Die Schweizerin Heidi Walter ist leidenschaftliche Freediverin.
Heidi Walter trägt eine luftige Hose und ein blaues Hemd. Ihre braunen Haare hat sie nach hinten gebunden. An der Kette um ihren Hals baumelt ein Monoflossen-Anhänger. Ihre größte Leidenschaft ist Freediving - das Tauchen mit nur einem Atemzug. Die 37-jährige Mutter einer acht Jahre alten Tochter ist ausgebildete Hochbauzeichnerin. Sie lebt in der Zürcher Gemeinde Meilen. Geboren wurde sie in Panama. Als Adoptivkind kam sie mit 15 Monaten in die Schweiz. "Ich bin durch und durch schweizerisch", sagt sie und lacht.
Schon als Kind war Heidi ein "Wasserbaby". Später, in ihrer Jugend, schwamm sie wettkampfmäßig. Damals probierte sie aus, wie lange sie die Luft anhalten kann. "Das war mein erster Kontakt mit Freediving, allein nach dem Training, völlig unbeaufsichtigt. Eigentlich extrem gefährlich." Kurse gab es nicht wirklich, das Internet war auch noch kein Thema. So geriet die Idee bald wieder in Vergessenheit, und Heidi stürzte sich in den Triathlon, bis eine Knieverletzung sie stoppte. Anschließend nahm sie viele Jahre an Rennvelo-Wettkämpfen teil. Erst viel später kam das Freediving zurück in ihr Leben. Im Herbst 2023 machte sie mit ihrem Mann Badeferien am Roten Meer. Unter Wasser wollte sie nicht nur schnorcheln, sondern auch filmen und Fotos machen. "Ich dachte, wenn ich keine Tauchflasche habe, muss ich einfach länger die Luft anhalten." So hat sie an einem Wochenende einen Basiskurs zum Freediving gemacht. "Das hat mich sofort gepackt."
Nach den Ferien suchte sie zu Hause Anschluss und fand ihn bei Freediving Zürich. "Ich habe einfach geschrieben: ,Sali zäme, ich habe keine Ahnung von Freediving, aber ich würde gerne mal schauen, ob das etwas für mich wäre.' Sie haben mich sofort aufgenommen, fast wie in einer Familie." Seither trainiert Walter durchgehend, auch im Winter. Sie war auch schon im berühmten Y-40 in der Nähe von Padua, dem mit 42 Metern tiefsten Indoor-Pool der Welt. Und sie träumt davon, eines Tages im Blue Hole in Ägypten zu tauchen, dem Mekka aller Freediver.
An Wettbewerben hat sie ebenfalls teilgenommen. Walter trainiert im Pool und im See, ergänzt durch Krafttraining, Yoga und Atemübungen. "Zweimal pro Woche sicher im Wasser, manchmal dreimal." Mit regelmäßigem Training kann man die Luft immer länger anhalten. Zu Beginn waren es eine Minute und zwanzig Sekunden, inzwischen schafft sie vier Minuten. Mit 41,5 Metern im Zürichsee hat Walter bereits eine beachtliche Tiefe erreicht, auch wenn der Weltrekord der Frauen bei 123 Metern liegt. Langsam tastet sie sich weiter vor. "Lieber Schritt für Schritt, dafür sicher."
Heidis Herz schlägt für den See. "Wenn es pechschwarz wird, bin ich am entspanntesten. Es ist wie ein leerer Raum, nur ich und die Luft. Das Meer ist heller, bunter, voller Ablenkungen. Aber die totale Dunkelheit im See schenkt mir Ruhe." Dabei war das nicht immer so. Früher hatte Walter Angst vor der Tiefe, vor Schatten, vor Seegras, sogar vor der Vorstellung von Toten im Wasser. Erst durch das stete Training und die Sicherheit in der Gruppe lernte sie, diese Ängste loszulassen.
