Archäologen für drei Sommer. Die Rumänen Stefan Milota und Laurentiu Sarcina stellten mit ihrem Knochenfund vor 25 Jahren das Wissen über unsere Herkunft auf den Kopf.
Dass Menschen in einer Welt, die durch und durch kartiert und analysiert ist, auf etwas Neues stoßen, hat etwas Wundersames. Den Rumänen Stefan Milota und Laurentiu Sarcina ist das gelungen auf einem wissenschaftlichen Gebiet, auf dem sie keine Fachleute waren. Heute sind die beiden 56 und 53 Jahre alt. Ihr Haar ist leicht ergraut. Damals, 2002, gehörten sie zum privaten Höhlenforscher-Klub Pro Acva Timisoara. "Zunächst haben wir normale Höhlenforschung betrieben. Stefan hat sich dann das Tauchen autodidaktisch beigebracht und eine Tauchgenehmigung erworben, und ich habe das Tauchen von ihm gelernt", erzählt Sarcina.
Beim Höhlentauchen sei eine spezielle Ausrüstung erforderlich. Auch werden zwei Pressluftflaschen und zwei Atemregler benötigt. Außerdem ein Bleigurt, der das Abtauchen erleichtert. Das wichtigste Sicherheitsgerät sei jedoch die Führungsleine, eine dünne Schnur, die an einzelnen Punkten befestigt wird und mit der man sich bei schlechter Sicht wieder zum Ausgang zurückorientieren kann. Gemeinsam erforschten die beiden viele Höhlen im Banat und in Oltenien, Regionen voller enger Gänge, unterirdischer Flüsse und Siphone. "Ein Siphon ist ein komplett überfluteter Gang. Man taucht durch, und dahinter kann eine neue Welt beginnen."
So war es auch an diesem Tag im Februar 2002. "Wir sind in der Nähe von Anina, im Banater Bergland, in eine Wasserhöhle gegangen mit der Tauchausrüstung, und auf der anderen Seite fanden wir einen Gang mit Luft, eine Galerie", erinnert sich Sarcina. "Dann wollten wir sie kartieren, vermessen, dokumentieren, zeichnen." Die Arbeit verlangt Präzision. "Einer misst, der andere zeichnet, Station für Station", erklärt Milota. "Der Hintermann hält den Kompass, der vordere legt die Linie. So entsteht eine Karte der Galerie."
Der größte Teil der Arbeit ist Liebe zum Detail und Genauigkeit. "Laurentiu ging voraus mit dem Maßband, ich zeichnete, und er fand einen Schacht, ein Horn, eine vertikale Galerie. Ohne Kletterausrüstung kamen wir nicht weiter." Einige Tage später kehrten sie mit Seilen und Karabinern zurück. Laurentiu blieb draußen, er war krank. "Ich mache den Aufstieg zusammen mit einem anderen Kollegen. Der Gang ist schmal und führt zu mehreren Galerien, in die seit Jahrtausenden nichts und niemand hineingelangt ist", erzählt Milota. "Oben war es eng, und plötzlich spürten wir kalte Luft. Das bedeutete, dass dahinter ein Raum ist. Wir haben die Öffnung erweitert, sind hindurchgekommen und standen plötzlich in einer riesigen Halle. Überall lagen Knochen von Höhlenbären. Die kannten wir schon, das waren wir aus anderen Höhlen gewohnt. Aber zwischen ihnen lag etwas anderes. Ein menschlicher Unterkiefer."
Milota handelte instinktiv. "Ich habe nicht sofort erkannt, dass er sehr alt war, nur dass er menschlich war. Und dachte mir: Wenn das eine geschlossene Höhle ist, muss es etwas Wertvolles sein." Das war am 16. Februar 2002. Sie fotografierten den Fund und schickten die Fotos an die Direktorin des Institutul de Speologie "Emil Racovita" in Cluj. "Sie war sofort interessiert." Aber um zum Fundort zu gelangen, musste man tauchen. "Also machte sie selbst einen Tauchkurs, um den Kiefer zu holen." So kam er nach Cluj, und nach einem Gespräch mit Oana Moldovan vom Institut für Speologie gelangte er in die Hände des bekannten amerikanischen Paläoanthropologen Erik Trinkaus.
"Er hat zuerst die Morphologie untersucht und dann die Datierungen gemacht. Trinkaus erkannte, dass da Merkmale des Homo sapiens drinsteckten, aber auch Teile des Neandertalers", erklärt Milota. "Ein Teil des Knochens wurde nach Groningen geschickt, dann nach Oxford. Das Ergebnis lautete: etwa 35.000 Jahre. Damals kannte man in Europa keine so alten Überreste eines modernen Menschen. Die viel später durchgeführten DNA-Analysen haben Trinkaus' Vermutung bestätigt. Die DNA enthielt sowohl Homo sapiens als auch Neandertaler. Ein Hybrid - ein direkter Nachkomme beider Arten." Der direkte Beweis, dass sich Homo sapiens und Neandertaler vermischt haben.
