Sanft erwacht der schlafende Riese

Es ist früh am Morgen in Shanghai. Die Sonne ist gerade aufgegangen, und im Hepingpark, einem modernen Stadtpark im Stadtteil Hongkou, ist schon richtig viel los. Mehrere ältere Leute stehen auf einer freien Fläche und üben sich gemeinsam im Tai-Chi. Alle bewegen sich sanft, langsam und synchron, fast so, als würden sie tanzen. Ein paar Meter weiter machen zwei Männer an silbernen Stangen Klimmzüge. Neben ihnen sitzt eine Frau mittleren Alters auf einer Bank und spielt auf einem Saxophon ein altes Lied. Man hört Musik, Vogelgezwitscher und das Lachen der Menschen. Viele tragen Trainingsanzüge und Jacken. Für die Menschen im Alter zwischen 50 und 70 Jahren ist der Park ein wichtiger Bestandteil ihres Alltags. Hier treffen sie ihre Freunde, hier bewegen sie sich, hier haben sie Spaß, und das ganz ohne Fitnessstudio.

Ganz in der Nähe steht ein Mann ruhig an einer der Metallstangen und dehnt sich langsam. Er wirkt konzentriert, aber gleichzeitig gelassen, so als wäre diese tägliche Routine Teil seines Lebens. Der Mann ist 67 Jahre alt und möchte in diesem Artikel ebenso namenlos bleiben wie die zahllosen Ginkgobäume um ihn herum. Er komme "so gut wie jeden Tag" in den Park. Früher habe er als Automechaniker in einer Werkstatt gearbeitet, die Fahrzeuge zusammenbaute. Heute sei sein Alltag deutlich ruhiger, aber nicht weniger erfüllt. "Ein normaler Tag? Ganz einfach: drei Mahlzeiten, genug Schlaf und viel Zeit draußen", sagt er und lächelt dabei. Bewegung spiele für ihn eine wichtige Rolle. Seine Lieblingsbeschäftigung? "Dehnübungen. Jeden Tag. Und manchmal ein paar Liegestütze oder Klimmzüge."

Seine Übungen wirken so selbstverständlich, so als sei körperliches Training für ihn längst Routine. Tatsächlich gehört er einer Generation in Shanghai an, die tägliche Bewegung als etwas Selbstverständliches betrachtet. Parks wie dieser sind für viele ältere Shanghaier regelrechte Treffpunkte. Orte, an denen nicht nur Sport getrieben, sondern auch das Gemeinschaftsgefühl gepflegt wird und wo man sich gegenseitig motiviert.

Auch wenn dieser Mann oft allein trainiert, ist er nicht unsozial. "Natürlich habe ich Freunde hier", sagt er. "Manchmal gehen wir zusammen in den Park, manchmal verreisen wir zusammen." Erst vor Kurzem war er mit einem Freund in Xiamen, einer Hafenstadt an der Südostküste, unterwegs, eine Reise innerhalb Chinas, wie sie viele andere ältere Menschen in Gruppen gerne unternehmen.

Wie oft er trainieren geht? "Wenn ich in Shanghai bin und nichts Besonderes geplant ist, trainiere ich eigentlich sechs bis sieben Tage die Woche." Maximal zwei Stunden am Stück, aber oft auch aufgeteilt, also kurz am Morgen und dann am Abend noch einmal. Die Dehnübungen, die für manchen Außenstehenden vielleicht etwas kurios anmuten, sind für ihn ein ernst zu nehmender Bestandteil der Gesundheitspflege. Denn genau diese Gesundheit ist sein zentrales Lebensziel. "Ich möchte immer gesund bleiben", sagt er mit Nachdruck. Einerseits, weil Krankenhäuser teuer seien, andererseits, weil er auch im Alter beweglich und selbständig bleiben möchte. Während hinter ihm eine Gruppe älterer Männer in bunten Jacken ihren Gruppentanz beendet und ein anderer Mann mit einem Mikrofon in der Hand sein Lieblingslied durch den ganzen Park singt, wird deutlich, dass dieser Park nicht nur ein normaler Park für Freizeitbeschäftigungen ist, sondern ein Treffpunkt für Menschen, denen Bewegung, Gesundheit und Lebensfreude am Herzen liegen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 23.03.2026, Nr. 69, S. 26 - Johannes Oesterreich und Carl Schotmann, Deutsche Schule Shanghai

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