Im Ballettkurs für erwachsene Anfängerinnen geht es um Kindheitsträume, Haltung und knallharte Körperspannung. Denn der große Spiegel verzeiht nichts. Aber lustig ist es auch.
Neben der Tür ein älterer, leicht vergilbter Ausschnitt aus der F.A.Z., an einigen Stellen bunt markiert: "Wozu Ballettunterricht?" An den zartrosa Wänden Kleiderhaken, es gibt Bänke, in der Ecke hängen verlassen ein winziger Tutu und weiße Strumpfhosen. Die Umkleide des Ballet Dance Center in der Richard-Wagner-Straße in Kaiserslautern ist angefüllt mit Gelächter. Lena 1 und Lena 2, Miriam, Nicole und die anderen Frauen unterhalten sich laut über ihren Alltag und die Kinder. Um 19.15 Uhr ist die entspannte Stimmung aber erst einmal vorbei. "Auf geht's, Mädels!" Olivera Kramaric ruft ihre lustige Truppe zusammen, und schon ist volle Konzentration angesagt. Nacheinander drängeln die Frauen in den großen, hellen Trainingsraum, stellen sich nebeneinander auf und stehen nun da wie die Hühner an der Stange. "Erste Position und Plié!" Der Ton ist streng, die Frauen sind hochkonzentriert. Während es einigen schon fast problemlos gelingt, die klassischen Aufwärmübungen auszuführen, hadern andere noch mit der Körperspannung und vor allem mit ihrem hilflosen Anblick im Spiegel. Der Spiegel bedeckt die Stirnwand des Studios und ist gnadenlos: Er sieht jede Kleinigkeit und verzeiht nichts.
An den anderen Wänden hängen rosafarbene Ballettschühchen und Kinderzeichnungen, die darauf hindeuten, dass hier am Nachmittag auch Minis üben. Jeden Montagabend sind es dann diese ganz unterschiedlichen Frauen zwischen Mitte zwanzig und Mitte fünfzig, die sich hier versammeln, einige schon Mamas oder Omas. Ganz bestimmt keine "Ballerinas in Ausbildung", denn das ist nicht der Grund, warum sich Mareen Gießrigl und ihre Kolleginnen quälen.
Olivera Kramaric stammt aus Kroatien und ist diplomierte klassische Balletttänzerin und Ballettpädagogin. Vor neun Jahren hat sie die Schule im Alter von 39 Jahren übernommen, vorher tanzte und arbeitete sie am National-Theater Split, Stadttheater Baden bei Wien und Pfalztheater Kaiserslautern. Neben Ballettkursen für Kinder, Teenies und Jugendliche, Jazz- und Gymnastikangeboten und auch mal einem Hiphop-Kurs gibt sie auch Ballett für "verspätete Anfänger". Das Training findet einmal wöchentlich statt, umfasst zehn Stunden und kostet rund 70 Euro.
"Es geht nicht darum, eine Profi-Balletttänzerin zu werden. Wir wollen körperlich fit bleiben und an unserer Haltung arbeiten, denn das hilft auch im Alltag, vor allem im Beruf." Der verlangt, ob in einer Reinigung und Wäscherei, wo Lena 2, die Portugiesin, arbeitet, oder am Gymnasium, wo Lena 1 Lehrerin ist, Disziplin und Stehvermögen. Mareen Gießrigl ist schon am längsten dabei und meistert die Übungen souverän. "Als meine Tochter angefangen hat, Ballett zu tanzen, kamen Kindheitserinnerungen wieder hoch, und ich wollte auch wieder tanzen. Zudem finde ich es schön, wenn ich mit ihr ein gemeinsames Hobby habe."
Beate Di Fede hingegen will sich einen Wunsch aus Kindertagen erfüllen: "Als ich ein kleines Mädchen war, hatte ich nicht die Möglichkeit, Ballett zu tanzen, aber es hat mich stets interessiert. Als ich von diesem Kurs ,Ballett für Anfängerinnen/Erwachsene' erfahren habe, wollte ich mir diesen Kindheitstraum erfüllen, und es tut auch meiner Haltung sehr gut." Aus diesem Grund ist auch sie voller Elan dabei, kennt keinen Schmerz und ist beim Dehnen und Tanzen voll motiviert. Nur tiefe Schnaufer und kleine Seufzer zeigen, wie anstrengend das alles ist. So unterschiedlich wie die Gründe, sich sportlich zu betätigen, sind auch die Frauen selbst. Sarah etwa, Informatikerin aus Ägypten, ist ganz still, Lena 2 dagegen flucht auch schon mal etwas lauter. Einige der Frauen tragen weiche Ballettschläppchen, andere bevorzugen festere Turnschuhe, dazu einen schwarzen Body über schwarzen Strumpfhosen. Sarah trägt klassische weiße Strumpfhosen, und Lena 1 darüber noch einen Rock, so dass sie fast wie eine echte Ballerina aussieht. Wieder andere beweisen im sportlichen T-Shirt und kurzen Hosen ihr Können. Lena 2 glänzt: Ihr T-Shirt verkündet in großen silbernen Lettern: "Run, the struggle is real."
"2. Position und Sprung! Sarah, Rücken gerade, und Miriam, achte auf die Körperspannung. Also ich komme mir hier vor wie der Pfarrer bei Mr. Bean. Konzentration!", spornt Oli ihre Elevinnen an. Und alle lachen, trotz der Anstrengung, trotz Schweiß und Schmerz.
"Nicole! No Buckel today! Wir leiden hübsch!", korrigiert Olivera weiter, und die Frauen können sich auch diesmal das Schmunzeln nicht verkneifen. Die konzentrierte, ja fast strenge Stimmung, die guter Ballettunterricht einfach braucht, wird durch kleine Witze und Neckereien aufgelockert, der Spaß geht nicht verloren, dabei geht es ganz ernsthaft um knallharte Körperspannung. "Schwabbelige Popos sind uninteressant. Zeigt eure Muckies!"
Obwohl es für manche heute erst die zweite Stunde ist, steht nun nach vielen Übungen an der Stange für jede das Vortanzen an. Nacheinander sollen alle diagonal durch den Raum Pirouetten drehen. "Wir hören einmal die Musik!", acht Takte, und schon geht's los. "In zehn Jahren versteh ich das", meint Lena 2 und gibt ihr Bestes - wie alle anderen auch.
"Hui, jetzt hab ich die Richtung verloren. Das waren ein paar Pirouetten zu viel", doch Stefanie ist nicht die Einzige, die ein leichtes Schwindelgefühl nach dieser Übung hat. Es gibt noch viel zu lernen und zu verbessern. Und als dann die Lehrerin selbst die Übung vorführt, füllen Staunen und Faszination den Raum. Bis zu dieser Perfektion ist es noch ein langer Weg. Wozu Ballettunterricht? "Weil es das geilste Gefühl forever ist!" Mareen ist sichtlich begeistert und freut sich über jeden noch so kleinen Fortschritt
Am Ende der Stunde dehnen sich alle, zum Beispiel im Männerspagat an der Wand, dabei gilt das Motto "Erst wenn es weh tut, ist es gut". Schweißgebadet verschwinden sie in die Umkleidekabine. Ihre Konzentration wandelt sich in lockere Entspannung. Und wie nach jedem Training gesellt sich die Lehrerin dazu. Das Gelächter ist groß, alle Anstrengung vergessen. Als Belohnung gibt es Gummibärchen.