Was mühelos erscheint, ist harte Arbeit. Die Berlinerin Lea Runge ist 16 Jahre alt - und Synchronschwimmerin.
Als die Musik einsetzt, verstummen die Gespräche in der Halle schlagartig. Sieben Körper gleiten gleichzeitig ins Wasser, Beine strecken sich senkrecht nach oben, und Arme schneiden synchron durch die Wasseroberfläche, während sich im Publikum gespannte Ruhe ausbreitet. Für einen Moment scheint die Zeit stillzustehen. Die Synchronschwimmerin Lea Runge lächelt ruhig und kontrolliert. Unter Wasser jedoch brennen ihre Lungen, die Muskeln arbeiten bis an ihre Grenzen, und der Körper verlangt nach Luft. "Am Ende wird es einem manchmal schwarz vor Augen", erzählt sie später. "Und trotzdem kommst du hoch und musst lächeln."
Wer an einem typischen Trainingstag am Beckenrand der Sport- und Lehrschwimmhalle Berlin-Schöneberg sitzt, nimmt zuerst den Geruch wahr. Chlor liegt schwer in der warmen Luft, vermischt mit feuchtem Dampf, der die Fenster beschlagen lässt. Nasse Badelatschen klatschen auf den Fliesen, irgendwo quietscht eine Tür, und Stimmen schallen durch die Halle. Die Synchronschwimmerinnen stehen zunächst noch am Rand, kreisen mit den Schultern, dehnen die Beine und lockern die Gelenke, während sie sich über die Schule und den Alltag austauschen. Die Bewegungen sind ruhig und entspannt, wie das letzte Durchatmen, bevor der Körper gefordert wird.
Lea ist 16 Jahre alt und trainiert im Schwimm-Club Wedding 1929 e. V. Sie hat lange dunkelbraune Haare, die sie beim Training zu einem Dutt zusammenbindet, und einen hellblauen Badeanzug. Seit sie sechs Jahre alt ist, gehört das Schwimmbecken zu ihrem Alltag. Sechs- bis siebenmal pro Woche steht sie hier oder in einer anderen Schwimmhalle der Stadt, insgesamt rund 16 Stunden. Schule, Hausaufgaben und Training greifen dabei so eng ineinander, dass kaum Raum für Freizeit bleibt. "Das ist mein Ausgleich", sagt sie. "Ich kann mir gar nicht vorstellen, nachmittags nach Hause zu kommen und einfach nichts zu tun."
Sobald die Gruppe ins Wasser springt, verändert sich die Atmosphäre. Das Einschwimmen beginnt, das Wasser spritzt, die Atemzüge werden schneller, das Echo der Halle verstärkt die Geräusche. Jetzt wird auch geflucht, manchmal lachend, manchmal ernst. Die Übungen sind anstrengend, das Tempo ist hoch, und die Pausen sind kurz. Kraft, Ausdauer und das Luftanhalten werden hier trainiert. Alles, was später in der Kür mühelos aussehen soll.
Zum Synchronschwimmen kam Lea über ihren Vater, der früher Wasserball spielte, während parallel die Synchronschwimmerinnen trainierten. Als sie gemeinsam die Sportlerinnen beim Training beobachteten, schlug er vor, sie anzumelden. Im Schwimm-Club Wedding landete sie aus einem einfachen Grund. "Es ist der einzige Verein in Berlin für diese Sportart." Wer diesen Sport ausüben will, hat hier keine Alternative.
Trainiert wird in Altersklassen, wobei meist drei Jahrgänge in einer Mannschaft vertreten sind. Lea schwimmt sowohl mit Älteren als auch mit Jüngeren. Eine Hierarchie gibt es dabei aber nicht. "Natürlich sind manche stärker als andere", erklärt sie, "aber offiziell hat niemand eine Hauptrolle." Was zählt, ist das Zusammenspiel als Team. Mit ihrer Mannschaft konnte Lea bereits einige Erfolge feiern. Ihre wohl größte Errungenschaft gelang ihr bei den Norddeutschen Meisterschaften, als sie 2025 mit ihrem Team Gold gewann.
Nach dem Einschwimmen wird es strukturierter. Eine Trainerin gibt Anweisungen, und die Gruppe sammelt sich. Jetzt beginnt die Kür. Unter Wasser hören die Schwimmerinnen gedämpfte Kommandos, doch über Wasser sieht man perfekt ausgerichtete Arme, gleichzeitig auftauchende Beine und fließende Übergänge. Jede Bewegung ist genau festgelegt. Gerät jemand aus dem Takt, beginnt sofort das Team laut zu zählen, um die Synchronität wiederherzustellen. Im Training wird unterbrochen, wiederholt und korrigiert, doch im Wettkampf bleibt dafür kein Spielraum. Synchronschwimmen ist eine Mischung aus Schwimmen, Tanzen und Teamarbeit, wobei die körperlichen Anforderungen enorm sind.
Es ist weit mehr als ein ästhetischer Sport. Die Athletinnen halten immer wieder die Luft an, während sie Kraft aus Beinen und Rumpf aufbringen und gleichzeitig präzise Bewegungen ausführen müssen. Abstoßen oder Festhalten am Beckenrand ist verboten, alles entsteht aus eigener Muskelarbeit. Ihre Küren dauern deswegen auch nur wenige Minuten, doch hinter diesen Minuten steckt monatelanges Training. Von außen sieht der Ablauf elegant aus, beinahe als würden die Schwimmerinnen schweben. Unter Wasser sieht Lea jedoch etwas anderes: Es ist eng, und überall kommt es zu Zusammenstößen. "In Wirklichkeit sind wir supernah beieinander. Tritte und blaue Flecken gehören einfach dazu", sagt Lea.
Langsam nähert sich das Training dem Ende. Am Beckenrand wird es wieder lauter, die Konzentration löst sich, und Erschöpfung macht sich bemerkbar. Beim Vorbeischwimmen klatschen sich die Teammitglieder unter Wasser ab, eine kleine Geste, die den Zusammenhalt zeigt. Es gab Zeiten, in denen Lea ans Aufhören dachte, vor allem als Schule und Training kaum noch vereinbar schienen. Geblieben ist sie jedoch wegen ihrer Mitstreiterinnen. "Ich liebe mein Team, ich liebe den Sport. Eleganz, Teamgeist und Leichtigkeit. Am treffendsten kann man ihn aber als Hochleistung bezeichnen, die leicht aussehen muss."