Manche Halter brauchen eine Rosskur

Yvonne Langer ist mit ihrem Pferd an die Algarve gezogen - und dort bei den Besitzern von unreitbaren Pferden sehr gefragt.

Pferde, die beißen und treten, sind Pferde, die gelernt haben, dass Menschen nur dieses Nein verstehen", sagt Yvonne Langer. Die Deutsche lebt seit 2003 in Vale de Telha, einem kleinen Dorf an der Südwestküste Portugals. Bevor ein Pferd beißt oder tritt, habe es mindestens 20 Mal "Nein" geschrien, und der Mensch habe nicht hingehört. Langer hat einen besonderen Draht zu Pferden. Die selbstbewusste Frau mit halblangen blonden Haaren versteht sich lieber als Pferdezuhörerin denn als Pferdeflüsterin. "Du musst den Pferden ja nichts einreden. Du musst ihnen zuhören!" Doch wie hört man zu? Indem man auf viele kleine Dinge achte: Zuckungen, Bewegungen, geringfügige Veränderungen des Körpers, der Atmung, des Gesichtsausdrucks.


Die 46-Jährige nutzt ihr Talent zuzuhören, das sie sich komplett selbst beigebracht hat, um Pferden zu helfen, die als unreitbar gelten. Dabei wird sie von ihrem Mann unterstützt, mit dem sie drei Kinder hat. "Meine Devise ist: Jedes gesunde Pferd ist reitbar, und jedes Pferd, das nicht reitbar ist, ist nicht gesund." Langer, die man sich nicht ohne Reithose und Flanellhemd vorstellen kann, gibt zu, dass es für die Problemerkennung kein Patentrezept gibt und man viel Erfahrung braucht.


Als Erstes untersucht sie, ob das Pferd an physischen Einschränkungen leidet. Wenn Pferde schlecht behandelt, zum Beispiel geschlagen wurden, sei das Vertrauen zerstört. Hebt man den Arm schnell an, und das Pferd zuckt mit dem Kopf zurück, dann sei ziemlich klar, dass es ins Gesicht geschlagen wurde. "Wenn ich so ein Pferd bekomme, gehe ich erst mal drei Wochen lang nur mit ihm an der Hand spazieren, um das Tier und seine Psyche kennenzulernen, um ihm beizubringen, dass ich das Kommando habe, und um ihm zu zeigen, dass ich es zu nichts zwinge, was es körperlich oder geistig nicht leisten kann." Das Wichtigste sei, ein Nein auch zu akzeptieren. "Je mehr Neins man akzeptiert, desto mehr Jas bekommt man dann auch. Das Pferd realisiert mit der Zeit, dass es die Freiheit hat, Dinge nicht zu tun." Es vertraue Yvonne mehr und mehr. Und wenn es dann aufgefordert wird, denkt es: "Ich glaube, sie hat mich noch nie um etwas gebeten, was ich nicht schaffen kann, und wenn sie sagt, ich kann das, dann kann ich das auch." Nach diesen drei Wochen der Vertrauensbildung warte sie auf ein Zeichen des Pferdes, mit dem es ihr zu verstehen gibt, sie könne jetzt aufsteigen und reiten. Das Aufsteigen geschehe nun in der Regel reaktionslos.


Langer erzählt von einem Wallach, der durch falsches Futter an einer schmerzhaften Muskelübersäuerung litt. Nach drei Monaten Ernährungsumstellung, Abnehmen, Massagen und Osteopathie konnte begonnen werden, den Wallach anzureiten. Das sei völlig problemlos gewesen, obwohl es zuvor unter viel Druck der bisherigen Trainer aussichtslos schien. Die Dauer der Behandlung hänge immer davon ab, wie aufnahmefähig das Pferd sei. Ihren längsten Patienten, eine extrem schreckhafte Stute, hatte sie sieben Monate bei sich. Langer hat selber 13 Pferde, darunter fünf Senioren. "Die stehen auf den Rentnerweiden, arbeiten nicht mehr, genießen ihren Ruhestand, bis sie dann irgendwann über die Regenbogenbrücke gehen." Es gibt zwei Jungpferde, die noch nicht geritten werden, und sechs Reitpferde. Nur ein einziges Mal habe sie nach ihrer Behandlung empfohlen, ein Pferd nicht mehr zu reiten. Nach jahrelangem unbemerkt gebliebenem Lahmen trug der Vierbeiner einen solchen Schaden in seinen Hüftgelenken davon, dass das Reiten ihm weiter Schmerzen bereitet hätte. "Ich habe noch nie so eine gebrochene Seele in einem Pferd gesehen." Aus ganz Portugal bringen ratlose Reiter ihre Pferde zu ihr, meist, weil sie nicht wissen, wie sie mit dem Tier umgehen sollen, und es guten Gewissens reitbar weiterverkaufen wollen. Langers größtes Anliegen ist, Menschen dafür zu öffnen, dass man bei diesen Wesen mit weniger Druck viel mehr erreichen kann und Pferde einfach Hilfe brauchen, um sich verständlich zu machen.