Sicherheit ist beim Freediving oberstes Gebot. "Allein geht man nie ins Wasser, das ist ein absolutes No-Go." Ein Tauchgang läuft so ab: Zuerst wirft sie sich in den Neoprenanzug und die Monoflosse. An einem Seil angemacht taucht sie langsam in die Tiefe, während ihr Tauchbuddy an der Wasseroberfläche wartet. Unten angekommen wird einmal am Seil gezogen, als Zeichen, dass man nun beginnt aufzutauchen. Auf den letzten Metern kommt der Buddy ihr entgegen, um sie sicher nach oben zu begleiten. Die letzten Meter sind die härtesten, da der Atem immer knapper wird. "Man schaut sich direkt in die Augen, und wenn etwas nicht stimmt, sieht man es sofort." Dann muss der Buddy einen so schnell wie möglich an die Oberfläche bringen, wo die anderen Taucher warten, um ihn an Land zu bringen. "Viele denken, es sei extrem gefährlich. Aber wir sind immer zu zweit, alles ist strukturiert und kontrolliert. Für mich fühlt es sich sicherer an als viele andere Sportarten."
Ganz ungefährlich ist der Sport aber nicht. Durch den Druck in der Tiefe kann es zu Barotraumata kommen, Verletzungen in den Ohren oder der Lunge, wenn der Druckausgleich nicht richtig funktioniert. "Im schlimmsten Fall kann das Trommelfell reißen, was zwar wehtut, aber meist nicht lebensgefährlich ist. Etwas heikler wird es, wenn Wasser eindringt und man dadurch das Gleichgewicht verliert." Wird die Lunge durch den Druck zu stark zusammengedrückt, können winzige Risse entstehen, ein sogenannter "Lung Squeeze".
In größerer Tiefe kann auch der Tiefenrausch auftreten. Der hohe Druck führt dazu, dass sich Stickstoff im Körper löst und die Nervenreizleitung beeinträchtigt. Er wirkt wie ein Rauschzustand. Man fühlt sich beschwipst, verliert leicht die Orientierung und im schlimmsten Fall das Bewusstsein. Häufiger ist jedoch der Sauerstoffmangel selbst: Er kann zu einer sogenannten Samba führen, bei der der Körper unkontrolliert zu zucken beginnt, bevor der Taucher das Bewusstsein verliert. "So etwas habe ich selbst zum Glück noch nie erlebt, aber bei anderen schon gesehen." Walter ist sich der Gefahren bewusst. Schätzungen zufolge kommen weltweit 50 bis 70 Menschen pro Jahr beim Freediving ums Leben. Inzwischen unterrichtet sie Polizeitaucher im Freediving. Zu Hause erfährt sie Unterstützung. "Mein Mann versteht mich, weil er selbst Sportler ist." Freediving sei nicht nur ein körperlicher, sondern vor allem ein mentaler Sport. Natürlich brauche es Technik, Flexibilität und Training. Aber entscheidend sei die Fähigkeit, in die Ruhe zu kommen. "Der See ist wie ein Spiegel. Du spürst sofort, ob du gestresst bist, ob du gut geschlafen hast oder ob dich etwas beschäftigt. Man kann nicht schummeln. Freediving zwingt dich zur Ehrlichkeit mit dir selbst."
Am stärksten strahlt Walter, wenn sie über das eigentliche Gefühl unter Wasser spricht, wenn der Körper von einer gewissen Tiefe an von allein zu sinken beginnt. "Das ist das Schönste. Du musst nichts mehr tun. Du wirst einfach nach unten getragen." Das geschehe, weil der zunehmende Wasserdruck die Luft in der Lunge zusammendrückt und dadurch der Auftrieb verloren geht. Von diesem Punkt an gleitet man ganz von selbst in die Tiefe, ruhig und schwerelos. "Du und die Stille, das ist wunderschön, wie Wellness. Man taucht nicht nur ins Wasser ein, sondern in sich selbst."