Die schlechte Kulinarik auf der Buchmesse ist mir gewaltig auf die Nerven gegangen", erklärt Lojze Wieser schmunzelnd. Deswegen bringe er immer eines der "schönsten und aromatischsten Lebensmittel der Welt" mit nach Frankfurt. Der Schinken vom slowenischen Schwein, Prsut genannt, wecke die Neugier der Besucher und gebe auch geistige Kraft für die vielen Bücher. Der Prsut und der slowenische Käse seien "fast so gut wie unsere Literatur". Während er jedem seiner Besucher am Stand Blatt für Blatt etwas vom Schinkenbein abhobelt, erzählt der 65-Jährige von den neusten Werken meist osteuropäischer Autoren, die sein Verlag übersetzt und veröffentlicht hat.
Wieser ist im slowenischsprachigen Teil Österreichs in Tschachoritsch/Cahorce aufgewachsen und hat früh gelernt, dass sich zwei Kulturen und Sprachen problemlos in einem Dorf begegnen können. Doch als er in die Volksschule kam, wurde dort nur auf Deutsch unterrichtet, Slowenisch war ein zusätzliches Unterrichtsfach nach der Schule.
Später besuchte der junge Lojze als Einziger aus seiner Klasse das slowenische Gymnasium in Klagenfurt, auch dort war mehrsprachiger Untericht noch nicht erlaubt. Im Süden Österreichs leben die Kärntner Slowenen als anerkannte Minderheit, ihre Rechte als Volksgruppe wurden in den letzten zwei Jahrhunderten lange Zeit unterdrückt und werden bis heute kontrovers diskutiert. "Ich versuche auf entlegene kulturelle und sprachliche Besonderheiten hinzuweisen: auf Menschen und ihre kulturellen Hintergründe, die unter uns existieren, aber verborgen sind und daher oft nicht gesehen oder übersehen werden." Nach einer dreijährigen Lehre zum Buchhändler brachte der Kärntner Slowene eher zufällig sein erstes Buch heraus. Als kein österreichischer Verlag Interesse an der Übersetzung der Memoiren eines slowenischen Widerstandskämpfers zeigte, bearbeitete er eine Rohübersetzung zusammen mit einem Freund und dem Autor und brachte sie, unter dem Label des slowenischen Drau Verlags, später Drava Verlag, aus Kärnten heraus. Es war eines der ersten Bücher, das aus dem Slowenischen ins Deutsche übersetzt wurde. Bis heute hat der Mann mit der sonoren Stimme in seinem Verlag an die 200 slowenische Bücher und viele mehr aus ganz Osteuropa in deutscher Sprache herausgegeben. Er ist überzeugt, dass Bücher die Fähigkeit haben, Vorurteile zu überwinden und Gemeinsamkeiten hervorzuheben. "Man müsste mehr übersetzen, dann würde man auch die Wünsche und Sorgen, die die Literaten aus aller Welt phänomenal zu formulieren imstande sind, verstehen. Denn wenn Menschen wissen, warum einer lacht, weint oder tanzt, dann erkennen sie: Die Fragestellungen und Probleme sind meist bei allen die gleichen." So hat Wieser die Buchreihe "Europa Erlesen" konzipiert. In jedem der 200 Bände erhalten eine andere Stadt oder Region ihre "literarische Visitenkarte".
Um diesen Austausch zwischen den Kulturen zu vertiefen, plädiert der Vater von vier Kindern schon lange für eine europäische Austauschbibliothek. Dort solle aus jeder der 400 europäischen Sprachen ein Buch stehen und in jede andere Sprache übersetzt werden. Aus dem Slowenischen schlägt Wieser das Buch "Tantadruj" von Ciril Kosmac vor, das er in drei deutschen Ausgaben veröffentlicht hat und aus dem er mit seiner tiefen Stimme hingebungsvoll ganze Passagen auswendig vorträgt. In seinen Augen ist es eines der besten Bücher der Weltliteratur, deren Eigenschaften er wortgewaltig beschreibt. "Ein gutes Buch schlägt dem Leser den Kopf ein, wie es Kafka sinngemäß sagt, es ist Türöffner zur universalen Fantasie. Eine Erzählung kann einen Sog entwickeln, der einen bannt und mit sich nimmt. Ein Buch bietet die Möglichkeit, von entlegenen Welten, über die man kaum etwas weiß, zu berichten und ein Grundwissen über diese zu geben, auf dem aufbauend die Neugierde sich fruchtbar entwickeln kann."
Seine Arbeit zugunsten einer europäischen Völkerverständigung, die sich auch während des Jugoslawien-Krieges zeigte, als er osteuropäischen Autoren ins Exil verholfen hat, gefiel nicht immer jedem. Mitte der neunziger Jahre wurde er Opfer eines Briefbombenattentates, dessen Folgen den Wieser-Verlag fast in die Insolvenz trieben. Er bekam mehrere Morddrohungen. Dennoch hörte er nie auf, "zu lesen, zu lieben und zu schreiben". In seiner Fernsehsendung auf ORF 2 und 3sat "Der Geschmack Europas" stellt der Koch aus Leidenschaft europäische Regionen und ihre volkstümlichen Speisen vor. Auch daraus sind zwei Bücher entstanden.