Ein internationales Forschungsprojekt mit Ausgrabungen vor Ort beginnt. Dazu gehören die französische Anthropologin Hélène Rougier, der portugiesische Archäologe Ricardo Rodrigo sowie die wissenschaftlichen Leiter Erik Trinkaus aus den USA und João Zilhão aus Portugal. Stefan Milota und Laurentiu Sarcina sind auch dabei. "Jeder, der mitmachen wollte, musste tauchen können." Auch Trinkaus kommt nach Timisoara. Milota und Rodrigo erstellen die erste Karte der Pestera cu Oase (Höhle mit den Knochen). "Die Tage waren lang, wir kehrten oft erst weit nach Sonnenuntergang zum Lager zurück. Es war anstrengend. In der Höhle herrschten eine Temperatur von zehn bis 12 Grad und eine hohe Luftfeuchtigkeit", erzählt Sarcina.
Das Wunder geschieht erneut, wieder widerfährt es Milota. "Beim Vermessen stieß meine Hand auf einen Knochen, und als ich ihn hochhob, war es ein fast kompletter Gesichtsschädel." Sie wollen Trinkaus überraschen. Als sie zum Lager zurückkehren, schaut Rodrigo traurig drein. Sie erklären, dass die Aufzeichnungen der Kartierung nass geworden und ruiniert seien. Zum Beweis öffnen sie einen wasserdichten Behälter, und darin, eingewickelt in ein schmutziges T-Shirt, befindet sich der Gesichtsschädel. "Erik war zuerst geschockt. Aber als er den Gesichtsschädel sah, war er so glücklich, dass er vor Freude sprang."
Drei Sommer lang haben die Forscher dort gearbeitet. Milota ist immer, Sarcina manchmal dabei. "Wir kamen uns wie echte Archäologen vor und wurden auch so behandelt." Nach der Entdeckung sei Trinkaus viele Male nach Rumänien gekommen. "Und jedes Mal wohnte er bei mir, nicht im Hotel", sagt Milota. Trinkaus und Zilhão veröffentlichen im Jahr 2012 ihre Publikation "Life and Death at the Pestera cu Oase". Der gefundene Kieferknochen gehörte einem erwachsenen Mann, der Gesichtsschädel einem Jugendlichen. Beide tragen Merkmale des Neandertalers und des modernen Menschen. Man schätzte beim Besitzer des Kieferknochens den Neandertalervorfahren auf etwa vier bis sechs Generationen zuvor. Da war die eigentliche Neandertalerkultur in der Region bereits verschwunden.
"Die Höhle ist nur der Fundort. Die Hauptbewohner in der Höhle waren die Höhlenbären, es war ihr Überwinterungsort. Menschen haben dort nicht gelebt. Ihre Knochen sind später in die Höhle gelangt", erklärt Milota. "Es gab einen anderen, höher gelegenen Eingang als den, den wir genommen haben. Eher ein Schacht. Er muss später zusammengebrochen sein und war dann nicht mehr zugänglich." Archäologen waren Sarcina und Milota nur drei Sommer lang. Dann ging das Leben weiter. Heute arbeitet Milota als Physiotherapeut und Masseur.
Damals war Sarcina Bauingenieur, und jetzt ist er als Agronom in der Landwirtschaft tätig. "Damals hatte ich noch eine kleine Werkstatt, in der ich Klettergriffe hergestellt habe", erinnert sich Milota. Warum sie heute nicht mehr tauchen? "Weil wir das damals so oft gemacht haben. Wenn du etwas zu lange machst, verliert es seinen Reiz. Wir wollten eine Pause, und mit der Zeit haben wir gemerkt, dass wir nicht mehr zurückkehren können. Dieses Projekt hat uns erschöpft."
Der Unterkiefer, der den Namen Ion erhielt, befindet sich heute im Institutul de Speologie "Emil Racovita" in Bukarest. Wie der Mensch dahinter ausgesehen haben könnte, zeigt die Rekonstruktion eines Homo sapiens anhand dieser Knochenfunde im Neanderthal Museum in Mettmann. "So etwas verändert dich", sagt Milota. "Du spürst, dass du ein Stück Geschichte in den Händen hältst. Wir wollten keine Geschichte schreiben. Sie hat uns gefunden."