Und jetzt wächst da Gras drüber

Wo früher Terror wütete, macht sich heute eine Wiese breit / Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert.

Eine ganz normale Wiese. Das ist alles, was man anfangs wahrnimmt: einen ruhigen Ort. "Nur weil dort heute eine Wiese ist, darf man nicht vergessen, dass hier früher ein Ort des Terrors war", sagt Alexander Quack vom Pädagogischen Dienst der Gedenkstätte SS-Sonderlager/KZ Hinzert bei Trier im Hunsrück. Der Mann im grauen Pullover und Jeans steht am Eingang des 2023 eingeweihten Dokumentationsgebäudes, das sich durch seine asymmetrische Bauweise ohne rechte Winkel auszeichnet. In dessen Innerem blickt man auf eine riesige Glasfront, auf der die Umrisse einiger Baracken des ehemaligen Lagers gezeichnet sind. Der Pädagoge deutet mit der Hand auf die Umrisse: "Rechte Winkel dienen der Orientierung. Und diese Orientierung soll vermieden werden. Die Architektur zwingt den Besucher zur Auseinandersetzung mit dem Ort."


Das SS-Sonderlager Hinzert wurde 1938 als Barackenlager für Arbeiter des Westwalls errichtet. Nur ein Jahr später funktionierte man es zu einem Polizeihaft- und Erziehungslager für Menschen um, die zur Arbeit am Westwall oder den Reichsautobahnen zwangsverpflichtet waren. Das bedeutete mindestens zehn bis zwölf Stunden Arbeit jeden Tag, körperliche Gewalt und militärischer Drill. Die Arbeiter dort seien bewusst als "Zöglinge" bezeichnet worden, erzählt der Pädagoge, da sie von den SS-Wachen "erzogen" werden sollten.


1940, als der Westwall-Bau gestoppt wurde, wurde das SS-Sonderlager der Inspektion der Konzentrationslager unterstellt. Bei einer Aufnahme im KZ Hinzert seien die inhaftierten Männer direkt ins Rapportbüro geführt worden, wo ihnen ihre Identität genommen wurde: alle Personalien, sämtlicher persönlicher Besitz und jegliche Verbindung zu ihrem Zuhause. Laut Quack sollten die Häftlinge "nur noch als Objekte existieren, über die man frei verfügen konnte". Hinzert sei "der organisatorische Knotenpunkt eines Netzwerks von mehreren Außen- und Nebenlagern gewesen". Zu den dort Inhaftierten zählten politische Widerstandskämpfer, meist aus Luxemburg, und Zwangsarbeiter aus östlichen Ländern wie der Sowjetunion. Von Mai 1942 an wurden vermutlich mehr als 2000 sogenannte "NN-Häftlinge" aus Frankreich in Hinzert eingeliefert. Dabei handelte es sich um nach dem "Nacht-und-Nebel"-Erlass vom 7. Dezember 1941 festgenommene politische Gefangene.

Auch der Anteil an "Eindeutschungspolen" war nicht gering. Auf der Homepage der Gedenkstätte liest man: "Zwischen 1942 und 1944 fungierte das SS-Sonderlager/KZ Hinzert als Aufnahme- und Testlager für die Überprüfung der 'Eindeutschungsfähigkeit' von zumeist

polnischen Zwangsarbeitern, die wegen verbotenen Umgangs mit deutschen Frauen verhaftet worden waren. Von Mai 1943 an war das SS-Sonderlager ausschließlich für diese Fälle zuständig. Diese Männer bekamen wegen ihres 'arischen' Aussehens eine Chance zum Überleben, indem sie in Hinzert ihre 'Eindeutschungsfähigkeit' unter Beweis zu stellen hatten." Quack berichtet, es habe eine "zweigliedrige Musterung" gegeben, die diese zur Eindeutschung durchlaufen mussten. Dabei fand die charakterliche Musterung in Hinzert statt. Der Anteil jüdischer Häftlinge im KZ Hinzert sei vergleichsweise gering gewesen.

Insgesamt seien zwischen 1939 und 1945 etwa 10.000 Männer im Lager inhaftiert gewesen.


Heute dient der Ort als Gedenkstätte. Auf dem Gelände wurde 1948 auf Initiative von Pfarrer Arnold Fortuin eine Sühne-Kapelle errichtet. "Wenn man schuldig geworden ist, muss man Sühne tun. Deswegen ist die Kapelle als Sühne-Kapelle bezeichnet worden", erläutert Quack. Er deutet auf eine weiße Marmorplakette an der Front der Kapelle: "Kein Hass, aber auch kein Vergessen." Auf dem neben der Kapelle liegenden Häftlingsfriedhof befindet sich eine große Anzahl an Kreuzen, auf denen zahlreiche Steine liegen, die an einen jüdischen Brauch zum Gedenken an die Verstorbenen erinnern. Auch zu finden ist ein Denkmal, auf dem in Stein gemeißelt der Toten aller Nationen gedacht wird. Schnell wird deutlich, dass einige Inhaftierte aus Luxemburg kamen. "Für die Luxemburger war Hinzert der zentrale Ort der Inhaftierung", sagt Quack. "1588 luxemburgische Männer waren in Hinzert inhaftiert." Das entspreche etwa einem Prozent der damaligen männlichen luxemburgischen Bevölkerung.


Heutzutage besuchen viele Schulklassen die Gedenkstätte. 2024 waren es 2562 Schülerinnen und Schüler. "Während sehr wenige Schulen gut vorbereitet sind, kommt bei den meisten häufig ein recht oberflächliches Vorwissen zum Vorschein", bemängelt Quack. Er betont, dass die Deutschen nicht verführt wurden und viele vom NS-System und seinen Verbrechen profitierten. Bei den SS-Wachmännern habe es sich um "ganz normale Männer" gehandelt, die wissentlich verbrecherisch handelten, obwohl sie nicht dazu verpflichtet waren.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, 01.06.2026, Nr. 124, S. 26 - Hannah Maas, BBS-EHS, Trier

zurück