In Haloze zieht ein kleiner Pokac an Karneval mit seiner Peitsche von Haus zu Haus. Viele erfreut der Radau.
Pokk! Pokk! Pokk!", knallt es durch das Dravinja-Tal in Trzec. Elf Monate im Jahr ist es an dem kleinen Fluss in der Gemeinde Videm pri Ptuju meist still und leise. Aber von Mariä Lichtmess bis Aschermittwoch lässt der 13-jährige Nevio Pintaric hier seine traditionelle Peitsche "Gajzla" knallen. Zehnmal nacheinander, mehrmals am Tag. Nevio ist ein Pokac, vom Slowenischen "pokanje" für "knallen", eine der ethnographischen Karnevalsfiguren in Slowenien.
Zu den Faschingstraditionen des Landes gehört an der Adria in Koper ein Straßenkarneval mit venezianischen Einflüssen. Am Rande der Alpen trifft man in Cerkno sogenannte Laufarija, traditionelle Karnevalsmasken aus Lindenholz. Ljubljana feiert einen "Drachenkarneval". Und am Karnevalsumzug in Cerknica, der Ort liegt an Sloweniens größtem See, nehmen traditionelle Figuren aus Holz, Metall und Textilien teil, die mehrere Meter groß sind: die Hexe "Ursula", Drachen, Teufel, aber auch Igel, ein Wassergeist, Frosch und Riesenhecht. In Ptuj feiert man den Kurentenkarneval mit Masken aus Schafsfell und großen Kuhglocken um die Hüfte.
Wie wichtig den Menschen die Traditionen sind, sieht man in der kleinen Siedlung Vareja, in den Hügeln des Haloze. Dort gibt es ein Museum mit Kurent- oder Korant-Masken und weiteren Faschingsfiguren der Region. "Sie sind eng mit mythischen Vorstellungen und dem früher harten Arbeitsalltag der Region verbunden", erklärt Mirko Slatic. Der 61-Jährige ist Präsident des Vereins für Kultur und Tourismus in der Gemeinde Videm, der seit 2006 das Museum einrichtet. Historische Masken sind dort zu sehen, so wie Oraci, Sämänner mit Pflug, die von "Pokaci" begleitet werden, oder "Baba deda nosi", die Großmutter, die den betrunkenen Großvater auf dem Rücken nach Hause trägt, oder "Rusa", eine Tiermaske, die Fruchtbarkeit und Gesundheit bei Pferden und anderen Tieren beeinflussen soll. "Wir möchten das historische Erbe dieses Ethno-Karnevals nicht nur bewahren, sondern weitergeben. Öffentliche Auftritte gehören dazu." Slatics Verein hat 90 Mitglieder. Dazu gehört auch Branko Spevan. Der 45 Jahre alte Zimmermann lässt in der Karnevalssaison schon mal die Arbeit pausieren: "Ich habe zwar erst mit 25 meine erste Korant-Maske erhalten, aber meine Kinder Tai und Zoja sind dabei, seit sie zwei sind. Heute sind sie zehn und 14."
Auch David Pintaric und sein Sohn Nevio wollen auf den Karneval nicht mehr verzichten. Der 45-jährige Polizist aus Trzec war acht Jahre alt, als er seinen Onkel Franc während der Faschingszeit auf der anderen Seite der Dravinja beobachtete. "Er ließ in seiner Alltagskleidung die Peitsche knallen. Das hat mich so fasziniert, dass er mir das auch beibringen musste und ich auf unserer Seite der Dravinja ebenfalls damit angefangen habe. 2004 wurde dann in Trzec ein Pokac-Verein gegründet. Mein Vater ist seit 2006 auch dabei. Heute hat der Verein drei Gruppen, für Kinder, Jugendliche und Senioren." Traditionell sind nur Jungen und Männer dabei. Bei Ethnofesten, im Straßenkarneval und bei Hausbesuchen in der Gemeinde tragen sie eine Tracht, ähnlich wie die Sonntagskleidung vor gut 100 Jahren: weiße Leinenhemden, bunte Westen, schwarze Kammgarnhosen, blaue Schürzen, maßgeschneiderte, hohe schwarze Lederstiefel. Auf dem Kopf ein schwarzer Hut mit roter Nelke oder einem Strauß aus gewachstem Krepppapier, dazu ein, zwei Zweige aus immergrünem Zierspargel. Die Figur Pokac stellt Fuhrleute dar, die zu ihrer Zeit Pferde-, Ochsen- oder Kuh-Gespanne mit einer Peitsche führten. Sie knallten aber auch laut, um ihren Freundinnen oder Familien ihre Ankunft anzukündigen. In der Fasenk-Zeit waren die Peitschen noch größer, und man glaubte, sie hätten besondere Kräfte, um böse Geister zu vertreiben, Gesundheit und reiche Ernte zu bringen. "Die Gajzla besteht aus einem Stock Hartholz, etwa 1,20 Meter lang. Daran ist mit einem Knoten ein 2,5 bis drei Meter