Die 86-jährige ehemalige Cutterin Karin von Vietinghoff führt ein Leben in bewegten Bildern.
Man musste jeden Filmschnitt erst mit einer Rasierklinge anrauen und dann wieder millimetergenau zusammenkleben. Dabei ging bei jedem Schnitt ein Bild auf jeder Seite verloren", erklärt die ehemalige Cutterin Karin von Vietinghoff. Die 86-Jährige trägt einen tiefblauen Wollpullover und ein hellblau-weiß gemustertes Halstuch. Sie schnitt schon Filme, als diese noch mit dem brennbaren Nitrofilm gedreht wurden und sie ihre Arbeit an einer Moviola, einem speziellen Schneidetisch dafür, bearbeitete.
Damals habe man sich nicht den kleinsten Fehler erlauben dürfen, denn jede Filmaufnahme gab es nur ein einziges Mal. Hätte man sich verschnitten, hätte man sich von seinem Job bald verabschieden können. Ist ihr selbst jemals solch ein Fehler unterlaufen? "Nein", antwortet die selbstsichere Baronin, die nicht gerne mit ihrem Titel angesprochen wird. "Auf jeden Fall keiner, der jemandem aufgefallen wäre." Von Vietinghoff krault ihren kleinen Shih Tzu Pinky hinter den Ohren, eine Hunderasse, die aus Tibet stammt und früher exklusiv im chinesischen Kaiserpalast gehalten wurde.
"Das Bild ist das eine, das andere ist der Ton." Separat mussten beide Aspekte geschnitten werden und dann am Ende so perfekt zusammenpassen, dass es eine Einheit ergab. Zu bewältigen sei dies nur durch Nummerieren von Bild und Ton gewesen. "Wir haben all die geschnittenen Filmstreifen an Filmgalgen gehängt." Es seien so viele gewesen, dass die Cutterin immer mit mindestens einem, meist zwei bis drei Assistenten gearbeitet habe. Heute findet sich solch ein Bildergewirr in ihrem Haus mit den zahlreichen Gemälden wieder, die an allen Wänden hängen. "Da ist zum Beispiel meine Frauen-Ecke", meint sie, als sie auf einen Teil ihres Wohnzimmers deutet, in dem ausschließlich Gemälde von und mit Frauen zu finden sind.
Im Laufe der Jahre, so um 1960, sei ihre Arbeit aufgrund des technischen Fortschritts immer leichter geworden. Es konnten Duplikate der Negativaufnahmen gemacht werden. "Ich bekam eine Kopie des Originals und konnte bei Bedarf bestimmte Teile im Kopierwerk nachbestellen." Schließlich entwickelte sich dann der gesamte Prozess technisch automatisiert, und heutzutage werden Filme meist schon digital geschnitten.
Als von Vietinghoff 1985 ihre Karriere im Bereich Film beendete, hatte sie Hunderte Filme geschnitten, Spielfilme, Dokumentationen, etwa über Ronald Reagan oder Lothar Späth, und auch Nachrichten. Zu den bekanntesten zählen "Hurra, unsere Eltern sind nicht da" von Wolfgang Schleif aus dem Jahr 1970, mit Uschi Glas, Hans-Jürgen Bäumler und Georg Thomalla, und "Rudi, benimm dich!", erschienen 1971, mit Rudi Carrell, Chris Roberts und Gunther Philipp, Regie führte Franz Josef Gottlieb. Auf die inhaltliche Qualität dieser Filme aus den Siebzigern angesprochen, zuckt sie vielsagend mit den Achseln.
Für ihren Beruf hatte von Vietinghoff eine fünfjährige Ausbildung abgeschlossen. Zu Beginn ihrer Berufslaufbahn 1955 verdiente sie rund 50 Mark pro Woche. Ein mickriger Betrag im Vergleich zu den 360 US-Dollar pro Tag, die sie in Amerika in den 1980er-Jahren bekam. Der Beruf habe nahegelegen, da ihr Stiefvater eine Filmfirma besaß. Deshalb sei sie zu ihrer Ausbildung gekommen in Geiselgasteig unter Elmo Williams, einst der Cutter von "12 Uhr mittags", der dafür 1953 einen Academy Award bekam.
Während ihrer Cutter-Karriere lebte von Vietinghoff in Deutschland, Frankreich und Italien. Geboren wurde sie 1940 in Prag, als ihre Eltern kriegsbedingt auf der Flucht waren. Fünf Jahre lebte Karin dort und kam dann nach Deutschland, wo sie in Bayern in ein Kloster geschickt wurde. Ihre Familie habe ihr ganzes Leben, Vermögen und sämtliche Liegenschaften im Baltikum zurückgelassen.
Karin Barbara Giesela Gertrud Aletta Kai Allien von Vietinghoff-Scheel lässt das "von" vor ihrem Nachnamen lieber weg, doch von Geburt an trägt die Frau mit den sieben Vornamen den Titel einer Adeligen. "Wir waren nicht nur eine baronale Adelsfamilie, wir waren zudem Freiherren. Wir hatten dort, im Baltikum, auch einige Schlösser, die aber alle infolge des Krieges beschlagnahmt wurden." Als Kleinkind sei Karin von einem Kindermädchen aufgezogen worden. In einem von Nonnen geführten Heim in Eggstätt am bayerischen Chiemsee musste sie 1945 erst einmal richtig Deutsch lernen, zu den Sprachen Tschechisch und Russisch. Diese beiden Sprachen habe sie aber verlernt. Im Alter von zehn Jahren wurde sie auf ein humanistisches Internat in Stein an der Traun geschickt, an dem sie zwei weitere Fremdsprachen lernen musste. "Wie ein kleiner Frosch bin ich gerade immer noch über die Hürden gehüpft", erzählt sie und rückt die große, eckige Brille zurecht.
Begleitet haben sie auf ihrem Lebensweg ihr erster Ehemann, der russische Graf Serge Konownitzine, und ihr zweiter Ehemann Hans Gresmann, damals Chefredakteur des Südwestfunks. Zusammen mit ihm wurde sie bei internationalen Tagungen jeweils von den Präsidenten von Amerika, Mexiko und Ägypten eingeladen. "Stellt euch vor, Abu Simbel und das ganze Tal der Könige wurde für uns Tagungsgäste gesperrt, und als wir dann mit einem Boot auf dem Nil schipperten, waren da circa 20 Froschmänner um das Boot herum, um uns zu beschützen."
Der Ring an ihrem Finger blitzt im Licht. Eingraviert ist ein Wappen der von Vietinghoff-Scheels, auf dem drei goldene Pilgermuscheln, ein Ritterhelm und ein nach rechts blickender Fuchs prangen. Das Wappen habe sie später überraschenderweise in einer Kirche an der Algarve in Portugal entdeckt, wo sie heute in ihrem Ferienhaus in Albufeira wohnt. In der nahe gelegenen Stadt Silves fand sie das Motiv mit den drei Pilgermuscheln in Stein gemeißelt auf dem Sarkophag eines Bischofs, der, so vermutet sie, während eines Kreuzzugs dort gestorben sein könnte.
"Ich habe noch nie ein Volk gesehen, das so gastfreundlich ist wie die Portugiesen, auch wenn sich das über die Jahre ein wenig verändert hat." Rückblickend kritisiert von Vietinghoff, wie schwer es damals war, sich als Frau durchzuschlagen, egal in welcher Arbeit. "Man wurde nicht ganz akzeptiert als Frau. Wir waren ein schmückendes Beiwerk." Gefallen lassen habe sie sich das nicht. "Ich habe Männern auch schon mal Bier oder auch was anderes ins Gesicht geschüttet."