Sie läuft und läuft und läuft . . .

Die Grundschullehrerin Charlotte Cotton ist 44 Jahre alt und Weltmeisterin im Berglauf

Ich dachte auch, dass ich ziemlich alt war." Die Frau am Telefon spricht Englisch. Zu alt für Träume, für den Spitzensport, für einen Neuanfang. Heute, mit 44 Jahren, ist die in London geborene und in Madrid lebende Grundschullehrerin Charlotte Cotton mehrfache Weltmeisterin im Berglauf. Eine Frau, die als Frühgeburt mit Lernschwierigkeiten startete und glaubte, sie habe weniger Zeit als andere, findet ihre größte Stärke in einer Disziplin, die pure Ausdauer verlangt.

 

Der entscheidende Funke sprang 2019 über. Cotton lebte bereits in Madrid. "Ich bin einem Verein beigetreten und hatte Spaß, aber es war nichts Ernstes." Bis sie sich fast beiläufig für die Madrider Championships anmeldete. Sie war über 35, offiziell eine "Master"-Athletin. Das Ergebnis? "Ich habe mit großem Vorsprung gewonnen."

 

Nur wenige Monate später standen die Europameisterschaften an. Cotton hat britische und belgische Wurzeln. Sie entschied sich, für Belgien zu starten. Ihr Großvater hatte einst den "Club Alpin Belge" gegründet und war olympischer Skifahrer. Ohne viel Training, dafür mit einem Coach aus Belgien reiste sie an - und holte Bronze.

 

Ihre Tante, Patricia du Roy de Blicquy, habe 1964 bei den Olympischen Winterspielen in Innsbruck im Slalom den achten Platz erreicht. Sie gelte bis heute als beste belgische Abfahrtsläuferin aller Zeiten - und ist Cottons größtes Vorbild. Die Diskussionen, Berglauf und Trailrunning 2030 und 2032 olympisch zu machen, verfolgt Cotton genau.

 

Wenn die Startnummer abgenommen ist, steht sie in einem Klassenzimmer in einer Madrider Grundschule vor Kindern im Alter von drei bis elf Jahren. Wie sie die beiden Welten vereint? "Um die Wahrheit zu sagen, mit großen Schwierigkeiten." Ihr Leben sei ein Konstrukt aus Verzicht und Disziplin. Während andere nach der Arbeit entspannen, zwänge sie ihre müden Beine in teure "Recovery Boots". Soziale Kontakte leiden, Freundschaften müssten in die wenigen Lücken des Terminkalenders gepresst werden, manchmal an einem Sonntagabend, wenn eigentlich schon die Erschöpfung der Trainingswoche in den Knochen stecke.

 

Doch es gibt diese Momente, in denen sich der Aufwand auszahlt, sagt die blonde Frau. Im Sommer 2019, nach der EM, wollte sie mehr. Die Weltmeisterschaften im September in Italien waren ihr Ziel. Statt sich in den Sommerferien an den Strand zu legen, flog Cotton nach Boulder, Colorado, und schloss sich einer Gruppe von Frauen an, die denselben Traum lebten: Berufstätige, die für die olympischen Trials trainierten. "Ich werde das hinbekommen", sagte sie sich. Bei der Weltmeisterschaft überholte sie die Läuferin, die sie bei der EM noch geschlagen hatte, und gewann.

 

Zwischen 2019 und 2025 habe sie fünf Europameister- und drei Weltmeistertitel in der Masters-Kategorie gewonnen. Zugleich messe sie sich längst nicht nur mit Gleichaltrigen. Auch im Weltcup der Elite gehöre sie zur Spitze: Die Gesamtwertung habe sie 2021 auf Rang sieben und 2022 auf Platz sechs abgeschlossen.

