Und dann kam der Aufstieg

Früher war er Profifußballer, heute ist er Fußballmanager: David Degen, der Präsident des FC Basel

Work-Life-Balance gibt es in meinem Vokabular nicht." David Degen hat an diesem Dienstagnachmittag bereits eine Sitzung über Sicherheit mit Ingenieuren und eine mit dem sportlichen Staff hinter sich. Nun hockt er in einem anderen Sitzungszimmer in der Geschäftsstelle des FC Basel. Sie befindet sich direkt neben dem St.-Jakob-Park, dem größten Fußballstadion der Schweiz. Hinter Degen prangt ein großes FC-Basel-Logo an der Wand. Immer wieder wippt er auf dem rollenden Stuhl vor und zurück. Seine Hände gestikulieren viel und spielen mit der Wasserflasche auf dem Tisch. Degens hellgrauer, etwas eng anliegender Pullover betont seine muskulöse Statur.

 

Er ist Präsident und größter Aktionär beim FC Basel, dem aktuellen Meister der Schweizer Super League. Der 43-Jährige spielte dort selbst in der Jugend und bei den Profis sowie später unter anderem im Ausland bei Borussia Mönchengladbach und in der schweizerischen Nationalmannschaft. Mit zwölf Jahren wechselte er vom Dorfverein FC Oberdorf in die U14 des FCB. Er ist zusammen mit seinem Zwillingsbruder Philipp in Lampenberg aufgewachsen, einem Dorf, das kaum mehr als ein paar Straßenzüge umfasst, rund eine halbe Stunde außerhalb von Basel. Weniger als 600 Einwohner zählt die Gemeinde, seine Eltern und Schwester gehören dazu. Degen beschreibt das Bauerndorf als einen Ort, wo die Welt noch in Ordnung ist. Für die beiden war der Kontrast zwischen Dorf und Stadt zunächst groß, doch sie gewöhnten sich schnell daran. Die Degen-Brüder wurden früh selbständig. Schon vor dem Teenager-Alter pendelten sie täglich mit dem Zug zum Training. "Es war der Standard, sich alleine durchzuschlagen."

 

Parallel zum Fußball besuchte David die Schule. Er ging für eineinhalb Jahre ins Gymnasium Liestal, brach es jedoch ab, da es zusammen mit dem Fußball zeitlich nicht mehr ging. "Für mich stand das Ziel der Fußballkarriere immer an erster Stelle." Diese Einstellung kostete ihn auch ein Sportler-KV-Programm bei der UBS. Zwei Wochen nachdem er es gestartet hatte, wurde der Teenager zur U17-Nationalmannschaft eingeladen, doch seine Arbeitgeber wollten ihn nicht gehen lassen. Daraufhin beschloss Degen, den Job an den Nagel zu hängen. Seiner Meinung nach müssen angehende Profis alles der Mission Profisport unterordnen. Man dürfe nicht ein kleines bisschen daran zweifeln, dass man es schafft. "Viele sind nicht bereit, für den letzten Zentimeter zu kämpfen." Ein Plan B habe in diesem Prozess keinen Platz. "Du sollst nicht an einen Plan B denken, denn dieser hindert dich am Schluss, das Ziel mit letzter Konsequenz zu verfolgen." Degens Stimme wird lauter, "es gibt nur Plan A, Fußballprofi, dieses Mindset musst du haben". Bei ihm habe sich diese Mentalität bereits im Kindesalter entwickelt.

 

Degen sieht im übermäßigen Wohlstand der Schweiz eine Ursache dafür, dass nur wenige so einen starken Willen haben. "In der Schweiz geht es den Leuten zu gut." Man habe hierzulande sehr viele Optionen, und dadurch ergebe sich ein Drang nach Sicherheit, ein Drang nach einem Plan B. Die Frage "Was wäre, wenn?" stelle sich ein Schweizer viel zu oft. Degen lebt nach dem Motto "let's cross the bridge when we get there". Probleme erst angehen, wenn man sie sieht.

