Einen Schweizer hat es schon in viele Winkel der Erde verschlagen. Dabei drehte sich alles ums Surfen.
Der Arzt schaute auf den Fuß, dann hob er den Blick und sagte: "Wenn du heute nicht fliegst, verlierst du dein Bein." Es war das Jahr 2000, Kap Verde, eine Insel, ein Riff und ein falscher Schritt. Als Konsequenz: eine Infektion, die sich ausbreitete. Ein Privatjet der Schweizerischen Rettungsflugwacht holte Christian Andenmatten wenige Stunden später ab. Ins kalte Zürich statt an den warmen Strand des Atlantiks. Drei Monate später steht Andenmatten wieder auf dem Surfbrett. "War für mich nie ein Thema", sagt der 45-Jährige.
Der 1,75 Meter große Mann ist schlank, mit Brille und einem Dreitagebart. Er hat blaue Augen und eine leicht gerötete Haut. Das gelbe T-Shirt mit der Abbildung einer Hand, die ein Shaka-Zeichen und mehrere Namen von Surf-Hotspots aufreiht, spannt über seinen Schultern. Seine feinen, vom Salzwasser gebleichten Haare glänzen. Wenn man ihn fragt, wie er sich selbst beschreiben würde, sagt er: "Ich bin ein Adrenalin-Junkie, der die Natur liebt."
Geboren und aufgewachsen im Wallis in der Schweiz zwischen Bergen und Schnee, ist seine Jugend von Wintersportarten, von Snowboard und Ski, geprägt. Das Meer kommt später, über einen Umweg, durchs Kitesurfen mit dem Vater in den Ferien in Südfrankreich. Doch für Christian wird Surfen schnell mehr als nur ein Sport. Nachdem er mit 16 von der Schule verwiesen wird und in eine schwierige Phase gerät, findet er auf dem Wasser die Ruhe und den Abstand zu einem Umfeld, in dem viele seiner damaligen Freunde abstürzen. Rückblickend, sagt er, habe ihm das Surfen sein Leben gerettet.
Christians Weg verläuft alles andere als geradlinig. Er beginnt eine Ausbildung zum Detailhandelsfachmann in einem Elektromarkt und bricht sie ab. Es folgt die Schauspielschule in Zürich, nebenbei arbeitet er als Personal Trainer. Er spielt "Moby Dick" auf der Bühne in Bad Ragaz und lernt, wie man mit dem Körper erzählt.
2001 verbringt er ein halbes Jahr in Ägypten, im Strandort Hurghada. Tagsüber lebt er sein Leben auf dem Roten Meer beim Kitesurfen, und nachts arbeitet er als Insektenkiller in Hotels. "Man wusste nie, was auf einen wartete, bevor man die Tür aufmachte. Manchmal, wenn man die Zimmer vollsprühte, hat es von Kakerlaken geregnet. Wir haben unsere Kleidungsstücke ausgezogen, während wir versuchten, uns gegenseitig die Kakerlaken vom Körper zu schlagen." Am Ende standen sie in Unterwäsche an der Rezeption.
Hurghada ist nur eine Station. Christian zieht weiter, von Küste zu Küste, von Welle zu Welle. Von Venezuela bis nach Australien, immer wieder neue Ozeane. Immer unterwegs mit bis zu 80 Kilo Gepäck, mit fünf, manchmal auch mehr Surfboards, Shortboards und langen Brettern, jedes einzelne sorgfältig ausgewählt. Rund 600 Euro pro Brett. Doch dann entdeckt er eine Insel im Indischen Ozean: Mauritius. Ab 2002 reist er immer wieder dorthin, 2008 wandert er ganz dorthin aus. Seine Lieblingswelle trägt den Namen "One Eye" - eine sogenannte "hollow wave", eine Welle, die so bricht, dass sich über dem Wasser ein Tunnel bildet, durch den man hindurchsurft. Das "One Eye" läuft mehr als einen Kilometer. Wer die Welle richtig erwischt, kann minutenlang surfen. Mauritius ist für Christian mehr als die perfekte Welle. Oft ist er allein draußen am Riff und beobachtet das Auftauchen von Delphinen oder wie Buckelwale am Horizont vorbeiziehen. "Ich war im Paradies."
