Mario Weidenbach ist Feuerwehrtaucher in Berlin. Nicht jeder Einsatz hat ein Happy End.
Es ist ein kalter Morgen in Berlin. Nebel kriecht über den Wannsee. Das Wasser liegt still unter dem ersten Licht des Tages. In wenigen Minuten wird Mario Weidenbach seine Taucherausrüstung anlegen, bereit für einen Einsatz, der Routine ist. Weidenbach wirkt ruhig und konzentriert. Er hat blaue Augen und eine sportliche Statur. Der Berliner ist schon seit mehr als zwanzig Jahren bei der Feuerwehr, davon viele Jahre als Taucher beim Technischen Dienst. Besonders schätzt er den Teamgeist, den Zusammenhalt seiner Gruppe. "Wenn man sagt, man ist Feuerwehrtaucher, dann stutzen die Leute - und wollen natürlich mehr wissen."
Wasser hat keinen Respekt vor Grenzen. Plötzlich und lautlos verschluckt ein Fluss einen Menschen, ein Auto versinkt im Kanal oder die Polizei steht ratlos am Ufer. "Das kann auch die Segelyacht sein, die kentert. Oder jemand hat etwas ins Wasser geworfen, das mit einem Verbrechen in Verbindung steht", sagt Weidenbach. Wenn der Alarm eingeht, weiß niemand, was einen erwartet: eine Personensuche im Dickicht aus Schilf und Wasserpflanzen? Oder ein Pkw, der wie ein dunkles Phantom in der Tiefe verschwand?
Der Weg unter die Wasseroberfläche ist steinig. "Du musst als Erstes deine Grundausbildung bei der Feuerwehr abschließen. Dann kommt eine normale Feuerwache, danach eine interne Ausschreibung, ein Bewerbungsgespräch und ein strenger Auswahlprozess." Die Bewerber beweisen sich erst im Schwimm- und Hallenbad, dann im trüben Berliner See. Kilometer schwimmen, unter fünf Meter tief tauchen, einen Ring aus der Tiefe holen, solange die Lunge durchhält. "Dann folgt die dreimonatige Ausbildung: viel Theorie, aber noch mehr Praxis", erinnert sich Weidenbach.
In dieser Zeit werden Grenzen verschoben, Handwerksarbeiten müssen unter Wasser gelingen wie an Land. "Du musst eine Holzverbindung herstellen, sägen, bohren, meißeln. Alles unter Wasser, mit dicken Handschuhen, wenn es dunkel und kalt ist." Die Auszubildenden kämpfen mit Sichtweiten von wenigen Zentimetern, mit Gegenstrom und schwerem Gerät. Sie üben mit dem gigantischen Taucherhelm, dabei immer verbunden per Schlauch und Funk mit dem Team an Land. Spezialaufgaben wie das Brennschneiden von Metall oder das Abdichten einer leckgeschlagenen Leitung werden zum Prüfstein, denn sie können im Ernstfall Leben retten. "90 Prozent der Arbeit finden unter Wasser statt. Die meisten Einsätze sind Suchaufgaben - vermisste Personen, Unfallopfer, weggeworfene Tatwaffen oder Beweismittel." Die Härte zeige sich vor allem bei Vermisstensuchen, besonders wenn Kinder betroffen sind. "Das ist echt heftig. Wenn ein Erwachsener betrunken ins Wasser geht, ist das etwas anderes, als wenn du nach einem Kind suchst, das plötzlich verschwunden ist." Immer wieder werden die Taucher zu dramatischen Rettungen gerufen. Und manchmal bleibt nach Stunden nur die traurige Gewissheit, nicht
mehr helfen zu können. Das sind Bilder, die bleiben. "Es gibt Einsätze, die du nicht mehr vergisst. Da reichen Kleinigkeiten aus, ein bestimmter Geruch, ein flackerndes Licht, ein Geräusch, das alles wieder hervorholt." Damit nicht jeder das Erlebte allein tragen muss, hilft ein Einsatznachsorgeteam, speziell geschult in Krisenintervention, auch Weidenbach hat diese Hilfe in Anspruch genommen.
Der wahre Halt sei das Team. "Man arbeitet nur im Team, ohne Team ist es nicht möglich." Der kleinste Trupp sind zwei Taucher, und doch steht immer ein ganzer Verbund hinter ihnen: Maschinist, Sicherungstaucher, Leinenführer. "Jeder muss sich auf den anderen verlassen können. Deshalb ist es äußerst wichtig, dass man den Menschen kennt, mit dem man unter Wasser ist." Im Lauf der Jahre wächst das Vertrauen. Die Gruppe, gut zwei Dutzend Männer und Frauen, kennt einander sehr gut. "Mittlerweile weiß man von Kollegen Dinge, die nicht einmal der Ehepartner weiß", berichtet Weidenbach. Stärken und Schwächen sind keine Geheimnisse, sie entscheiden über Leben und Tod. "Eine Schwäche ist, dass man sich manchmal selbst überschätzt. Ich glaube, das ist mit das Gefährlichste an dem Job."
Feuerwehrtaucher sind hoch ausgebildete Spezialisten, aber sie brauchen mehr als sportliche Kondition und handwerkliches Geschick. Modernste Geräte stehen bereit: Tauchfahrzeuge, Helmtauchgeräte, Spezialausrüstung für die Suche in trüben Seen. Die Kommunikation mit dem Leinenführer ist überlebenswichtig. Sicht gibt es selten, Orientierung ist oft nur an der Spannung der Sicherungsleine möglich. Bei jedem Wetter, rund um die Uhr, werden Einsätze gefahren, auch bei Eisbruch und starken Strömungen.
Unvergessen bleibt für Weidenbach sein erster richtiger Einsatz. "Das war gleich eine Personensuche im Strandbad Müggelsee. Da wurde eine ältere Dame vermisst.
Letztendlich hat sich herausgestellt, dass die Frau gar nicht im Wasser war, falscher Alarm, aber wir waren im Wasser und haben gesucht."
Neben den üblicheren Einsätzen gibt es Ausnahmefälle, geborstene Rohre in Berliner Unterführungen, geplatzte Dämme, Sachen wie ein abgestürzter Pkw im Fluss. "Manchmal ist das Wasser so dunkel und kalt, dass du nur auf dein Team, dein Training, deine Ausrüstung vertrauen kannst." Weidenbach liebt seinen Beruf. Er weiß, dass jeder Einsatz ein kleiner Drahtseilakt ist und dass es nicht immer eine Rettung geben kann. Doch: "Man lernt, damit umzugehen. Und das Team fängt einen auf." Mit dieser Überzeugung geht er seit Jahren für andere ins Wasser.