Radsportlerin Emma Hinze gewann 2024 in Paris im Dreier-Teamsprint ihre zweite olympische Medaille.
Einatmen, ausatmen. Auf der Tribüne wird es still. Fünf, vier, drei, zwei, eins, Emma Hinze tritt in die Pedale. Eine Runde fährt sie im Windschatten ihrer Teamkollegin Pauline Grabosch, und nun ist sie an der Spitze. Die brennenden Oberschenkel werden durch das lautstarke Publikum ausgeblendet. Von der letzten Kurve auf die Zielgerade, alle Kraftreserven aufbrauchen. Hinze lässt ausrollen, Bremsen hat das Rad nicht. Jetzt liegt es an Lea Sophie Friedrich, in Führung zu bleiben. Die drei Bahnradfahrerinnen ergattern die Bronzemedaille im Teamsprint bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris.
In die Pedale treten über 1000 Watt. Das ist für Hinze Alltag. Bis an ihre Grenzen geht sie nicht nur auf der Radbahn, sondern auch im GYM Lounge Fitnessstudio in Cottbus. Mit breitem Lächeln steigt sie aus ihrem schwarzen Mercedes, in einer Paris-2024-Olympia-Jacke mit dunkelgrauen Lululemon-Leggings und weißen Sportschuhen, bereit zum Training. Die fünf Olympiaringe trägt sie selbstbewusst tätowiert über ihrem linken Handwurzelknochen. "Ich habe zwölf Weltmeistertitel, elf Europameistertitel und zwei olympische Medaillen gewonnen", sagt die 28-Jährige. Seit 2014 widmet sie sich dem Bahnradsport. Inspiriert von ihrem Vater, der sie 2013 dazu ermutigte, sich bei der Deutschen Meisterschaft in Oberhausen auszuprobieren. "Da wurde ich gleich Zweite." Seit ihrem sechsten Lebensjahr sitzt Hinze auf dem Sattel, damals noch bei Ausdauerrennen auf der Straße. Schnell war klar, die Sprint-Disziplin, also maximale Kraft auf kurze Distanz, liegt ihr besser. "Sobald da ein Berg dazwischen war, war's schon schwierig", scherzt sie.
Ihr Erfolg 2013 bleibt nicht unbemerkt. Trainer Frank Ziegler spricht sie an. "Der meinte, ich habe Talent. Er hat mich gefragt, ob ich auf die Sportschule kommen möchte." 2014, mit 16 Jahren, verlässt Hinze ihr Elternhaus in Hildesheim und zieht nach Kaiserslautern ins Sportinternat. "Ein Dreivierteljahr später waren wir schon Junioren-Weltmeisterinnen." Bei den Weltmeisterschaften 2014 fuhr sie mit ihrer Teamkollegin Doreen Heinze auf den ersten Platz. 2015 folgt der nächste Umzug, diesmal nach Cottbus, zur Lausitzer Sportschule, um ihr Training zu optimieren. Eine Schulzeitstreckung, die das Lausitzer Internat für Hochleistungssportler anbietet, war für das Absolvieren ihres Abiturs notwendig. "Ich bin dadurch 14 Jahre zur Schule gegangen." Sie besucht den Unterricht mit nur einer weiteren Person. "Alles, was man verpasst, kann man so eins zu eins mit dem Lehrer oder der Lehrerin nachholen."
Die bis zu 42 Grad steile, ovale Holzbahn führte sie zu fünf Weltmeistertiteln zwischen 2016 und ihrer ersten olympischen Medaille, der Silbermedaille 2021 in Tokio. Nach ihrem Schulabschluss bleibt Hinze in Cottbus. "Ich wohne hier jetzt schon seit zehn Jahren." Nun lebt sie mit ihrem Partner Maximilian Levy in einem Haus. Sie teilen ihre Leidenschaft für den Radsport. Als ihr Trainer ein Jahr vor Olympia 2024 ausstieg, springt Levy als ihr Coach ein. "Er hat mich bis zur olympischen Medaille begleitet." Nach dem großen Wettkampf trainiert sie erstmal wieder allein. "Jemanden für Olympia zu trainieren, ist ein Vollzeitjob. Er ist Junioren-Bundestrainer, und da hat er schon genug zu tun." Lange konnten die beiden nicht voneinander wegbleiben. "Ich habe wieder angefangen, mit ihm zu trainieren."