Um sich das Leben auf der Insel finanzieren zu können, gründet er mit einem einheimischen Freund eine Surf- und Kiteschule und gibt Touristen Surfunterricht. 25 Euro die Stunde und 150 Euro für eine Privatstunde, bei der er seine Kunden mit einem kleinen Boot zu den besten "Spots" fährt. Dabei habe er aber irgendwann bemerkt, dass seine eigene Lust zu surfen nachließ, dass es besser sei, "die Leidenschaft aus dem Beruf herauszunehmen". 2019 steigt er aus der Firma aus. Und findet seine Liebe. Eine Amerikanerin. Zu zweit waren sie auf Hawaii, doch sie wollte in die Schweiz. So kehrte Andenmatten nach Europa zurück. Über Umwege absolviert er einen Master of Education und arbeitete von 2020 bis 2025 als Lehrperson und Heilpädagoge in der Schweiz. Es folgt das Scheitern seiner Beziehung, und seine Mutter stirbt. 2025 zieht Andenmatten nach Portugal, an die Algarve. Er lebt in einer Wohngemeinschaft mit vier Freunden, arbeitet als Grundschullehrer an der Deutschen Schule Algarve und surft.
Surfen sei für ihn keine Sportart im klassischen Sinn. Andenmatten spricht darüber wie über eine Kunst. Wettkämpfe interessierten ihn nicht. "Ich habe mir nie überlegt, eine Surfkarriere zu machen, sondern ich habe mir überlegt: Wie kann ich überall so viel Zeit wie möglich im Wasser verbringen?" Zweimal bricht er sich die Nase, Rippen, den mittleren Zeh, mehrmals die Finger. Es sei leichter, die Knochen aufzuzählen, die er sich noch nicht gebrochen hat. Einmal in Hyères in Frankreich sei er aufs Meer herausgetrieben worden. Es war schon dunkel, er hatte sein Brett nicht mehr, und dann "treibst du da vor dich hin". Irgendwann entdeckte er eine Boje. "Ich wartete dort auf Rettung oder den Tod." Glücklicherweise kam ein Fischerboot. Es sei so schwierig zu sagen, wann man aufhören soll.
Andenmatten bezeichnet sich auch als Big-Wave-Surfer, da gehe es um Wellen mit einer Höhe von mindestens 20 Fuß, also über sechs Meter. Für solche Wellen müsse man 90 Sekunden lang die Luft anhalten können, unter Stressbedingungen. Der Surfspot Nazaré in Portugal ist bekannt für seine großen Wellen. Aber die Nazaré "kann jeder machen". "Wenn du stehen kannst, kannst du das." In Nazaré werde man mit einem Jetski hineingezogen und mit einem anderen herausgezogen. Man brauche für Nazaré eigentlich nur Mut, weil die Wellen dort 20 bis 27 Meter hoch sein können. Die höchste, die er dort jemals gesurft hat, war 17 bis 20 Meter hoch. Die Unfälle seien lebensgefährlich. Man müsse sogar Blei ins Brett schmieren, damit es nicht abhebt. Aber Nazaré sei keine schöne Welle. Die Jaws auf der Insel Maui, Hawaii, seien nicht ganz so hoch, "aber viel, viel schöner". Eine schöne Welle sei eine glatte Welle. Wenn man so eine Welle surft, dann ist es "wie durch Butter", dann spiele die Geschwindigkeit keine Rolle.
Trotz der ganzen Unfälle und der mit dem Surfen verbundenen Gefahren hatte Christian Andenmatten immer die Unterstützung seiner Eltern. Sie kannten ihren Sohn und wussten, dass Surfen sein Leben ist. Oder, wie er es selbst formuliert: "Das Meer ist mein Zuhause. Und mein Wohnzimmer ist die Welle."