langer geflochtener Zopf, der sich zum Ende hin verjüngt. Er ist aus Hanffasern, denn früher wurde hier viel Hanf zur Ölgewinnung und als Viehfutter angebaut", erklärt Pintaric. Heute könne man diese Seile oder komplette Peitschen nur noch bei professionellen Seilmachern, im Fachhandel und nur in der Karnevalszeit kaufen. "Das Besondere der Gajzla ist die Rafija am Ende. Das sind geflochtene Palmblätter, am Ende etwa zehn bis 15 Zentimeter in Fransen aufgespalten. Die sind wichtig, um den Peitschenknall zu erzeugen. Der entsteht, wenn die Schnur beim Schlagen die Schallgeschwindigkeit überschreitet und dadurch eine Schockwelle mit Knall erzeugt, wie beim Durchbrechen der Schallmauer durch einen Jet." Tonhöhe und Lautstärke hängen von der Dicke der Peitsche, Länge der Fransen sowie der Technik und Kraft des Pokac ab. Das habe auch Nevio schon früh fasziniert. "Als er fünf war, hat er uns beim Pokken beobachtet und wollte das auch machen." Der Junge berichtet: "Ich habe dann meine Gajzla mithilfe von Papa und Opa geflochten. Anfangs hatte ich ein blaues Plastikseil als Peitsche, weil wir so ihre Bewegungen besser kontrollieren konnten. Denn die Schnur kann einem an den Körper oder auch ins Gesicht schlagen. Ich hatte am Anfang auch schon mal blaue Flecken. Zwei Jahre musste ich üben, bis ich perfekt war." Am Anfang einer neuen Saison habe er immer Muskelkater in den Schultern und am Bauch. Wie alle Pokaci steht der blonde Schüler beim Pokken mit gespreizten Beinen und hält den Stock der Peitsche mit beiden Händen vor der Brust, bewegt sie dann ruckartig und so schnell wie möglich von rechts nach links, sodass das Seil wenige Zentimeter über dem Kopf schwingt. Nevio dreht Hüfte, Knie und Schultern und wippt auf den Füßen, die ihre Position halten. Dabei kann es schon mal zu Zerrungen kommen. Bei seinen Auftritten trägt Nevio eine Tracht, die von einer regionalen Schneiderin gefertigt wird. Sie koste rund 200 Euro, weil Nevio noch wächst, müsse sie alle zwei Jahre gewechselt werden. "Deshalb trage ich auch noch keine maßgeschneiderten Lederstiefel, das wäre einfach zu teuer." Seit acht Jahren ist er nun ein Pokac, wenn an Lichtmess genau um Mitternacht mit Peitschenknall die aktive Faschingszeit beginnt. Wegen seines Könnens ist er dann sogar mit der Seniorengruppe der Pokaci aus Trzec beim Straßenkarneval in der Region und auch landesweit dabei. "Wir sind schon vor dem Parlament in Ljubljana aufgetreten und im Rathaus von Ptuj einmal zufällig in eine Hochzeitszeremonie geraten. Da durfte ich dann auch die Gajzla knallen lassen und habe hoffentlich alle bösen Geister vertrieben", meint Nevio. Sein Vater erklärt, dass es in ganz Slowenien heute nur noch vier Pokaci-Gruppen gebe, drei davon in der Haloze-Region. Er ist stolz, dass Nevio schon mit sechs Jahren auch eine andere Tradition wiederbelebt hat: Nevio zieht in der Faschingszeit mit Freunden im Umkreis von zehn Kilometern von Haus zu Haus, um dort seine Gajzla knallen zu lassen. Zuerst klingelt er an jeder Tür und sagt den traditionellen Spruch: "Von Haus zu Haus, von Tür zu Tür, bringen wir euch Lachen und mit dem Lachen den Frühling. Also gebt uns einen Dinar, zwei, drei Krapfen, drei Bohnen und ein Stück Fleisch." Dann fragt er, ob die Bewohner mit dem Knallen einverstanden sind. "Denn manche haben Haustiere, und die können verschreckt werden. Einmal wurde mir eine Tür nicht geöffnet, aber plötzlich kam ein aggressiver Hund angerannt. Ich konnte gerade noch über den Gartenzaun springen, bevor er mich erwischte." Die meisten würden sich aber sehr über seine Auftritte freuen, sogar ins Haus zum Essen und Trinken einladen oder sich mit einer kleinen Belohnung bedanken. "Aber darum geht es nicht. Wir haben einfach Spaß dabei. Es ist ein Teil unseres Lebens, worauf wir uns jedes Jahr freuen." Und das soll immer so weitergehen. "Natürlich sollen auch meine Kinder und deren Kinder Pokaci werden", sagt der Teenager lachend. Und lässt zur Bestätigung seine Peitsche knallen.