Wie ein Synchrontheater in einem kleinen Dorf in Brandenburg aussieht, wenn Kleist eine Rolle spielt
Die Dämmerung bricht herein. Blaue und rote Fahnen flattern an langen Holzstäben im Wind, geschwungen von verfeindeten Soldaten. Generäle preschen auf eine von Bäumen gesäumte Wiese, ihre Steckenpferde stecken energisch zwischen den Beinen. Laute Musik schallt aus den Lautsprechern. Mit starrem, aufgepinseltem Gesicht blicken die Neuankömmlinge auf das Geschehen, die überdimensional großen Köpfe lasten schwer auf ihren Schultern.
Das Spektakel ist eine Inszenierung des "Prinz Friedrich von Homburg oder die Schlacht von Fehrbellin", ein Klassiker von Heinrich von Kleist. Tatsächlich hat sich die erwähnte Schlacht 350 Jahre zuvor nicht allzu weit von dieser Wiese entfernt zugetragen. Doch heute wird in dem kleinen Netzeband, einem Ortsteil der Gemeinde Temnitzquell in Brandenburg, Theater gemacht. Unter der künstlerischen Leitung des 61 Jahre alten Frank Matthus wird an Sommerabenden nicht nur klassisches Theater aufgeführt, sondern auch das sogenannte "Synchrontheater". Die Schauspieler tragen einfache Kostüme und bunte, kunstvoll verzierte Masken. Zudem sprechen sie nicht selbst, vielmehr schallt die Geschichte aus großen Lautsprechern. Dazu wird eine 150 Quadratmeter große Rasenfläche als Bühne bespielt. Laut Matthus sei dies aufgrund der Größe "eigentlich unmöglich", doch so wurde ursprünglich aus der Not heraus das Synchrontheater populär.
"Durch das Aufnehmen der Dialoge von professionellen Schauspielern wie Jan Josef Liefers kann ich ein Flüstern auf dem Tonband so produzieren, dass man im Nachbardorf eine Gänsehaut bekommt", erklärt der Mann im grauen Pulli. Zusätzlich werden Masken von Hand gefertigt, oft dauere dies mehrere Tage für eine Maske. Je nach Aufführung werden diese dann kunstvoll geschminkt und geformt, oder es entstehen gruselige Fratzen. Für das älteste Stück des Theatersommers, "Unter dem Milchwald" von Dylan Thomas, werden 53 überlebensgroße Figuren eingesetzt. Schwerfällig knarzen und ächzen sie bei jeder Bewegung und sollen so durch Bestandteile wie Federn oder Orgeltasten ihre eigene Persönlichkeit erzeugen. Zusammen mit den Personen, die ihre Puppe führen, entstehe laut Matthus "ein innerer Tanz", wobei "der Text illustriert werden muss, Endpunkte gesetzt werden und dann die Reaktionen der Figuren fast in Slow Motion ablaufen". Doch die Masken aufsetzen und dann die Puppen bewegen, das könne im Prinzip jeder. "Laientheater entscheidet sich immer an der Stimme. Durch den Soundtrack passiert das bei uns nicht", erklärt Matthus und hebt seine markanten Augenbrauen. Dadurch haben Studenten, aber auch Kinder die Chance, bei der Inszenierung mitzuspielen. "Wie kann man Theater schöner erleben, als wenn man es selbst macht?"
Ähnlich sieht das auch Johannes Berger, der seit 2008 im Gutspark in Netzeband mitwirkt. "Beim Synchrontheater ist nur wichtig, wie man sich authentisch zu der gesprochenen Stimme bewegt, und das fällt mir leichter", meint der 35-Jährige, der kein ausgebildeter Schauspieler ist.
Das Team um Matthus versucht die unterschiedlichsten Leute zu begeistern. Als bei einem Stück die Tochter der Amazonenkönigin Penthesilea auftritt, kommt diese mit vier Motocross-Rädern an, die "die Wiese pflügen und eindrucksvoll über eine Schanze springen". Vier Jungs aus dem Dorf hätten anfangs gesagt, dass Theater nichts für sie sei, den Auftritt dann aber mit Bravour absolviert. Laut Matthus, einem gebürtigen Berliner, sei gerade die Atmosphäre auf der Bühne "mit dem krassen Gegenlicht, die einen mitnimmt und vielleicht auch nie wieder loslässt", besonders eindrucksvoll. Der engagierte Theatermacher, der selbst Schauspieler ist, schreibt auch die Skripte für die Aufführungen um. Sein Ziel ist es, Inszenierungen "greifbar zu machen für unsere Zeit heute". Dabei lehne er sich aber auch oft "weit aus dem Fenster". So spielt in Kleists Liebestragödie aus dem 19. Jahrhundert der Antichrist mit, der mit einem Oldtimer vorfährt. Künstliche Intelligenz und eine nervige Warteschleife am Telefon sind ebenfalls eingebaut.
Für den Familienvater Matthus ist Theater, bei dem jeder mitmachen kann, etwas Besonderes. Er erinnert sich gern an den Augenblick, wenn die Jugendlichen am Ende der Vorstellung unter tosendem Applaus die Masken abnehmen "und ihre Augen leuchten".