Sie hatte die Wahl

Aktivistin Anna Rosenwasser wurde überraschend 2023 als Nationalrätin ins Schweizer Parlament gewählt und kämpft für die Rechte der LGBTQ+ Community.

Ich bin aus Versehen Politikerin geworden", sagt Anna Rosenwasser und lacht. Am 4. Dezember 2023 wurde sie ins Schweizer Parlament gewählt. Sie selbst hatte nicht damit gerechnet. "Ich habe mich ganz hinten auf einem eigentlich chancenlosen Listenplatz

aufstellen lassen. Dort, wo nie jemand gewählt wird. Und ich wurde trotzdem gewählt." Diese Wendung führte sie von einem Leben als Aktivistin in die Rolle einer Nationalrätin der Sozialdemokratischen Partei (SP) für den Kanton Zürich. Bekannt war sie bis dahin vor allem als Stimme der queeren Community: als Journalistin, Aktivistin und ehemalige Ko-Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz. Seit 2008 berichtete sie als freischaffende Autorin unter anderem für lokale Kulturmagazine wie "hellozurich" oder "Saiten" sowie den queeren Newsportal "Mannschaft Magazin", wo sie mit ihren gesellschaftspolitischen Beobachtungen bekannt wurde. Regelmäßig schreibt sie Kolumnen für das Onlinemagazin "Republik". 2025 ist ihr Buch "Herz: Feministische Strategien und queere Hoffnung" erschienen, in dem sie persönliche Erfahrungen als queere Person mit politischer Analyse verbindet.


Rosenwasser wurde 1990 geboren. Sie wuchs in Schaffhausen auf. Seit ihrer Jugend engagiert sie sich für soziale Gerechtigkeit und die LGBTQ+ Community. Sie studierte Journalismus an der Zürcher Fachhochschule Winterthur und absolvierte ihr Bachelorstudium in Politologie und Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich. Lange glaubte sie, Politik hätte nichts mit ihr zu tun. "Ich habe ja keinen Anzug an und laufe nicht im Bundeshaus herum." Mit 25 trat sie der Milchjugend bei, der größten Schweizer LGBTQ-Jugendorganisation, in der sie später mehrere Jahre im Vorstand tätig war. 2017 gehörte sie zu den Mitgründerinnen der Schaffhauser LGBTQ-Jugendgruppe "andersh" und führte sie in den ersten Jahren. Damit wurde ihr Engagement für Gleichstellung und Sichtbarkeit richtig ins Rollen gebracht. Erst durch die Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Identität begann sie zu begreifen, wie politisch das Persönliche sein kann. "Als ich gemerkt habe, dass ich queer bin, und zur Milchjugend kam, wurde mir klar, die Dinge, die mir passieren, passieren vielen. Das ist eigentlich schon Politik."


Rosenwasser ist eine Person, die auffällt. Ihre rot geschminkten Lippen, ihr kurzes Haar und ihre direkte Art zu reden zeichnen sie aus. Ihre offenen Erzählungen über persönliche Erfahrungen erreichen Menschen weit über die queere Community hinaus. Für sie sind Erlebnisse, die oft wie Einzelschicksale wirken, eigentlich allgemeine Probleme. "So wie ich teilweise von Männern behandelt werde, im Alltag oder im Beruf, oder die Nachteile, die ich im Leben habe, einfach weil ich eine Frau bin, das ist gar nicht nur bei mir so, das ist bei mega vielen Frauen so." Diese Probleme zeigten sich nicht nur in den Lohnunterschieden zwischen Männern und Frauen, sondern auch in der noch immer starken Diskriminierung gleichgeschlechtlicher Paare. Für Rosenwasser sind solche Erfahrungen keine Einzelfälle. Dass sie in den Nationalrat gewählt wurde, überraschte nicht nur die Medien. "Normalerweise ist man zehn Jahre kommunal aktiv, bevor man überhaupt für den Nationalrat kandidiert. Ich halt nicht", sagt sie stolz. Im Parlament kämpft sie für Themen, die eng mit ihrem Leben verbunden sind. Im Zentrum ihrer Arbeit stehen feministische Anliegen und LGBTQ-Rechte. Sie setzt sich für die Rechte von trans und queeren Menschen ein, für Sichtbarkeit, Schutz und rechtliche Gleichstellung. "Mein größtes Anliegen ist, dass jeder Mensch ein schönes Leben führen und sich selbst sein darf." Doch die Realität im Bundeshaus stelle sie vor Herausforderungen. "Wir haben im Moment ein

sehr rechtes Parlament. Ich kann nicht einfach hingehen und fordern, dass alle trans Menschen alle Rechte bekommen." Deshalb kämpft sie auch außerhalb des Bundeshauses aktiv weiter. Auf Instagram postet sie Reels oder Storys, in denen sie locker und direkt von ihrem Alltag erzählt, Entscheidungen im Bundeshaus erläutert, Ausschnitte ihrer Lesungen zeigt und Fragen aus der Community beantwortet. Sie verstehe politische Arbeit nicht nur als das Abstimmen im Parlament, sondern auch als Zuhören, Erklären und Mutmachen. "Es wird mega unterschätzt, wie politisch interessiert Jugendliche eigentlich wären, wenn man es ihnen so erklären würde, dass es Spaß macht."


Sie selbst habe sich in ihrer Jugend kaum für Politik interessiert. "Ich habe nur langweilige Sachen in der Schule über Politik gelernt. Ich glaube, viele Jugendliche und Erwachsene bekommen das gar nicht beigebracht, dass so viele Teile ihres Lebens die Folgen von politischen Entscheidungen sind." Mittlerweile beobachte sie eine Veränderung. "Aber es gibt jetzt doch noch ein paar Accounts auf Instagram und Tiktok, wo Politikerinnen und Politiker auch erklären. Und dann interessieren sich schon viele Jugendliche für Politik. Und man sieht es auch bei den Jungparteien."


Rosenwasser weiß, wie mächtig die sozialen Medien sein können. Sie warnt: "Soziale Medien sind nicht gemacht dafür, dass wir uns konzentrieren." Inhalte werden von Algorithmen gesteuert und müssten möglichst schnell konsumierbar sein. "Linke Inhalte werden vom Algorithmus eher klein gemacht und rechte Inhalte eher groß." Sie betrachtet die sozialen Medien eher als Einstiegspunkt. "Ich frage mich immer wieder: Mache ich das Richtige? Tut mir das gut? Bringt uns das überhaupt näher ans Ziel?" Sie kennt auch die dunklen Momente. "Nach einem TV-Auftritt denke ich manchmal: F*ck, ich habe mega abgef*ckt an diesem Auftritt. Ich sollte nie mehr in die Öffentlichkeit gehen." Das Ziel sei nicht, keine Zweifel zu haben. "Das Ziel ist, gut mit ihnen umzugehen." Die Jugend erinnere sie immer wieder daran, warum sie das alles macht. "Ich bin einfach mega berührt davon, dass Jugendliche, auch mit mir zusammen, sich für eine schönere Welt einsetzen."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 02.03.2026, Nr. 51. S. 26 - Maja Schilling, Kantonsschule Uetikon am See

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