 

Berglauf sei nicht gleich Berglauf. Es gebe das "Trailrunning" mit seinen langen Distanzen und wechselnden Terrains, und es gebe das, was Cotton liebt: "Mountain Running" und "Skyrunning". Bei Ersterem seien die Distanzen kürzer, oft nur fünf bis zehn Kilometer, aber die Anstiege brutal - rund 1000 Höhenmeter seien die Norm. Keine Stöcke, purer Kampf, Frau gegen Berg. Noch extremer werde es beim Skyrunning. Die Veranstalter sprechen von "sehr steilen Anstiegen, oft zwei bis fünf Kilometer mit rund 1000 Höhenmetern". Hier seien Stöcke erlaubt, oft sogar notwendig. Es werden Orte genannt wie La Fouly mit Steigungen von 50 Prozent oder die wilden Pfade auf Madeira, das Cottons Lieblingsinsel für Wettkämpfe ist.

 

Doch die Schönheit der Natur birgt Gefahren. Cotton spricht offen über die Angst, die sie manchmal begleitet. Beim "Glacier 3000 Vertical" im schweizerischen Gstaad überkam sie mitten im Rennen Schwindel. "Ich hätte fast angehalten, als ich an einer Stelle war, wo ich wirklich Angst hatte." Und das in einem Wettkampf, in dem jede Sekunde zählt. "Aber wenn du einen falschen Schritt machst, kannst du dich für immer verabschieden." Auch Hypothermie habe sie schon erlebt, Momente, in denen die Kälte den Körper zu übernehmen droht. "Ich weiß, dass ich nicht bereit bin, für ein Rennen zu sterben."

 

Der Beginn ihrer Leidenschaft liege in den französischen Alpen, in Les Arcs, wo sie als Kind ihre Sommerferien verbrachte. Während ihre Eltern wollten, dass sie Tennis spielt, hatte ihre Großmutter, selbst eine starke Sportlerin, andere Pläne. Sie schickte die junge Charlotte zum Laufen in die Berge - mit einer Gruppe von Männern. Ein 13-jähriges Mädchen aus London, ohne spezielle Ausrüstung, in einfachen Turnschuhen. "Mädchenausrüstung war damals sehr begrenzt." Ihre Großmutter habe das Stadtmädchen "ein wenig stärker, ein wenig härter" machen wollen.

 

Das Leben als Elite-Athletin sei oft einsam. Cotton hat ihr persönliches Glück inmitten der Wettkämpfe gefunden. Ihr Freund, ein Ire, ist Bergläufer und mehr als 25 Mal für sein Nationalteam gestartet. Kennengelernt haben sie sich bei einer Weltmeisterschaft, 2022 in Irland, ein Jahr später auf Madeira funkte es. Beide gewannen Gold. Er lebt nicht in Madrid. Man sieht sich bei Rennen, häufig getrennt durch Teamzugehörigkeiten. "Wir bestreiten oft Rennen gemeinsam. So sehen wir uns." Und sie lasse keine Ausreden zu. "Ich bin ziemlich streng mit meinem Freund." Wenn man die Opfer schon bringe, dann müsse man es richtig machen.

 

Für Cotton ist der Sport mehr als Trophäenjagd. Als Kind mit Lernschwierigkeiten habe sie stets das Gefühl des "ich kann nicht" begleitet. Die Schule fiel ihr schwer. "Das Laufen hat mir gezeigt, dass ich es kann." Sie beschreibt sich selbst als enthusiastisch und stur. Als Vorsitzende der Athletenkommission der World Mountain Running Association setzt sie sich für Inklusion, den Kampf gegen Doping sowie für die Gesundheit und das Wohlergehen der Athletinnen und Athleten ein.

 

Ihre Schüler in Madrid wissen ein wenig vom Doppelleben ihrer Lehrerin. Wenn sie von den Rennen erzählt, leuchten die Augen. Und vielleicht steht der nächste Cotton schon in den Startlöchern: Ihr dreijähriger Neffe Charlie liebt das Laufen über alles. Es gehe nicht darum, alles perfekt zu timen. Es gehe darum, es einfach zu tun, meint Cotton. "Es ist okay, Fehler zu machen. Es ist okay, etwas Neues anzufangen, wenn man älter ist."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 27.04.2026, Nr. 97, S. 26 - Valentina von Krauland, Kantonsschule Uetikon am See

zurück