Wer liefert, ist geliefert

Essenskuriere in China leben gefährlich

 Ein herrlicher Sonntag. Die Sonne scheint, man sitzt zu Hause und bekommt Lust auf Eis. Doch der Kühlschrank ist leer und der Supermarkt geschlossen. In China kein Problem: Ein paar Klicks auf dem Handy, und nach nur zehn Minuten klingelt es an der Tür. Ein Lieferant drückt dir das Eis in die Hand, und es ist noch nicht geschmolzen.

 

In China werden mehr als 80 Millionen Essenslieferungen von mehr als zehn Millionen Lieferanten zu den Kunden gebracht - und zwar täglich. Auf Mandarin nennt man diese Lieferungen "Waimai". Alle Lieferungen laufen über Plattformen, die von Restaurants, Lieferanten und Kunden genutzt werden. Die beiden größten Plattformen sind Meituan und Ele.me.

 

Der Arbeitstag eines Lieferanten variiert von Person zu Person. "Ich stehe jeden Tag um sechs Uhr auf und arbeite bis abends um acht", sagt Changyou Zhao, der seit fünf Jahren für Ele.me arbeitet. "Ich fange erst um 10.30 Uhr an, steige dann auf mein Moped und liefere bis 23 Uhr", sagt hingegen Xiaojin Lü, der seit acht Jahren für Ele.me tätig ist. Lieferanten sieht man rund um die Uhr auf den Straßen Chinas.

 

Sie sind nicht zu übersehen. Die meisten tragen entweder gelbe oder blaue Uniformen. Die in Gelb arbeiten für Meituan, die in Blau für Ele.me. Auf ihren Scootern und Mopeds flitzen sie durch die Städte. "In Shanghai liefere ich 70 bis 80 Bestellungen am Tag", sagt der 38-jährige Lü. In einer Großstadt wie Shanghai ist die Nachfrage nach Waimai besonders hoch. Die steigende Nachfrage führt zu einem steigenden Arbeitsdruck. Lieferanten müssen oft fünf bis sieben Bestellungen gleichzeitig annehmen und alle innerhalb einer Stunde ausliefern. Für jede Lieferung erhalten sie fünf bis sechs Renminbi (RMB), was weniger als ein Euro ist. Das meiste Geld geht an die Plattformen. Im Monat verdient ein Lieferant durchschnittlich rund 1000 Euro. Das Gehalt variiert je nach Anzahl der gelieferten Bestellungen.

 

Der größte Stressfaktor sei die Zeitüberschreitung. "Man muss schnell fahren, um die Bestellungen rechtzeitig zu liefern", sagt Zhao. Die Mopeds erreichen Geschwindigkeiten von bis zu 80 Stundenkilometern. Das birgt Risiken. "Es ist schon gefährlich, aber die Kunden warten", meint Zhao. Der Zeitdruck sei enorm. "Manche Kunden stornieren ihre Bestellung, wenn sie zu lange auf die Lieferung warten", sagt Lü. Die Plattformen ziehen bei einer Absage oder Zeitüberschreitung viel Geld ab. Die Lieferanten wünschen sich deshalb mehr Zeit für ihre Bestellungen. Täglich passieren Unfälle mit Lieferanten. "An einer Kreuzung wurde ich einmal angefahren", erzählt Lü. Ihm sei zum Glück nichts passiert, aber sein Moped wurde beschädigt. "Die Mopeds müssen wir selbst kaufen", erklären die Lieferanten. Auch eine Versicherung müssen sie selbst bezahlen. "Jeden Tag bezahlen wir zwei bis drei RMB (etwa 40 Cent) für die Versicherung", erklärt Lü. Bei Unfällen oder Schäden an den Mopeds übernimmt die Plattform dann die Kosten. Als Lü in einen Unfall verwickelt wurde, erhielt er rund 500 Euro für die Reparatur seines Mopeds. Dieser Vorteil motiviert viele, für eine der beiden großen Plattformen zu arbeiten. Zudem sorgen die Plattformen für genügend Aufträge, da Kunden direkt über die App bestellen und nur die registrierten Lieferanten die Bestellungen erhalten. Es besteht praktisch ein Monopol, da kleinere Firmen meist Tochtergesellschaften von Ele.me oder Meituan sind oder von diesen aufgekauft werden.

 

Lü und Zhao liefern in Shanghai. Großstädte ziehen Lieferanten an. Der Job ist auch eine attraktive Übergangslösung für Arbeitsuchende oder als Nebenjob, da keine Ausbildung erforderlich ist. Lü, der aus der Provinz Anhui im Osten Chinas stammt, hat einen mittleren Schulabschluss, während Zhao aus der Megacity Chongqing kommt und nur einen Grundschulabschluss hat. Auf die Frage, ob sie das noch lange machen wollen, lautet ihre Antwort unisono: "Ja, da es der beste und oft auch einzige Job ist, den man ohne Bildung machen kann."

 

"Die Schnelligkeit der Essenslieferungen in China hat mich wirklich beeindruckt. Man bestellt einen Kaffee, und innerhalb von fünf Minuten ist er da, noch warm", sagt Sunny-Joy Steen, die seit einem Jahr in Shanghai lebt. Für viele, die in China leben, ist das Leben ohne Waimai kaum mehr vorstellbar. Die Nachfrage nach Essenslieferungen steigt von Jahr zu Jahr. Längst wird nicht nur Essen geliefert, sondern alles - von Elektronik bis hin zu Medikamenten. Jedes Geschäft kann sich auf den Plattformen registrieren und seine Waren ausliefern lassen, auch Apotheken.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 04.05.2026, S. 26, Nr. 102 - Yina Zhang, Jessica Conzelmann, Alina Kruppe, Deutsche Schule Shanghai

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