Der Rathausplatz von Stein am Rhein verwandelt sich in eine große Theaterbühne
In Stein am Rhein, einer Kleinstadt im Kanton Schaffhausen, dort, wo der Bodensee in den Rhein fließt, steht ein kleines Haus direkt am Wasser. Betritt man den Eingangsflur, fällt einem sofort auf, dass an den Wänden viele hochauflösende Fotografien hängen, die von ihren Motiven her aus dem Mittelalter stammen könnten. Hier wohnt Hanspeter Hotz, ein langjähriger Schauspieler des Freilichtspiels "No e Wili", das in unregelmäßigen Abständen seit 1924 im Sommer auf dem historischen Rathausplatz aufgeführt wird. Der Neunundsiebzigjährige mit den buschigen Augenbrauen trägt eine schlichte schwarze Hose und eine blaue Jacke.
Seine ersten Berührungspunkte mit dem "No e Wili" hatte Hotz mit zwölf Jahren, im Jahr 1957. Sein Vater schlug während des Spiels die Rathausglocke. Dabei habe er ihn oft begleitet. "In den Pausen habe ich Wiener Würstchen und Getränke verkauft." Nach den Aufführungen 1957 geriet das Stück in Vergessenheit. 1981 gründeten engagierte Steiner Bürger den "No e Wili"-Verein mit dem Ziel, das Stück wieder aufzuführen. 1986 war es dann so weit. Der diplomierte Buchhalter erzählt, er hätte erst kein Interesse gehabt, daran teilzunehmen. Seine Frau sei aber anderer Meinung gewesen, und so war die Sache entschieden. "Ich habe die Hauptrolle bekommen, obwohl ich zuvor noch nie Theater gespielt hatte", sagt er. Er spielt die Rolle des Hans Laitzer insgesamt 45 Mal. 2007 wurde das Stück unter dem bekannten Thurgauer Regisseur Jean Grädel aufgeführt. Bei seinen ersten drei Aufführungen wurde das Stück auf Hochdeutsch aufgeführt. 2007 wechselte man in die Mundart. Auch sei das Stück über die Jahre viel seriöser geworden aufgrund der stark wachsenden Besucherzahlen und der professionelleren Produktion. "Früher sind wir nach den Aufführungen nie ins Bett, es ist immer noch in die Kneipe gegangen." Hat man bei den Aufführungen bis 2007 immer Kostüme vom Opernhaus Zürich geliehen, wurden von 2007 an die Kostüme von Bewohnerinnen und Bewohnern der Stadt Stein am Rhein selbst genäht, sodass das Erscheinungsbild "mittelaltergerecht" ist.
Auch waren die Kostüme des Opernhauses zu prächtig. Das Besondere am Spielen war, dass Hotz als Hauptrolle aus seinem Geburtshaus heraus spielen durfte, da dieses direkt am Rathausplatz liegt und im Stück zufälligerweise als Haus des Hans Laitzer genutzt wird. André Ullmann, Präsident des Vereins und Organisationskomitee-Präsident des "No e Wili"-Spiels 2016, steht auf dem Rathausplatz zwischen den historischen Altbauten, aus denen kleine Erker hinausragen, die die großen mittelalterlichen Bemalungen unterbrechen. Es riecht ein wenig nach Rheinwasser, und es ist still. Der Dreiundsechzigjährige hat kinnlange, zurückgekämmte Haare und trägt ein kariertes Hemd. "Das ,No e Wili' ist eine Herzensangelegenheit für mich", meint Ullmann in seinem Ostschweizer Dialekt. Es erzählt eine Lokalsage, die zwischen 1473 und 1478 spielt. Sie handelt vom Bürgermeister Hans Laitzer, der versuchte, die freie Reichsstadt unter die Herrschaft Habsburgs zu bringen. Die Stadt hatte ein Bündnis mit den Eidgenossen. Bei einem nächtlichen Angriff der Habsburger verschaffte der Bäckerjunge mit den Worten "No e Wili", was so viel heißt wie "Nur noch eine Weile", den Einwohnern Zeit, um sich auf den Angriff vorzubereiten. Der konnte erfolgreich niedergeschlagen werden, und der verräterische Bürgermeister wurde in aller Öffentlichkeit ertränkt. Ullmann berichtet, man müsse drei bis vier Jahre vor dem Spiel mit der Planung beginnen. Die Mitglieder des Organisationskomitees werden rund zwei Jahre vor dem Spiel gesucht. Spieler müssen ein halbes bis ein Jahr für die Vorbereitungen aufwenden. Alle 250 bis 300 Mitwirkenden machen diese Arbeit unbezahlt in ihrer Freizeit. Finanziert wird das Spiel durch ein Darlehen von etwa 150.000 Franken vom Verein. Der Gewinn aus dem Ticketverkauf wird in ein Helferfest investiert und in eine Helferreise. Der Rest geht in den "No e Wili"-Jugendfond, der lokale Jugendprojekte finanziert. "Wir geben etwas an die Jugend im Wissen, dass sie unsere Zukunft ist." Die größte Änderung für Hanspeter Hotz könnte jedoch wieder rückgängig gemacht werden. Der Vermögensverwalter erzählt, dass die Schauspieler auf Mundart zu schnell reden. Der Wechsel zurück ins Hochdeutsche würde aber einen Authentizitätsverlust mit sich bringen. Egal wie sehr Hotz und Ullmann das Spiel mögen, sie teilen auch die Sorge, dass in zukünftigen Spielen Personen zwischen 25 und 50 Jahren fehlen werden. Sie begründen das damit, dass die Arbeit und die Familie immer mehr Platz im Leben einnähmen und das Spiel sehr zeitaufwendig sei. Das nächste Spiel ist in Planung und soll zwischen 2028 und 2030 aufgeführt werden.