Lokal und gefragt

Ein Dresdner Stadtmagazin trotzt neuen Gewohnheiten

Die Fassade der Nummer 22 glänzt schwach vom Regen. Im Torbogen schallt der Hauptstraßenlärm, Putz blättert vom Stein. Sprayer haben ihre Insignien auf der Hauswand verewigt. Dazwischen ein weißes Schild: "SAX. Das Dresdner Stadtmagazin." Die Redaktionstür vom Charme einer Altbauwohnung ist angelehnt. Chefredakteur Uwe Stuhrberg ist ein recht großer Mann in den Fünfzigern, langes Haar, dunkler Bart. Er war vor 18 Jahren Mitbegründer der Erstausgabe der SAX. Bei den Vereinigten Linken traf er auf den im vergangenen Jahr verstorbenen Bernhardt Theilmann, dessen Absicht die Gründung einer neuen und vor allem von der Vergangenheit unbelasteten Zeitschrift war. Stuhrberg spricht lebhaft von dieser Zeit. Auch nach 27 Jahren brennt er für sein Magazin. Dieses war zu keiner Zeit rein informierend: Für die zweite Ausgabe ließen sich die Gründer auf dem Dach des Hauses fotografieren, dass Theilmann mit seiner Familie besetzte - trotz der bereits geschehenen Grenzöffnung ein besonderer Akt in der DDR.

Zu drei Mark fünfzig in alter Währung etablierte sich das Journal bald nach der Wiedervereinigung als Bestandteil Dresdens. Heute erscheint monatlich ein knapp sechzigseitiges Heft, dass das Stadtgeschehen wiedergibt. Dabei stehen das Kino- und Theaterprogramm, Konzerte und Festivals ebenso im Fokus wie kritische Stimmen zur Entwicklung Dresdens. "Wir verstehen uns als Stadtmagazin im klassischen Sinne. Natürlich werden wir zuerst über die Kultur wahrgenommen, aber seit der Gründung begleiten wir auch die lokalpolitischen Prozesse in der Stadt", betont Stuhrberg. Hinter ihm hängt ein Sägefisch aus Pappmaché, das Symbol der SAX, träge über dem Monitor eines iMac Computers. Kein Redakteur ist im Raum, obwohl erst früher Nachmittag ist. "Die Mehrheit der Autoren arbeitet zu Hause", klärt Stuhrberg auf. Oft entstehen dort die Artikel. "Es ist meistens so, dass der Vormittag für online draufgeht."

Das Magazin betreibt neben dem Printheft eine kostenlose Ausgabe im Internet, die ständig aktualisiert wird. Das sei im digitalen Zeitalter unumgänglich. Der Fokus liege dennoch auf der gedruckten Version, ausschließlich Gratisangebote seien keine Option. "Wenn ich die Abrechnung vom Zeitschriftenhandel kriege oder weiß, wie viele Abo-Hefte wir verschickt haben, dann bin ich mir sicher: Da ist etwas angekommen." Die Umsonst-Kultur reize ihn weniger. Berlin außer acht gelassen, ist die Dresdner SAX neben dem "Kreuzer" in Leipzig das letzte vergleichbare Journal in den neuen Bundesländern, das noch am Kiosk angeboten wird. In Zeiten digitaler Massenmedien scheint das lokale Stadtmagazin vom Verschwinden bedroht zu sein. "Ich sehe das ein bisschen anders. Wenn man eine scharfe Grenze zieht, was man will, hat man auch im Print-Markt eine Chance." Seine Zeitung habe ihren Tellerrand gewählt. So thematisiert sie keine Vorkommnisse außerhalb Dresdens. Dieses Prinzip funktioniert. Seit Jahren liegt die Auflage konstant bei 9000 Exemplaren im Monat.

Nach "taz"-Tradition betreibt das Magazin Meinungsjournalismus. Jeder Artikel wird mit dem Namen des Autors versehen und gibt dessen Ansicht wieder. Dennoch gäbe es eine "SAX-Grundhaltung", die eher links der Mitte läge, sagt Stuhrberg. Das rühre aus den Neunzigern, gerade im lokalen Rahmen seien Diskussionen und Kontroversen von großem Interesse.

Was müssen neue Kollegen und Praktikanten können? "Für mich spielt eine Rolle: Kann der Mensch überhaupt schreiben? Kann er das Wesen eines Themas erfassen?" Probleme gäbe es oft mit ehemaligen Kommunikationswissenschaftsstudenten. "Diese Strategien, die denen eingebimst wurden . . ." Stuhrberg schüttelt unwillig den Kopf. Die entstandenen Artikel seien oft gefällig, aber: "Ich fühle gar nichts, das löst bei mir nichts aus."

In einer der jüngsten Ausgaben ist das Bild eines bärtigen Mannes unter der Überschrift: "Bernhard Theilmann. 1949 bis 2017." Es sind Nachrufe für das "SAX-Urgestein". Sein Mitstreiter Stuhrberg lässt unter seinem Beitrag ein Gedicht Theilmanns wirken. Die zweite Strophe unterstreicht, vielleicht ungewollt, das Prinzip der Lokalzeitung: "ob ihr nun klug seid oder dumm / ihr rührt nur kalten griesbrei um / und quirlt euch selbst mit rein."

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2018, Nr. 60, S. 30 - Tilmann Lindner

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