Man malte gegen eine Mauer

Die East Side Gallery ist ein Stück Berliner Geschichte. Und die längste Open-Air-Galerie der Welt.

Bunte Bilder voller Bedeutung, voller Emotionen, voller Erinnerungen: Die East Side Gallery an der belebten Mühlenstraße, ein 1,3 Kilometer langes Stück der Berliner Mauer, die Deutschland einst teilte, ist die längste Open-Air-Galerie der Welt. Jährlich besuchen etwa vier Millionen Menschen, darunter oft Schulklassen, aber auch Touristen, den Ort in Friedrichshain-Kreuzberg, um die Kunstwerke zu bestaunen. Doch wie entstanden diese, und wer hat sie gemalt?

 

Sarah Faber ist als wissenschaftliche Volontärin in der Stiftung Berliner Mauer tätig. Sie erzählt die Geschichte der 106 Kunstwerke und berichtet vom Ziel des Projekts: "Wir versuchen aufzuzeigen, wie sich alles entwickelt hat." Faber ist Mitte 20 und hat kurze, braune Haare. Seit 2018 trägt die Stiftung Berliner Mauer die Verantwortung für die East Side Gallery und bietet Führungen an. Faber berichtet von seltenen Angeboten, bei denen die Künstler vor Ort von ihrem Bild und dessen Geschichte erzählen.

 

Die East Side Gallery entstand kurz nach dem Mauerfall durch eine gemeinsame Initiative von Ost- und Westberliner Künstlern. Treibende Kräfte waren der westdeutsche Künstler und Kulturmanager David Monty und die DDR-Künstlerin Heike Stephan. Es gab einen öffentlichen Aufruf, der um Skizzen für die zukünftigen Kunstwerke bat. Es folgten einige Anfragen, "sowohl von Künstlern als auch von Jugendlichen, die zu dieser Zeit noch zur Schule gingen", erzählt Faber.

 

Bei der Auswahl der Skizzen habe man darauf geachtet, dass die Werke thematisch zu den Bereichen Freiheit, Menschenrechte und Umwelt passen und dabei den Vorgaben des DDR-Ministerrats entsprechen, da die Mauer zu diesem Zeitpunkt noch Eigentum der DDR war. So entstanden sehr unterschiedliche Bilder mit ganz verschiedenen Geschichten, Gedanken und Motiven, darunter auch das wohl bekannteste und am häufigsten fotografierte Bild der East Side Gallery: "Mein Gott, hilf mir, diese tödliche Liebe zu überleben" von dem Künstler Dmitri Vrubel. Sein oft nur als der "Bruderkuss" bezeichnetes Bild zeigt einen Kuss zwischen Honecker und Breschnew, das aus einem Pressefoto entstand.

 

Doch es ist nicht das einzige bekannte Werk in der Open-Air-Galerie. Auch Birgit Kinder hat mit ihrem Bild "Test the Rest", auf dem es scheint, als würde ein Trabi das Mauerstück durchbrechen, ein Werk erschaffen, das viele Besucher begeistert. Die Künstler und Jugendlichen, von denen etwa die Hälfte aus der DDR kamen, stellten sowohl die Schattenseiten der Teilung dar als auch die Freiheit nach dem Mauerfall. "Man sieht in den Bildern, dass es da kein einheitliches Gefühl der Menschen gab", erklärt Faber. "Kunst und Mauer schließen sich nicht gegenseitig aus, sie ergänzen sich."

 

Ursprünglich war geplant, die Berliner Mauer vollständig abzureißen. Doch schon früh begannen einige Menschen an die Mauer einzigartige Kunstwerke zu malen und ihre Gefühle und Gedanken darin zum Ausdruck zu bringen. "1991 hatte man dann beschlossen, dass die East Side Gallery ein Denkmal, also ein schützenswertes kulturelles Erbe dieser Zeit wird." Später mussten einige Mauersegmente der East Side Gallery versetzt werden, weil der Standort auch für andere Projekte, wie den Wohnungsbau in der Berliner Innenstadt, immer beliebter wurde.

 

Im Jahr 2009 folgte eine radikale Sanierung der verwitterten Mauer. Die Bilder wurden, bis auf eines, entfernt, um den bröckelnden Beton zu reparieren. Anschließend malten viele Künstler ihre Motive erneut auf. Das einzige Kunstwerk, das bis heute die echte Farboberfläche von 1990 hat, ist "Hands" von Margaret Hunter und Peter Russell. Auf dem Kunstwerk sind zwei Hände vor einem rot-schwarzen Hintergrund zu sehen. Inzwischen ist dessen Farbe bereits großflächig von der Mauer abgeblättert, "daher wird es auch von Restauratoren betreut". Man habe damals "zumindest ein originales Bild an der East Side Gallery bewahren wollen".

 

Danach hat man die Künstler gebeten, noch einmal nach Berlin zu kommen, um die East Side Gallery zu besuchen und die Bilder erneut zu malen. Viele Künstler nahmen damals die Einladung an, "aber einige stellten sich dem entgegen, mit dem Gedanken, dass sie ihr eigenes Bild nicht kopieren möchten. Sie hatten den Gedanken, dass Kunst etwas ist, das sich verändern soll, und dass alles, was sie 1990 aussagen wollten, nicht mehr dasselbe ist wie das, was sie 2009 aussagen möchten." So entstanden teils neue Werke, und manche Segmente sind bis heute leer geblieben. "Die Kunst hat unser Denkmal gerettet."

 

Geht man von den bunten und belebten Kunstwerken an der Mühlenstraße auf die andere Seite der Mauer, ist die Umgebung plötzlich ganz still. Man hört nur das Rauschen der Spree. Auf dieser Seite ist die Mauer komplett weiß. Keine Farben, keine Kunstwerke, keine Vielfalt. "Das ist extra so gelassen worden, weil während der Teilungszeit die dem Grenzstreifen zugewandte Seite weiß war, damit man die Menschen, die flüchten wollten, im Scheinwerferlicht besser sehen konnte. Das ist jetzt eine Erinnerung daran, dass es ein sehr trauriger Ort ist", sagt Faber. Vandalismus gibt es hier ebenfalls. "Man merkt, dass die East Side Gallery auch vermehrt für politische Hasskommentare oder andere Beschriftungen genutzt wird, und wenn wir solche Kommentare sehen, schauen wir auch, dass diese schnell beseitigt werden."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 04.10.2026, Nr. 230, S. 26 - Liara Sperlich, Marie-Curie-Gymnasium, Hohen Neuendorf

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