Wer bist du eigentlich?

Diese Frage des 79 Jahre alten Opas überrascht die Autorin an einem Festtag. Wenn ein Mensch dement wird, sind viele betroffen.

Das Haus meiner Eltern befindet sich in Wiesbaden. Es ist festlich geschmückt, überall hängen Lichterketten, und im Wohnzimmer flackert warmes Licht. Der Duft von Essen liegt in der Luft, es wird gelacht, gesprochen und Gläser klirren. Die ganze Familie sitzt zusammen am Wohnzimmertisch. Draußen ist es dunkel, es ist Silvester, und im Hintergrund läuft leise die Neujahrsansprache des Bundeskanzlers.

 

Eigentlich ist es ein Moment, den ich jedes Jahr kenne. Ein Moment voller Freude, voller Gespräche, voller Nähe. Doch in diesem Jahr bleibt mir etwas anderes viel stärker im Gedächtnis. Mein Opa sitzt mir gegenüber. Ich kenne ihn als liebevollen, humorvollen und lebensfrohen Menschen. Er lächelt oft, macht Witze und ist jemand, der immer für andere da ist. Doch an diesem Abend wirkt sein Blick anders. Er schaut mich lange an, so als würde er etwas suchen, das er nicht findet. Dann sagt er plötzlich: "Wer bist du eigentlich?" Für einen Moment passiert nichts.

 

Die Gespräche am Tisch verstummen nicht sofort, und das Klirren der Gläser ist noch zu hören. Trotzdem wirkt es so, dass alle Geräusche in den Hintergrund geraten, und das Wohnzimmer wirkt kleiner, als es eigentlich ist. Mein Opa hält meinen Blick. Einen Moment sagt niemand etwas. Der Satz hängt im Raum, ohne dass jemand reagiert. Mein eigener Großvater erkennt mich nicht. Zu diesem Zeitpunkt wusste niemand, dass er dement ist. Diese Krankheit ist nie ein Thema in unserer Familie gewesen.

 

Laut der Deutschen Alzheimer Gesellschaft leben in Deutschland etwa 1,84 Millionen Menschen mit einer Demenzerkrankung. Auch mein 79-jähriger Opa Bules Filo ist seit zwei Jahren davon betroffen. Anfangs waren es nur Kleinigkeiten, die er vergaß. Seit einem Jahr verändert sich sein Alltag von Tag zu Tag immer stärker. Er braucht bei vielen alltäglichen Aufgaben Hilfe. Für Angehörige ist die Krankheit eine hohe Belastung.

 

Die Natur war für meinen Opa ein wichtiger Teil seines Alltags. Er hat früher Haustiere versorgt, sich um sie gekümmert und gerne Zeit draußen verbracht. Bäume, Vögel, Blumen und der Wechsel der Jahreszeiten waren für ihn wichtig. Die Natur war sein Rückzugsort. Heute ist alles anders. Er geht kaum noch nach draußen und geht nicht mehr mit meiner Oma spazieren, obwohl es ihm früher so viel bedeutet hat. Auch die langen Telefonate, die wir früher fast täglich geführt haben, sind selten geworden.

 

Seit seiner Erkrankung vergisst er immer mehr. Manchmal sind es Namen von Menschen, manchmal Dinge, die er gerade tun wollte, und manchmal ganze Erinnerungen. Es gibt auch Momente, in denen er nachts unruhig wird und einfach hinausgehen möchte, ohne genau zu wissen, wohin. Trotzdem gibt es Augenblicke, in denen seine Vergangenheit plötzlich wieder da ist. Dann erzählt er von früher, vom Leben auf dem Land an der Grenze von Syrien oder von Tieren. Diese Erinnerungen wirken dann ganz klar, fast so, als wären sie wieder nah.

 

In dem Film "Honig im Kopf" aus dem Jahr 2014 wird Demenz mit einem Bücherregal verglichen. Jeder Mensch hat ein Regal voller Bücher - jedes Buch steht für eine Erinnerung. Manche Bücher fallen heraus, andere tauchen später wieder auf, und manche bleiben verschwunden. Dies kann Tage, Wochen, Monate oder Jahre dauern. Dieses Bild hilft mir, besser zu verstehen, was mit meinem Opa passiert.

 

Mein Opa ist klein, er hat graue Haare und trägt meistens ordentliche Kleidung: ein hellblaues Hemd, eine dunkle Hose und gepflegte Schuhe. Er hat Grübchen im Gesicht und freundliche Augen. Wenn ich in seine Augen blicke, sehe ich meinen liebevollen Großvater. Wenn er lächelt, wirkt er oft wie früher. Ich sehe ihn nur wenige Male im Jahr, und jedes Treffen ist für mich besonders.

 

Mein Opa und ich haben, seit ich klein bin, eine Tradition. Immer wenn ich ihn besuche, dann gehen wir in diesen einen bestimmten Park. Dort hören wir das Rauschen der Bäume, das durch den Wind verursacht wird. Dieser Park befindet sich ganz in der Nähe des Hauses meiner Großeltern in Nordrhein-Westfalen, in Paderborn. Beim letzten Besuch hat er viel gelacht, gesungen und war sehr fröhlich. Gleichzeitig merke ich aber auch, wie sehr er sich verändert. Manchmal wirkt er wie verloren, wenn er sich an bestimmte Dinge nicht erinnert. Es kommt auch vor, dass er sich mitten in der Nacht daran erinnert, dass er noch einen Spaziergang machen möchte.

 

Der Moment an Silvester bleibt für mich besonders hängen. Nicht weil er nur traurig war, sondern weil er mir gezeigt hat, wie zerbrechlich Erinnerungen sein können. Demenz nimmt meinem Opa Stück für Stück die Erinnerungen. Aber nicht alles verschwindet. Er kann sich noch an seine Jugend erinnern und sagt jedes Mal: "Weißt du, Sara, ich wünschte, ich könnte meine Jugend erneut durchleben." Wenn er davon spricht, wirkt seine Stimme ruhiger. Manche Gefühle, Gesten und Momente bleiben - auch wenn sich vieles verändert.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH vom 20.07.2026, Nr. 165, S. 26 - Sara Dogan, Friedrich-List-Schule, Wiesbaden

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