Prachtkerle tauen nach und nach auf

Konrad Blendinger betreibt eine der bedeutendsten Hundesamenbanken im deutschsprachigen Raum.

Als Konrad Blendinger den Deckel öffnet, quillt weißer Nebel aus dem großen Metallbehälter und kriecht langsam über den Boden. Für einen Moment sieht es so aus, als würde der Raum atmen. In dem Behälter, bei minus 196 Grad Celsius, lagert potentielles Leben in dünnen Plastikröhrchen. Die Röhrchen sind unscheinbar, kaum zehn Zentimeter lang und nur wenige Millimeter dick, wie Strohhalme. Oben und unten versiegelt, dazwischen der Samen von Hunden. Mehr nicht. Und doch entsteht daraus, dank der Hilfe des Tierarztes für Reproduktionsmedizin, Leben.

 

Blendinger betreibt eine Hundesamenbank. Er sammelt, lagert, verschickt und überträgt genetisches Material von Rüden in die ganze Welt. Was hier in den winzigen Röhrchen in der Kleintierarztpraxis liegt, kann Jahre später Tausende Kilometer entfernt zu einem Welpen werden. Seine "Tierarztpraxis Dres. Blendinger" liegt in Hofheim-Wallau. Dort arbeitet Blendinger, und dort gründete er 2011 zusätzlich die Hundesamenbank HSB-Blendivet GmbH, die zu den bekanntesten und bedeutendsten Hundesamenbanken im deutschsprachigen Raum zählt.

 

In Blendingers Büro merkt man von der weltweiten Samenbank kaum etwas. Es ist beinahe wohnlich. Neben dem großen Schreibtisch steht Band-Equipment in der Ecke, Gitarren- und Schlagzeugausstattung, denn Blendinger ist nicht nur Tierarzt, sondern auch Teil einer eigenen Musikband. Der Dreiundsechzigjährige ist ein offener und lockerer Mensch, er hat dunkle Haare und eine ruhige Stimme. In seiner schlichten Alltagskleidung spricht er mit großer Begeisterung über seinen Beruf.

 

Schon früh habe er sich mit der Fortpflanzung von Tieren beschäftigt. "Da bin ich reingewachsen. Mein Vater hat bereits Rinder besamt und ist von Hof zu Hof gefahren, um Bauern zu helfen, bessere und gesündere Zuchttiere zu bekommen. Als Kind bin ich oft mitgefahren, das wurde zur Gewohnheit. Später habe ich mir im Studium mit Besamung bei Rindern und Schweinen Geld verdient und bin dadurch an der Universität in diesem Fachbereich gelandet." Blendinger studierte von 1983 bis 1989 in München.

 

Doch warum Hundezucht? Während des Studiums reifte die Idee, eine Kleintierarztpraxis zu eröffnen. "Dabei wurde mir bewusst, dass Hundezucht in diesem Umfang kaum verbreitet ist. Da dachte ich, das könnte man ausbauen." Gleichzeitig sei es ein Risiko gewesen, einen Weg am Rand zu wählen, verbunden mit der Unsicherheit, sich so stark zu spezialisieren. Doch heute ist er glücklich über die getroffene Entscheidung.

 

In der Praxis lassen die großen Fenster viel Licht in den Behandlungsraum, in dessen Mitte sich ein Behandlungstisch befindet, der gerade von einer Arzthelferin in weißem Kittel desinfiziert wird. Daneben steht eine Frau mit ihrer Husky-Hündin, der kurz zuvor Blut für eine Hormonuntersuchung abgenommen wurde. Dadurch wird bestimmt, wann der richtige Zeitpunkt für eine Besamung ist und ob die Hündin überhaupt "belegt" werden kann, also ob sie läufig ist und sich in der fruchtbaren Phase befindet. All dies geht mithilfe von Labortests, bei denen zudem untersucht wird, ob die Hündin gesund ist oder übertragbare Krankheiten hat.