 

Trotz der Karriere und der vielen schönen Erinnerungen ist Degen kein Nostalgiker. "Der Fußball hat mich zu dem gemacht, was ich heute bin, als Charakter, aber ich würde nicht gerne zurück. Passé ist für mich passé." Er schaue immer nach vorn. Wenn er etwas erreicht hat, will er immer direkt das Nächsthöhere erreichen. So war es bereits, als er es zum Profi geschafft hatte, und das zieht sich weiter durch sein Leben.

 

Durch den Fußball sei er sehr druckresistent geworden. Viele junge Talente zerbrächen am Druck - insbesondere beim FC Basel, wo die Erwartungshaltung besonders hoch sei. Die Öffentlichkeit beobachte und kommentiere, die Medien griffen jeden Schritt auf. Deshalb müsse man lernen, damit umzugehen. Das sei eine weitere Qualität, die dringend vorhanden sein muss, wenn man ein großer Fußballer werden will. "Beibringen kann man sich diese Druckresistenz nur selbst. Man muss immer an sich glauben und nach jeder Niederlage wieder aufstehen."

 

Nicht nur Druck, sondern auch Verletzungen oder der Verlust des Stammplatzes können Einfluss auf die mentale Gesundheit und das Selbstvertrauen eines Spielers haben. Als Folge davon leide die Performance. "Man merkt es einem Spieler an, ob er viel Selbstvertrauen hat oder nicht." Das Selbstvertrauen hänge stark mit der Spielzeit zusammen. Wenn man seinen Stammplatz verloren hat, müsse man in jedem Training alles geben, um ihn zurückzugewinnen. Selbstvertrauen entstehe, wenn man aufhört, alles zu zerdenken, und stattdessen einfach tut, was man sich vornimmt.

 

In der Zeit nach der Übernahme des FC Basel im Jahr 2021 wurde Degens Druckresistenz besonders auf die Probe gestellt. "Ich war so viel Druck von den Medien, den Fans, den Stakeholdern ausgesetzt, das kann man sich nicht vorstellen." Würde er den Club heute noch einmal übernehmen? "Wenn ich heute alles übereinanderlege, was ich angetroffen habe, hätte ich es nie machen dürfen." Dennoch hat er es gemacht. "Heute wäre es eine gute Entscheidung, damals allerdings nicht." Die letzten Jahre haben ihn geprägt. Sein Mindset habe sich drastisch geändert. "Wenn ich heute in den Club hereinlaufe, passieren mir praktisch keine Fehler mehr, weil ich bereits alle gemacht habe."

 

Für Degen ist es wichtig, dass der Club nicht nur bei den Männern erfolgreich ist, sondern auch Verantwortung für die Förderung des Frauenfußballs übernimmt. Es sei grundsätzlich falsch, den Frauenfußball mit dem Männerfußball zu vergleichen, denn dies seien zwei verschiedene Paar Schuhe. Statt Vergleiche zu ziehen, brauche es gezielte Förderung. Momentan unterstützt der FC Basel die Frauenabteilung mit einem Verlust von zwei Millionen Franken pro Jahr. "Wenn jeder diese Unterstützung leisten würde, wäre der Frauenfußball vermutlich schon weiter in der Schweiz." Förderung sollte auch von Sponsoren kommen, die nicht nur das schnelle Geld sehen, sondern Langzeitinvestitionen tätigen sollten, beispielsweise in die Infrastruktur.

 

Degen erhebt sich, bereit, zur nächsten Sitzung zu ziehen. Einen Augenblick später ist er durch die Tür. Zurück bleibt die Wasserflasche, ausgetrunken und das Etikett abgerissen.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 13.04.2026, Nr. 85, S. 30 - Nicolas Werder, Kantonsschule Uetikon am See

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