Trotz der vielen Reisen, Rennen und der zwei dreistündigen Trainingseinheiten täglich studiert Hinze seit August 2023 nebenbei Sport- und angewandte Trainingswissenschaft an der Deutschen Hochschule für Gesundheit und Sport in Berlin. "Es ist schon sehr anstrengend, das Lernen in Wettkampf- und Trainingspausen noch unterzukriegen." Freundschaften könne sie aber mit dem Hochleistungssport vereinbaren. "Ich habe noch Freunde aus der Grundschule und aus Hildesheim", ihrem Geburtsort. "Ich bin sehr dankbar, dass sie Verständnis haben, dass ich nicht oft da bin, nicht viel Zeit habe und wir uns trotzdem nicht aus den Augen verlieren." Einen gewöhnlichen Job könne man mit dem professionellen Radsport nur schwer vereinbaren. "Man braucht schon die ganze Zeit für den Sport, wenn man das wirklich auf Weltniveau machen will." Hinze ist seit Oktober 2018 bei der Bundeswehr als Sportsoldatin eingeschrieben. "Da bin ich jährlich für sechs Wochen." Neun Stunden pro Tag, bestehend aus Lehrgängen und anderen Trainingseinheiten, zusätzlich zum Radtraining. "Das ist schon ein sehr langer Tag, aber das ist ja nur einmal im Jahr." Eine Herausforderung, die aber auch Sicherheit für die junge Athletin bringt. "Ich bekomme jeden Monat mein Gehalt von der Bundeswehr." So sei die Abhängigkeit von Preisgeldern geringer.
Bei den Olympischen Spielen 2024 in Paris schafft ihr Team in der Vorrunde eine Weltrekordzeit von 45,377 Sekunden. Diese wurde jedoch schon wenige Minuten später von den Neuseeländerinnen und Britinnen unterboten. "Die sind dann um Gold gefahren." Im Kampf um Bronze gewinnen die drei Deutschen. "Plötzlich interessieren sich die ganzen Medien für unsere Sportart und uns Sportler." Natürlich sei sie sehr froh über die Medaille, war jedoch auch etwas enttäuscht, dass sie als amtierende Weltmeisterin nicht im Finale fahren konnten. Die Formulierung "nur Bronze", auch wenn es oft nicht so gemeint ist, finde sie schwierig, sie signalisiere einen Verlust. "Das macht was mit uns Sportlern, weil es superhart ist, so was abzukriegen", auch wenn das Ziel natürlich Gold war. "Mehr als alles geben kann man nicht." Wie sie mit richtigen Niederlagen umgeht, wisse sie selber auch nicht genau. "Das musste ich zum Glück noch nicht so oft einstecken."
Auch im Fitnessstudio hat Hinze einen festen Plan. Gern wärmt sie sich an der Rudermaschine auf und macht danach angepasste Mobilitäts- und Kraftübungen, um die Muskeln zu trainieren, die sie auf dem Rad benötigt. Fehlerhafte Ausführungen im Trainingsprozess fallen ihr sofort auf. "Ich habe jetzt schon öfter bemerkt, dass es mir Spaß macht, Tipps zu geben." Dies sei der Hauptgrund, weswegen sie seit März 2025 "Personal Training" in der Gym Lounge Cottbus anbietet. Auch Gelerntes aus ihrem Studium kann sie so gezielt ihren Kunden vermitteln.
Hinze ernährt sich gesund. "Ich fühle mich dann einfach wohler in meinem Körper." Zum Einkaufen fährt sie aber gern mit dem Auto, "anstatt schon wieder auf einem Sattel zu sitzen". Dabei werde sie gelegentlich von Fans erkannt. Vor allem junge Frauen sehen in ihr ein Vorbild, da sie eine der wenigen Radrennfahrerinnen sei, die sich in dem einst männerdominierten Sport einen Namen machen konnte. Wenn die Weltmeisterin mal ein paar freie Momente findet, verbringt sie diese mit Stricken, Häkeln oder Lesen. "Um zu entspannen." Für die Zukunft hat sie ein klares Ziel: sportlich erfolgreich bleiben, aber die eigene Gesundheit dabei nicht aus den Augen verlieren. "Hochleistungssport ist nicht gesund, das weiß ich." Über ihre Grenzen gehen möchte sie künftig seltener.
Auch abseits der Radrennbahn hat sie ein Ziel. "Später etwas finden, was mich genauso erfüllt wie der Sport." Trainieren ist für Hinze weiterhin wichtig. Zurzeit funktioniert dies jedoch nur stark an ihren Körper angepasst. Denn ihr Fokus liegt ab jetzt auf ihrer neuen Rolle als Mutter. In der Zukunft möchte sie gern als Sportlerin mit Kind wieder professionell antreten.