Das musste sie aber selbst erst lernen. Mit 15 Jahren, als sie noch in Drögeheide bei Torgelow in Mecklenburg-Vorpommern lebte, habe sie zum ersten Mal rebelliert und den Pferden beim Reiten mehr Freiraum gegeben, als man es ihr beigebracht hatte. "Wir wollten kein Gegeneinander, wir wollten ein Miteinander." Aber auch für sie ist Druck ein wesentlicher Teil des Reitens. Der Reiter müsse eine Richtung vorgeben, etwa durch Schenkeldruck oder Gewichtsverlagerung. Wichtig sei nur, es nicht zur Unterdrückung werden zu lassen.


Ihre Erfahrungen mit Karamo, ihrem ersten eigenen Pferd, ließen sie eine wichtige Entscheidung treffen. Sie nutzte zum ersten Mal eine Hackamore, eine gebisslose Zäumung. "Du bist ja verrückt! Du bekommst das Pferd schon mit Gebiss nicht angehalten, wie willst du das ohne schaffen?", warnten Freunde. Als sie Karamo jedoch die Hackamore anlegte und losritt, passierte etwas, das ihre Sicht komplett veränderte. "Ich hatte plötzlich ein ganz anderes Pferd." In diesem Moment sei ihr klar geworden, dass weniger oft mehr sei.


Was sie gelernt hat, gibt sie weiter. "Ich denke, dass ich auch so einen kleinen Lehrauftrag habe, um anderen Pferden, die eigentlich gar nicht in meiner Nähe sind, einfach ein schöneres Leben zu verschaffen. Indem ich Menschen die Augen etwas öffne." Diesen Lehrauftrag erfüllt sie auch während ihrer Ausritte, die sie in Vale de Telha bei Aljezur an der West-Algarve anbietet - für Reiter mit und ohne Erfahrung. Dort, am westlichen Ende Europas, führt sie durch eine heideartige Landschaft im Naturschutzgebiet Costa Vicentina, das sich über 80 Kilometer entlang der Steilküste erstreckt. Ein würziger Geruch aus Zistrose, Rosmarin und Ozean liegt in der Luft.


Sobald die ersten Gäste eintreffen, wird ihnen erklärt, was sie während des Ausritts tun dürfen und was nicht. Dazu gehört, dass ihre Pferde einhändig geritten werden. Das komme ursprünglich davon, dass man früher immer eine Hand frei brauchte. "Damals, um ein Seil oder ein Schwert zu schwingen, heute, um das Smartphone zu halten", erklärt Langer verschmitzt. "Adventure Riding", so der Name ihres Unternehmens, bietet weitere Ausritte an. Der Vollmondritt sei für viele eine ganz neue Erfahrung, in einer Gegend ohne künstliches Licht.


Die Wälder ihres Heimatlandes seien auch das Einzige, was sie an Deutschland vermisse. "Es gibt hier halt keine Laubwälder, in denen im Herbst alles rot und golden wird, herunterfällt und alles raschelt, wenn du durchläufst." An der Algarve wachsen aromatische Eukalyptus-, Pinien- und Korkeichenwälder.


Die größte Umstellung, als sie mit Bekannten nach Portugal zog, die ihr den Transport ihres Pferdes kostenlos anboten, sei jedoch die Einstellung zur Pünktlichkeit gewesen. "Hier fühlt sich halt keiner so richtig gezwungen, pünktlich zu sein." Als sie einmal verspätet ihre Kinder zur Schule fuhr, mussten sie stoppen, weil ein Auto vor ihnen angehalten hatte. "Dann ist der Fahrer ausgestiegen, um sich einen Kaffee zu holen. Das war der Lehrer! Da hab ich mir gedacht, warum stresse ich mich so, wenn sich der Lehrer nach Unterrichtsbeginn noch 'nen Kaffee holt, auf der Hauptstraße, die noch etwa vier Kilometer von der Schule entfernt ist?", erzählt sie und lacht.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 18.05.2026, Nr. 113, S. 26 - Philomena Bauch, Deutsche Schule Algarve, Silver

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