Eine besondere und besonders schweizerische Sportart: Unihockey. Der 18-jährige Lois Ursprung ist schon Schweizer Meister.
Bälle zischen durch die Halle, die Schuhsohlen quietschen auf dem harten Boden. Lois Ursprung wischt sich den Schweiß von der Stirn und setzt zum nächsten Schuss an. Viermal in der Woche trainiert er in der neuen Dreifachturnhalle in Gossau, einem kleinen Dorf im Zürcher Oberland. Bereits mit 17 Jahren wurde er Schweizer Meister - im Kleinfeld-Unihockey, einer Sportart, die in der Schweiz sehr beliebt ist. Seit 2014 ist Ursprung Mitglied beim UHCevi Gossau, einem auf den ersten Blick unscheinbaren Dorfverein, dessen Herrenmannschaft aber bereits zehnmal Schweizer Meister und fünfmal Ligacupsieger wurde. "Der UHCevi Gossau ist das Aushängeschild des Kleinfeld-Unihockeys in der Schweiz", meint der 1,95 Meter große, 18-jährige Gymnasiast des Abschlussjahrgangs an der Kantonsschule Zürcher Oberland in Wetzikon. Trotz der Doppelbelastung habe er nie das Gefühl, nicht alles unter einen Hut bringen zu können. "Irgendwie finde ich immer einen Weg."
Als er im Kindergartenalter seinen ersten Unihockeyschläger von seinem Vater bekam, sei er sofort Feuer und Flamme gewesen und habe viele Stunden mit Stock und Ball im kleinen Hof vor seinem Haus verbracht. Nach einer Weile hätten ihn seine Eltern dann beim UHCevi Gossau angemeldet, wo er wegen der hohen Nachfrage ein ganzes Jahr auf der Warteliste stand. Schließlich habe er an einem Probetraining teilnehmen können und wurde aufgenommen. "Ich hatte schon immer das Gefühl, dass ich Potential habe", erzählt Ursprung und fährt sich durchs lockige, braune Haar. "Vor allem am Anfang war ich recht gut. Irgendwann war ich dann immer noch ein begabter Spieler, aber nicht mehr der absolute Leistungsträger. In den letzten zwei Jahren habe ich wieder extreme Fortschritte gemacht, und in meiner letzten Juniorensaison setzte ich mich durch und wurde Topscorer." Von dieser Saison an gehört Ursprung nicht mehr zu den Junioren, er spielt nun in der ersten Mannschaft. Während der letzten drei Jahre habe er schon an den Trainings der ersten und zweiten Mannschaft teilgenommen und in der letzten Saison sogar einen Einsatz in der Meisterschaft gehabt. Stolz präsentiert Ursprung seine Medaille, ein goldenes Stück Metall in der Form eines Unihockeyballs, die er trotz weniger Minuten Spielzeit erhielt. "Es ist natürlich ein sehr cooles Gefühl, auch wenn ich jetzt nicht so viel zum Spielen gekommen bin. Ich hoffe, ich kann diese Saison ein bisschen mehr beitragen."
In der Schweiz gibt es zwei Arten von Unihockey: Klein- und Großfeld. Beim Kleinfeld wird in einer normalen Turnhalle drei gegen drei plus Torwart gespielt. Da es auf tieferem Niveau keine fixen Positionen gibt, ist dieser Modus besonders für Einsteiger geeignet; erst später wechselt man zum Großfeld. Dabei wird nach denselben Regeln gespielt, das Spielfeld umfasst aber die Fläche einer Dreifachturnhalle, und die Teams setzen sich aus fünf Feldspielern und einem Torwart zusammen. Auf die Frage, wie er den Sport jemandem erklären würde, der noch nie davon gehört hat, antwortet Ursprung: "Unihockey beinhaltet ja schon das Wort 'Hockey', und eigentlich ist es auch wie Hockey. Man hat einen Schläger und einen Ball und das Ziel, ein Tor zu schießen." Das "Uni" gehe auf den schwedischen Hersteller der Stöcke, Unihoc, zurück. Außerdem gebe es weniger Körperkontakt als im Eishockey, und der Schläger sei nicht aus Holz, sondern aus Plastik. Die Schaufel am Stockende sei zudem größer und stärker gebogen als bei einem Eishockeystock. Seinen Ursprung nimmt der Sport in den 1970er Jahren in Schweden, Finnland und der Schweiz. Heute ist er auch in der Tschechischen Republik und anderen nordeuropäischen Ländern verbreitet.
Ursprung fasziniere vor allem die Geschwindigkeit. "Unihockey, speziell Kleinfeld, ist extrem dynamisch. Man muss blitzschnell denken und reagieren können." Der Sport sei vor allem an Schulen weit verbreitet, so gut wie jeder Schüler habe schon einmal Unihockey gespielt. Es gelte als praktischere und günstigere Alternative zum Eishockey.
Um 19.45 Uhr trifft sich die erste Mannschaft in der AL Arena in Gossau. Die weinrote Dreifachturnhalle wurde erst 2021 eröffnet. Nach einer Viertelstunde gelassenen Plauderns im kleinen Sitzungszimmer beginnt das Training mit Aufwärmen. Es folgt ein körperlich enorm anstrengendes Programm, bestehend aus spezifischer Analyse von Spielsituationen, intensivem Krafttraining und Abschlüssen auf das etwa 1,15 Meter hohe und 1,60 Meter breite Tor. Nach etwa eineinhalb Stunden wird dann noch gespielt, bis um 22 Uhr das Training zu Ende geht. Dreimal in der Woche durchlaufe Ursprung diese Routine. Dazu kämen die Spiele am Wochenende. Ursprung betrachtet den Sport als Ausgleich zur Schule. "Während des Unihockeys kann ich einfach alles ausblenden und abschalten. Prüfungsstress oder andere Probleme verschwinden dann einfach. Ich probiere aber tendenziell, früh genug mit der Vorbereitung auf eine Prüfung zu beginnen."
Leben könne man selbst in der Schweiz nicht von dieser Sportart. Im Großfeld-Unihockey gebe es keine hauptberuflichen Spieler. Im vergangenen Jahr wurde zum zweiten Mal eine Weltmeisterschaft im Kleinfeld-Unihockey durchgeführt, ausgerechnet in der Schweiz. Sowohl das Schweizer Herren- als auch das Frauenteam wurden Weltmeister. Beim Herrenteam sind fünf von neun Feldspielern Teamkameraden von Ursprung beim UHCevi Gossau. "Eines Tages vor 3000 Leuten Schweizer Cupsieger oder gar Weltmeister zu werden, ist mein Traum."