Salome sattelt um

Eigentlich wollte die 15-Jährige ihr Praktikum auf der Kleintierstation machen. Gelandet ist sie bei den Pferden.

Es ist 7 Uhr. Ein leichter Wind fegt durch die Gassen des Tierspitals in Zürich. Salome Mäder betritt die erste Box. Der Atem der Tiere dampft. Ein Geruch von Heu, Stroh und Pferdeäpfeln liegt in der Luft. Salome zieht sich die Handschuhe über und greift zur Mistgabel. Das Pferd tritt unruhig zur Seite. "Ganz ruhig, Großer, ich bin gleich fertig", sagt sie gelassen, aber bestimmt. Die 15-Jährige absolviert ein einjähriges Praktikum auf der Pferdestation in der Abteilung Chirurgie und Medizin. Dorthin kommen vor allem Pferde mit Koliken, Hufrissen und Herzproblemen. "Ich wollte ein Praktikum auf der Kleintierstation machen. Dort hatte es aber keinen Platz. Dann fragte mich das Tierspital, ob ich auch Interesse an Pferden habe", sagt sie und streicht sich eine braune Locke hinters Ohr. Außerdem reitet sie selbst seit acht Jahren Western.


Das Mädchen mistet alle 16 Boxen aus, und sie misst bei allen Pferden die Temperatur. Außerdem schaut sie, dass jedes das richtige Futter bekommt. "Für manche Pferde muss ich das Heu vorher bedampfen. Das reduziert Staub, Schimmelsporen und Bakterien, die sonst gesundheitliche Probleme verursachen könnten, vor allem bei Pferden, die Asthma haben oder eine Allergie." Bei manchen Pferden ist es ihr nicht möglich, die Temperatur zu messen, da sie aggressiv reagieren. Diese Pferde nimmt man dann aus der Box, wenn man sie ausmistet. "Sonst kann es lebensbedrohlich für mich werden." Bei ängstlichen Pferden versucht Salome das Vertrauen durch Putzen und Spazieren aufzubauen.


Ein kräftiger Wallach wird aus der Box geführt. Seine Augen sind weit aufgerissen, die Nüstern beben. Salome hält die Führleine locker, aber bereit, jederzeit zu reagieren. "Komm, wir gehen ein Stück", spricht sie leise auf ihn ein. Der Kies knirscht unter ihren festen Stiefeln. Das Pferd tänzelt, bleibt stehen, will zurück. Salome bleibt ruhig, wartet, bis es sich beruhigt. Dann gehen sie weiter. Zehn Minuten lang, dreimal am Tag, das ist die Routine. Jeder Spaziergang ist anders. Heute braucht das Pferd mehr Zeit. Es wird ruhiger. Salome streichelt ihm den Hals.


Nachdem Salome die Pferde versorgt hat, geht sie mit den Tierärzten und Pflegern frühstücken. Teambesprechung. Dann machen die Ärzte bei jedem Pferd einen Gesundheitscheck, und Salome assistiert. Steht eine Operation an, bereitet sie den Katheter vor, außerdem desinfiziert sie die Box, und es werden alle Operationswerkzeuge und Untersuchungsgeräte sterilisiert. Während der Operation mit einer Halbnarkose hält sie das Pferd fest. Außerdem reicht sie dem Tierarzt die Instrumente. Besonders präzise muss sie bei den Isolationspferden arbeiten, die eine ansteckende Krankheit haben wie Salmonellen. Diese kommen in eine Box, die an einen Schiffsrumpf erinnert. Sie ist wie bei einem Bunker von allen Seiten mit Beton verschlossen und hat nur eine Tür und ein kleines rundes Glasfenster. Man darf diese Box auch nur mit einem Spezialanzug betreten. "Bei einem Notfall, wie etwa Koliken, kommt das Pferd mit der Pferdeambulanz, ansonsten mit einem Transporter." Koliken können schnell lebensbedrohlich werden. Es kommt vor, dass man ein Pferd nicht retten kann. "Ich bin schon oft mit dem Tod von Tieren konfrontiert worden. Das klingt brutal, aber mit der Zeit ist das normal, und man kommt damit besser klar. Für mich ist es eher schlimm mit anzusehen, wie aufgelöst die Besitzer sind, wenn ihr Tier stirbt." Man möchte das Tier nicht leiden lassen, dann müsse man manchmal die Entscheidung treffen, es einzuschläfern. Verstorbene Pferde werden mit einem Stapler abgeholt. "Manche Besitzer wollen, dass man ein Stück des Pferdeschweifs abschneidet, als Erinnerung. Sie dürfen selbst entscheiden, was mit ihrem Tier passiert. Sind sie einverstanden, dass es geschlachtet wird, kommt das Pferd in die Metzgerei und wird zu Futter, zum Beispiel für Zootiere. Andere kommen in die Pathologie und werden dort für Forschungszwecke aufgeschnitten. Die restlichen werden verbrannt." Tiere, die eingeschläfert wurden, kommen nicht in die Metzgerei, wegen des eingesetzten Einschlafmittels. Pferde, die eine sehr ansteckende Krankheit hatten, müssen verbrannt werden.


"Manche Besitzer sind sehr aggressiv oder impulsiv, weil es ihren Tieren nicht gut geht. Und dann lassen sie ihren Frust an den Pflegern ab und schreien die an." Das gefalle ihr an ihrer Arbeit am wenigsten. "Außerdem kann es körperlich anstrengend sein, da ich viele schwere Dinge rumtragen muss." Das Schlimmste, was sie bis jetzt gesehen hat, war ein verätzter Magen, der keine Schleimhaut mehr hatte. Es kann passieren, dass eine Stute bei der Geburt stirbt. Dann werden die Fohlen von den Tierpflegern oder den Besitzern aufgezogen. "Das ist natürlich sehr traurig, aber es ist auch sehr herzig, wenn man sich um die kleinen Fohlen kümmern darf." Ihre grünen Augen strahlen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 18.05.2026, Nr. 113, S. 26 - Tanja Preisig, Kantonsschule Zürcher Oberland, Wetzikon

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