Manchmal ist der Tourist die Attraktion

Für deutsche Jugendliche ist das Leben in Shanghai aufregend

Laute Menschenmassen, summende Elektroautos, leuchtende Wolkenkratzer: Shanghai zählt mit seinen mehr als 30 Millionen Einwohnern zu den größten Städten der Welt. Bei Tag sind viele internationale Geschäftsleute in der Wirtschaftsmetropole unterwegs. Und deren Kinder. Diese gehen auf englische, deutsche oder auch französische Schulen. Dort finden sich ebenfalls chinesische Schüler, da sie auf diesen Schulen einen international anerkannten Abschluss bekommen und damit gute Möglichkeiten für die Aufnahme an einer bekannten Universität im Ausland.

Die Deutsche Schule Shanghai (DSS) hat zwei Standorte in der Stadt, im westlichen Bezirk Qingpu und im nordöstlichen Yangpu. Sie wird von etwa 1200 Schülern aus über 20 Nationen besucht. 1995 haben sich Eltern in einem Wohnzimmer in Shanghai zusammengeschlossen, um ihren Kindern deutschsprachige Bildung zu ermöglichen. Der Unterricht an der Ganztagsschule geht für die meisten Stufen bis 17 Uhr. Dann kommt die abendliche Rushhour. Der Heimweg kann sich bis zu anderthalb Stunden hinziehen, je nach Distanz und Transportmittel.

 

Wie aber verschlägt es einen deutschen Schüler nach Shanghai? In den meisten Fällen hat dessen Vater oder Mutter ein Jobangebot angenommen. Sollten diese dann noch einen Partner in Shanghai gefunden haben, ist das meist ein Grund für einen längeren Aufenthalt in der Stadt.

 

"Sich mit Freunden treffen ist manchmal voll schwer und nicht vergleichbar mit Deutschland. Da kommen voll viele Dinge dazu, wie Schule, Familie, Verkehr und die Distanz zueinander, weil wir ja in so einer großen Metropole leben", sagt die 18 Jahre alte Alina Kophstahl, die die DSS seit fünf Jahren besucht. Das führe dazu, dass die Freizeit und das Wochenende besonders gut geplant werden müssen.

In Shanghai gibt es unendlich viele Freizeitangebote, teilweise auch Dinge, die es in Deutschland gar nicht so gibt, etwa den Taxi-Service "Didi", eine Uber-ähnliche Transportoption, "allerdings viel günstiger und sicherer als das herkömmliche Uber", meint der 18 Jahre alte Carl Schotmann. Zudem stehen an beinahe jeder Ecke Fahrräder, die man für 1,50 Yuan, etwa 18 Cent, je fünf Minuten ausleihen kann. Besonders beliebt sind E-Scooter, mit denen man bei viel Verkehr deutlich schneller auf kleineren Strecken von A nach B kommt. E-Scooter teilen sich mit den Radfahrern eine Spur, die neben der Straße und oft mit Zäunen abgegrenzt ist. "Ich kann easy an dem ganzen Autoverkehr vorbeifahren", meint Carl. So gut wie in jeder Straße finden sich die sogenannten "Family Marts". Das sind kleine, feine Convenience-Stores, die eine große Auswahl an Getränken und Snacks sowie andere Kleinigkeiten wie Reisbällchen oder Instantnudeln im Angebot haben. Oft haben diese auch Sitzplätze vor dem Laden. Während es dort nach gebratenen Nudeln duftet und gegenüber am Straßenrand ein anderer Verkäufer seine Süßkartoffeln stapelt, "ist es voll entspannt, beim Family abends mit Freunden zu chillen", erzählt Alina. Shanghai ist auch für seine riesigen Malls, die Einkaufszentren, bekannt. "Shopping, Anime, Gaming, Parfüm, Essen, ich kann gar nicht aufzählen, was man dort alles finden kann", sagt der 11 Jahre alte Vincent Avram, der seit zwei Jahren die DSS besucht. Da die meisten Freunde in der Regel nicht unbedingt in der Nähe von einem wohnen, trifft man sich meist in der Mitte von allen, wenn man sich verabredet. Oder aber es wird zwischen den Wohnungen von Freunden rotiert.

Für Ausländer kann der erste Shanghai-Besuch mit all seinen Attraktionen überwältigend sein. Manchmal kann man auch selbst zu einer Attraktion werden, vor allem wenn man blond ist. "Die schauen mich an, als wäre ich eine Berühmtheit oder so was. Und nach Fotos werde ich auch ganz oft gefragt, oder sie werden einfach gemacht. Das ist schon witzig", sagt der 18 Jahre alte Matthias Avram, der vor zwei Jahren in die Metropole gezogen ist.

Deren Nachtleben ist für die Jugendlichen besonders attraktiv. "Die meisten Clubs und Bars werden von Promotern zugänglich gemacht, man kommt also eigentlich fast immer umsonst rein", meint die 18 Jahre alte Paula Vorgerd. Auch gebe es keine Ausgangssperre für die Jugendlichen. "Man kann sich nachts einfach frei auf den Straßen und sogar in den dunklen Seitengassen bewegen, ohne Angst zu haben, dass etwas passiert. Da habe ich in Deutschland Angst, dass ich überfallen werde." Das liege an den hohen Sicherheitsstandards in Shanghai, die durch Kameras und die vielen Guards gewährleistet werden. Die Guards sind Wachmänner in den Wohnanlagen. Ihre Aufgabe ist es, zu überprüfen, welche Personen wann die Wohnanlage betreten und verlassen. An den Ein- und Ausgängen befinden sich moderne Tore, die nur geöffnet werden können, wenn man dort registriert ist, oder durch einen "Beep" mit der Schlüsselkarte, die nur die Guards besitzen.

Viele Jugendliche wissen nicht, wie lange ihre Familien in Shanghai bleiben. Ein Jahr? Zwei Jahre? Vielleicht länger. Doch während über ihnen die Lichter der Stadt wie ein zweiter Himmel glühen, spielt das für die meisten kaum eine Rolle. Zwischen Wolkenkratzern, Nachtleben und surrenden E-Scootern finden sie ihren eigenen Rhythmus. Und irgendwann, wenn sie wieder im Flugzeug Richtung Deutschland sitzen, werden manche erst begreifen, wie sehr Shanghai sie geprägt hat.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.03.2026, Nr. 69, S. 26 - Matthias Avram und Anni Vorgerd, Deutsche Schule Shanghai

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