Ruthy Vortrefflich fotografiert. Und jedes Foto ist eine Erinnerung. Auch an sich selbst.
Klick! Vorsichtig betrachtet Ruthy Vortrefflich das Bild einer kleinen Straßengasse auf ihrer Canon-Kamera. Ihre braunen Augen leuchten auf. "Für mich bedeutet Fotografie, einen einzelnen Moment festzuhalten und wahrzunehmen - einen besonderen Moment, bevor er vergeht. Die Zeit anzuhalten, eine Tausendstelsekunde von etwas Besonderem." Genauso wie diese verlassene Straßengasse in ihrem Heimatort in Israel.
"Es gibt Dinge, an die sich das Herz erinnern möchte: den Blick eines Enkelkindes, ein Licht auf einer fremden Straße im Ausland, ein Familienessen oder sogar einen kleinen Moment mitten in einem ganz normalen Tag, der sich plötzlich besonders anfühlt." Vortrefflich präsentierte ihre Fotografien bereits in drei Ausstellungen, die sie organisierte. Eines ihrer Lieblingsbilder, das sie aufgenommen hat, ist ein Geysir kurz vor dem Ausbruch. Die Fotografie wurde von "National Geographic" ausgewählt, nachdem sie sie 2011 bei "Your Shot" eingereicht hatte.
"Kunst und Fotografie sind schon, seit ich klein bin, meine Leidenschaft", sagt Vortrefflich. Sie ist weit weg, in Israel. Während unseres Gesprächs auf Facetime fällt mein Blick auf eines ihrer Bilder, das hinter ihr an der Wand hängt: ein stilles Meer, in dumpfen Grautönen schwappt es an den Sandstrand. "In schwierigen Zeiten brauchen die Menschen Kunst fast genauso sehr wie ein gutes Gespräch. Um zu fühlen, Trost zu finden, sich zu erinnern und wieder zu sich selbst und zu anderen zu finden."
Ruthy Vortrefflich wuchs gemeinsam mit ihrer Schwester als Tochter von Holocaust-Überlebenden auf. "Meine Eltern sprachen nie über das, was sie erlebt hatten. Doch schon als Kind nahm ich wahr, dass etwas Unsichtbares den Alltag meiner Familie prägte. Es lag nicht nur in der Atmosphäre, sondern auch im Schweigen, in den Blicken, in den Ängsten und Gewohnheiten, die nie erklärt wurden und dennoch stets spürbar waren."
Erst viele Jahre später begann sich das Schweigen zu lösen. Als Vortrefflichs Tochter ihre Großeltern für ein Schulprojekt über ihre Vergangenheit interviewen sollte, fanden sie erstmals Worte für ihre Erinnerungen. Und als sie einmal zu erzählen begonnen hatten, schien es kein Ende mehr zu geben. "Als hätten sie ihr ganzes Leben lang versucht, durch Vergessen zu überleben. Und als hätten sie am Ende Angst gehabt, dass niemand mehr übrig sein würde, der sich erinnert", sagt die Vierundsechzigjährige und streicht ihre schulterlangen Haare hinter ein Ohr. "Meine Kindheit hat in mir eine Sensibilität für Menschen geweckt, eine Wertschätzung für Dinge, die nicht selbstverständlich sind, und auch ein Verantwortungsbewusstsein, sich zu erinnern und nicht zu vergessen."
Ruthy Vortrefflichs Familie ist jüdisch. Die Traditionen, die ihr am meisten bedeuten, sind jene, die Generationen miteinander verbinden und ein Gefühl von Heimat und Zugehörigkeit vermitteln. "Das gemeinsame Essen am Freitag, die Schabbatkerzen, die Feiertage am Familientisch, die Lieder und Texte, die jeder kennt, auch wenn Jahre vergangen sind und wir in verschiedenen Ländern leben - das sind Momente, die mir wie ein Anker vorkommen." Heute arbeitet Vortrefflich als Verwaltungsleiterin an einer Mittelschule. Ein gelungener Arbeitstag für sie ist, wenn alles reibungslos läuft. "Ordnung ist Stärke", lautet ihre Devise. Sie ist außerdem eine zentrale Figur hinter dem Theater "Merkaz Habama" in Ganei Tikva. Eine weitere Leidenschaft gilt der Architektur. Als sie als Jugendliche mit einer Jugenddelegation in Deutschland war, habe sie ein Stipendium für ein Architekturstudium dort erhalten. Schließlich habe sie dann aber Grafikdesign, Marketing und Public Relations in Israel studiert.
Leider habe sie später aber nicht im Grafikbereich arbeiten können, wegen ihres schwachen Auges. Dies habe sie alles ihrer Kindheit zu verdanken. Im Kindergarten sei sie von Kindern ausgelacht worden, weil sie einerseits nur Deutsch sprach und andererseits auch noch eine Brille trug. "Also zog ich meine Brille aus", erzählt Vortrefflich. Dies habe zu ihrem schwachen Auge geführt. Zum Glück beeinträchtige sie dies nicht beim Fotografieren. "Das Leben ist wie eine Achterbahn."
Zurzeit schreibt sie an mehreren Büchern, darunter eines über das Leben als Großmutter. Daneben gestaltet sie Fotobücher, zeichnet hin und wieder und widmet sich der Fotografie. "Eine Fotografie ist für mich nicht nur ein Bild, sondern eine Möglichkeit, eine Geschichte zu erzählen, eine Erinnerung festzuhalten und zu zeigen, wie ich Menschen und Orte sehe." Ihr Blick schweift durchs Zimmer. Sie nimmt ein Fotoalbum in die Hand und öffnet es, um ein paar Fotografien zu zeigen. "Vielleicht ist fotografieren auch eine Erinnerung an mich selbst, inmitten all der Hektik einmal innezuhalten und wirklich hinzuschauen." Vortrefflich hält eines ihrer Bilder hoch in die Kamera: Dieses Mal steht Ruthy Vortrefflich vor der Kamera. Ihr Gesicht ist fast vollkommen hinter einem Blumenstrauß verborgen.