: "Alle schauen uns an. Aber heute sind wir die Normalen." Überall ragen Perücken auf, blitzen Cat-Ears und Schwerter aus Schaumstoff hervor. Am Bahnhof Oerlikon strömen die Massen raus und folgen der Richtung Messe. Schon vor den Türen herrscht Festivalstimmung, in den Foodtrucks zischt das Öl, der Duft von Streetfood liegt in der Luft, Jugendliche posieren für Fotos. Wer eintritt, bekommt am Eingang das violette Festivalbändchen ums Handgelenk.
Die Eingangshalle ist hell, groß, fast überwältigend. Glasfassaden werfen Sonnenstrahlen auf die Warteschlangen. Kaum jemand hier trägt Alltagskleidung, vielmehr ist die Halle ein Meer aus Kostümen, Rüstungen und Manga-Helden. "Eigentlich fühlt man sich heute eher als Außenseiter, wenn man nicht verkleidet ist", lacht die 32-jährige Silvia Stücheli, die ihre Tochter begleitet. Dann geht es die ersten Rolltreppen hinauf, im Zickzack durch ein Labyrinth von Etagen. Die Messe Zürich ist ein riesiger Komplex aus Glas und Beton, 30.000 Quadratmeter, sieben Hallen, jede von ihnen ist ein eigenes Universum. In einer Halle glänzen Filmautos und Designfahrzeuge. Ein Hinweis darauf, dass Popkultur längst auch Technik und Lifestyle umfasst. Daneben surren VR-Brillen, und E-Sports-Turniere laufen auf großen Leinwänden. In einer anderen Halle dampfen Ramen-Schüsseln, Bubble Tea wird in allen Farben serviert, das Aroma von gebratenen Nudeln mischt sich mit Zuckerwatte. In der "Japan Corner" zeigen Künstler Kalligraphie, Origami und Kampfkunst. In der "Artist Alley" sitzen junge Zeichnerinnen an Tischen und verkaufen ihre Manga-Skizzen. Die 14-jährige Elinora Zürcher erzählt: "Ich zeichne, seit ich denken kann. Meine Familie besteht aus Künstlern. Hier kann ich zeigen, dass meine Welt mehr ist als nur Gekritzel in Schulheften."
Besonderer Magnet ist das "Cosplay Village". Zwischen Ständen mit Rüstungen, Perücken und Stoffen bereiten sich Jugendliche auf den großen Cosplay-Catwalk vor. "Vor zwei Jahren habe ich nur zu Hause genäht, jetzt laufe ich hier vor Hunderten Leuten über die Bühne", sagt die 17-jährige Mireille Len aus Bremen. Auf der Bühne wird jeder Auftritt mit Applaus belohnt, wenn ein detailverliebter Link, die Hauptfigur aus einem Videogame, oder eine überlebensgroße Manga-Heldin die Rampe betritt. Ein Mitarbeiter mit schwarzem Crew-T-Shirt meint: "Cosplay ist mehr als Verkleidung. Es ist Community, es ist eine Art, sich künstlerisch auszudrücken." Wer sich hier im Kostüm zeigt, wird sofort Teil einer großen Familie.
Nebenan in der Gaming-Halle sitzen Jugendliche gebannt vor alten Computern. "Das fühlt sich an wie eine Zeitreise, aber die Spiele sind immer noch cool", sagt der neunjährige Tibor Köhler, während er Pac-Man spielt. Auch Brettspiele haben ihre Ecke. Eine Gruppe würfelt laut lachend, der 21-jährige Lukas Meyer ruft: "Hier haben wir endlich ehrwürdige Gegner gefunden!" Auf der Hauptbühne läuft währenddessen ein Talk mit Sean Gunn, bekannt aus dem Marvel-Universum und der Serie "Gilmore Girls".
Auch Youtuber, Streamerinnen und Synchronsprecher geben Einblicke in ihre Arbeit, unterschreiben Poster und nehmen sich Zeit für Selfies. In einer anderen Halle stechen Tattoo-Künstler Motive direkt vor den Augen der Besucher. Urban-Art-Künstler sprayen Wände in grellen Farben, Disney-Zeichner Ulrich Schröder zeichnet Micky-Maus- und Donald-Duck-Porträts.
Doch die Con gehört nicht nur den Jungen. Am Rand der Halle steht ein älterer Mann mit grauen Haaren. Er verschränkt die Arme und beobachtet die Szene. "Das ist doch etwas für die Jungen", sagt der 76-jährige Hans-Ueli Zürcher. "Aber man merkt, wie kreativ und fokussiert sie sind. Das wäre früher undenkbar gewesen." Auf dem Food-Court draußen sitzen Familien. Arthur Tobler, sieben Jahre, erklärt begeistert: "Ich durfte gerade meinen eigenen Pokémon-Trainer zeichnen." Seine Mutter Isabelle, 35 Jahre, nickt: "Hier geht es nicht nur ums Zuschauen, sondern ums Mitmachen."
Gegen Abend leeren sich die Hallen. Noch einmal geht es über die Rolltreppen, vorbei an Bannern hinaus auf den Vorplatz. Draußen wartet wieder das normale Zürich mit Buslinien und grauen Straßen. Doch wer genauer hinsieht, erkennt noch immer die Parallelwelt: Gruppen in Kostümen, die lachend Richtung Bahnhof ziehen. Auf den Bahnsteigen stehen ein Darth Vader, mehrere Anime-Heldinnen und ein Ritter in Rüstung. Am Handgelenk vieler Besucher bleibt das violette Festivalbändchen. Ein kleiner Rest dieser anderen Welt, der noch ein Stück hinausgetragen wird.