Acht Alpakas und ein Rentner. Wie ein ehemaliger Bauingenieur im brandenburgischen Pausin ein Zuhause für Mensch und Tier schuf.
Pausin, ein kleiner Ort im ländlichen Brandenburg, kennt keinen Lärm, keinen Berufsverkehr und keine Menschenmassen. Gelegentlich zieht eine Schar Vögel über den wolkenfreien Himmel. Es duftet nach Heu. Die Sonne brennt auf das Stoffdach des Pavillons. Dahinter erstreckt sich das Gehege - eingerahmt von einem Metallzaun und umgeben von Kiefern. Einige Alpakas liegen entspannt im Sand, andere beobachten das Geschehen wachsam aus der Distanz.
Mittendrin sitzt Joachim Liesegang. Er wirkt wie ein Teil der Kulisse, die den Alpakahof ausmacht. "Ich bin nicht der typische Bauer", sagt der Sechsundsiebzigjährige, während sich ein feines Lächeln in seine Augenwinkel stiehlt. "Ich war Bauingenieur, bis ich vor zwölf Jahren in Rente ging." Er hat sogar eine eigene Firma geführt. "Landwirtschaft? Ich habe zwei linke Hände, was das betrifft", sagt er und lacht. Sein kurzes, weißes Haar und sein Vollbart schimmern in der Sonne, sein Blick ist so gelassen wie der der Tiere, die ihn umgeben.
Dass er heute hier sitzt, hat er seiner Frau Annelies zu verdanken. Alles begann im Jahr 2013. "Auf der Grünen Woche hat sie sich in die sanften Wesen aus den Anden verliebt." Lange blieb es ein Traum, da dem Ehepaar die Zeit dafür fehlte. Doch mit der Rente änderte sich alles. Sie wurden auf einem Hof in Velten fündig. Dort kauften sie ihre ersten Alpakas im Alter zwischen drei und acht Jahren, die damals etwa 1000 Euro pro Tier kosteten. Geplant war nur ein Alpaka. Aber Alpakas sind keine Einzelgänger. "'Mindestens zwei, besser drei', meinte der Verkäufer damals zu uns. Wir dachten uns, wir kaufen zwei, mehr nicht, und kümmern uns um sie."
Doch die Realität kam 2015 auf einem Viehtransporter angerollt. "Die Laderampe klappte nach unten, und statt der zwei bestellten Tiere stiegen plötzlich acht Alpakas aus. Wir meinten zum Verkäufer, dass wir nicht alle bezahlen können", erinnert sich Liesegang an den Schock. "Der versprach, die restlichen Tiere später abzuholen. Doch er kam nicht wieder." Plötzlich standen acht Alpakas auf seinem Hof, und mit ihnen Verantwortung, Kosten und eine Entscheidung. Aufgeben oder weitermachen? "Dann machen wir eben etwas daraus", meinte er.
Der Hof ist das Erbe seiner Frau, deren Vorfahren hier bereits vor dem Zweiten Weltkrieg eine Bauernwirtschaft betrieben hatten. Selbst zu DDR-Zeiten hielten sie den Betrieb im kleinen Rahmen aufrecht, bis nach der Zwangskollektivierung nur noch wenige Tiere für die Eigenversorgung blieben.
Was als Hobby begann, wurde zur Lebensaufgabe. "Die Anforderungen wurden immer größer. Fütterung, Pflege, medizinische Versorgung. All das kostete Zeit und Geld." Allein für die Versorgung müsse er mit 1,50 bis 2 Euro pro Tier und Tag rechnen. Bei inzwischen zwölf Alpakas summiert sich das schnell. "Von der Rente allein war das bald nicht mehr zu finanzieren." So entwickelten sie eine Idee: Sie bauten den Hof zu einem kleinen Nebenerwerbsbetrieb aus. Dessen Besucher können dort Alpakas beobachten, füttern und Wanderungen mit ihnen machen.
Gerade weil Alpakas Herdentiere sind, eignen sie sich gut für Wanderungen. In der Gruppe fühlen sie sich sicherer, sodass selbst neue Tiere schon nach der zweiten Wanderung gelassen mit den Besuchern Schritt halten. Wind, Regen oder Hitze können ihnen wegen ihrer dichten Wolle wenig anhaben. Hier leben ebenso zahlreiche Hühner und zwei Ponys.
Ein Alpaka hebt den Kopf, schaut kurz in Richtung Pavillon und wendet sich wieder ab. Die Tiere wirken unnahbar, beinahe distanziert, Nähe lassen sie nur begrenzt zu. "Alpakas sind Fluchttiere", erklärt Liesegang. "Sehr scheu. Man kommt an sie ohne Leine oder Futter kaum heran. Ein Verhältnis wie das zwischen einem Hund und seinem Herrchen entsteht nicht." Sie hätten zwar alle Namen, aber das interessiere die Tiere nicht.
Dennoch bringen sie eine tiefe Gelassenheit mit sich. Für Besucher wird das spürbar. "70 bis 80 Prozent unserer Besucher kommen aus Berlin und wollen einfach nur raus aus der Großstadt."
Besonders bewegend seien die Momente mit Kindern oder Menschen aus Pflegeheimen. Wenn Rollstuhlfahrer an den Zaun kommen und die scheuen Wesen plötzlich ihre Distanz aufgeben, sieht man in Liesegangs Augen, was ihm diese Arbeit bedeutet. "Da merkt man, dass Tiere etwas bewirken können." Er erzählt von Kranken oder Kindern, die oft eine ganz besondere, ruhige Verbindung zu den Tieren aufbauen, die angesichts der Kürze des Besuchs kaum zu erklären sei. Die Alpakas scheinen zu spüren, wenn jemand Hilfe oder Ruhe braucht.
Für ihn selbst ist der Hof zum Anker geworden. "Dieser Hof, diese Tiere, das erfüllt mein Leben." Der Ruhestand, nach dem er sich einst gesehnt hat, ist einem strukturierten Alltag gewichen. "Das ist keine Arbeit", betont er, "das ist Spaß." Ganz ohne Einschränkungen gehe es jedoch nicht. Längere Reisen seien kaum möglich. "Meine Frau und ich können nicht gemeinsam wegfahren." Mehr als ein paar Tage sind selten drin, dennoch würde Liesegang kein Tier eintauschen wollen.
Auch schwere Momente gehören dazu. "Wenn ein Tier stirbt, dann rollen schon ein paar Tränen." Gezielt gezüchtet wird auf dem Hof nicht. Ein leichter Windstoß lässt den Pavillonstoff knistern. Ein Alpaka steht auf, geht ein paar Schritte und bleibt stehen. Liesling weiß, dass er nicht ewig weitermachen kann. Obwohl ihn die Gesundheit mit Operationen herausgefordert hat, gehe es ihm im Moment gut. Die Sorge um die Zukunft wiege nicht schwer. "Meine Tochter steht bereits in den Startlöchern. Sie will den Hof weiterführen, ausbauen und die Arbeit professionalisieren, um offizielle Alpakatherapien anzubieten." Diese sollen Menschen mit Einschränkungen, Burnout oder Traumata helfen. Ein Gedanke, der ihm Sicherheit gibt.
Ab und zu hört man das gedämpfte, kehlige Brummen der Alpakas. "Das ist eine wunderschöne Sache", sagt Liesegang zum Abschied, "das Zusammenleben mit den Tieren, von morgens bis abends." In Pausin ist er kein Ingenieur mehr. Er ist der Mann, der den Alpakas ein Zuhause gegeben hat - und dabei selbst eines gefunden hat.