 

"Beim Rüden nehmen wir Samen ab, untersuchen ihn, bestimmen die Qualität und lagern ihn ein. Außerdem importieren wir auch Samen aus dem Ausland, wenn Bedarf besteht, oder bekommen ihn zugeschickt und lagern ihn bei uns. Ebenso verschicken wir selbst Samen in andere Länder. Der Versand ist ein wesentlicher Bestandteil unserer Arbeit." Meistens werden die Samen in ganz Europa und nach Amerika versendet, sie gehen aber auch mal bis nach Neuseeland. Insgesamt braucht es drei bis sechs Untersuchungstermine, bis es zur Besamung kommt. Dazu wird der Samen aufgetaut oder dem Rüden direkt vor Ort abgenommen und mit einem Spezialgerät der Hündin eingebracht.

 

Welcher Samen zu welcher Hündin passt, wird unter den Züchtern in sogenannten Zuchtverbänden selbst ausgemacht, da sie die Hunde am besten kennen und beurteilen können. Hierbei gibt es feste Kriterien wie Rasse, Gesundheits- und Wesenstests. "Die Ergebnisse aller Untersuchungen fließen in eine Zuchtwertschätzung ein, nach der dann geeignete Zuchttiere zur Verpaarung ausgesucht werden."

 

Blendinger vergewissert sich, dass sowohl die Hündin als auch der Samen für die Zucht geeignet sind. Mit seinem Team deckt er "im Prinzip das gesamte Paket" rund um die Fortpflanzung ab, von der Erstbesprechung über die Planung und Untersuchung bis zur Besamung. Heute arbeiten sechs feste Mitarbeiter in der Samenbank, zusätzlich zum Praxisteam. Nur dadurch schaffen sie es, pro Monat etwa 50 Hündinnen und Hunde zu behandeln.

 

Hier im Behandlungsraum wird Englisch gesprochen. Die Züchterin ist extra aus Dänemark angereist. Blendinger hat sich inzwischen international bei Züchtern einen Namen gemacht. Viele Kunden kommen aus ganz Europa, teilweise sogar darüber hinaus. Die Züchter bauen gezielt eine Zucht auf Leistung, Schönheit, Gesundheit oder Charakter auf und können durch die Hundesamenbank weltweit das passende Erbgut finden. "Wir hatten eine ganze Zeit lang eine Kundin aus Amerika, die ist jedes Jahr mit einer anderen Hündin nach Frankfurt geflogen", erzählt Blendinger. "Die kam direkt vom Flughafen zur Besamung angefahren und ist dann wieder zurück."

 

Aber die Kunden kommen nicht nur zu ihm nach Wallau, sondern Blendinger fliegt auch selbst zu den Kunden. "Ich bin nach Dubai geflogen und habe dort eine Hündin besamt mit Samen, der extra aus Australien nach Dubai kam." Der Samen wird dazu in einem speziellen Gefäß, dem "Dry-Shipper", bei minus 140 Grad eingeflogen. "Das gab dann elf Welpen."

 

Man spürt Blendingers Leidenschaft für seine Hundesamenbank, während er erzählt. Die geht sogar so weit, dass er ein eigenes Spezialinstrument, das Compact Video-Vaginoskop, entwickelt hat, mit dem der Hundesamen unter Sichtkontrolle mittels sehr leistungsfähiger optischer Chips exakt in die Gebärmutter eingebracht werden kann. Für ihn sei es wichtig, dass alles funktioniert. Und das Schönste komme für ihn zum Schluss, dann nämlich, wenn die Besitzer Bilder und Videos ihrer Würfe schicken, wenn kleine Welpen in der Wurfkiste liegen, trinken und wachsen. Das ist es, was Blendinger am meisten fasziniert: "Dass der Samen, wenn er eingefroren war und man ihn dann auftaut, wieder lebt."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 17.08.2026, Nr. 189, S. 26 - Hannah Vierneisel, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

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