Zwei Stunden mit Friisk auf Sendung

Den Radiosender verstehen nur 10 000 Menschen

Kerrin Ketels bereitet sich auf ihre Sendung vor. Die Sonnenstrahlen, die durch die weißen Sprossenfenster in den Raum dringen, lassen das kleine Studio größer wirken. Ketels legt Notizen zurecht, liest sie noch einmal durch und stellt das Mikrofon ein. Danach drückt sie den Knopf. Im Studio erleuchtet ein rotes, ein grünes und ein gelbes Licht. Kerrin geht nun auf Sendung, und alle wissen, dass jetzt äußerste Ruhe herrschen muss: "Haloo an hartelk welkimen tu tau stünj Friisk-Funk." Bei einem hochdeutschen Radiosender hieße das: "Hallo und herzlich willkommen zu zwei Stunden FriiskFunk." Friisk, das ist der friesische Oberbegriff für die friesischen Dialekte.

Der FriiskFunk ist ein friesischer Radiosender, der auf der Nordseeinsel Föhr über die Frequenz 96,7 zu empfangen ist - auf dem Festland von Niebüll bis Meldorf auf einer anderen Frequenz. Man kann den Sender auch als Lifestream und Podcast hören. Während der Woche täglich zwischen acht und zehn Uhr. Mittags wird die jeweilige Sendung wiederholt. Von montags bis donnerstags wird aus dem Studio im Föhrer Dorf Alkersum gesendet. Freitags in der gleichen Zeit sendet der kleine Sender vom Festland aus, von Bredstedt, da einer der Redakteure dort wohnt und das Studio auf Föhr nicht nutzen kann. Er müsste jeden Tag mit der Fähre auf die Nordseeinsel fahren, das kostet zu viel Geld und Zeit.

Die Idee, diesen Radiosender zu starten, entstand 2009 in der Ferring Stiftung, in deren Gebäude der FriiskFunk auch untergebracht ist. Die Ferring Stiftung wurde 1988 von dem Pharmaunternehmer Frederik Paulsen gegründet, um die Forschung zur friesischen Kultur zu unterstützen. Die Stiftung versteht sich als Ort zur Förderung der friesischen Sprache und Kultur. Von der Idee, einen Radiosender zu gründen, bis zum ersten Sendetag musste ein fast 18 Monate langes Anmeldeverfahren durchlaufen werden. Am 25. September 2010 konnte der FriiskFunk auf Sendung gehen. "Als mir der Job als Redakteurin beim FriiskFunk angeboten wurde, habe ich mich sehr geehrt gefühlt, da es ein ungewöhnlicher Beruf auf der Insel ist", sagt Heike Volkerts. Die gelernte Bankkauffrau arbeitete in einer Bank, bevor sie Journalistin wurde. Alle drei Redakteurinnen hatten vorher nichts mit dem Radio zu tun. Doch sie brachten die richtigen Voraussetzungen mit, Ideen, Kreativität und- am wichtigsten natürlich, dass die drei die friesische Sprache beherrschen. Der Sender wird finanziell von der Ferring Stiftung, vom Offenen Kanal Schleswig-Holstein und dem Friesenrat getragen.

In Alkersum auf Föhr arbeiten drei Redakteurinnen: Maike Arfsten-Jürgensen, Heike Volkerts und Kerrin Ketels. Jede Redakteurin schreibt ihre eigenen Beiträge und trifft selbst die Musikauswahl. "Es ist eine individuelle Arbeit", findet Kerrin Ketels. "Man muss immer wieder kreativ werden, und das gefällt mir so an meinem Beruf."

Die Sendungen laufen nach einem festen Programmplan ab. Im ersten Teil wird der neue thematische Schwerpunkt der moderierenden Redakteurin gesendet. In der zweiten Stunde wird ein bereits gesendeter Beitrag wiederholt. Abgerundet wird die Sendung durch Informationen zu Veranstaltungen, Wetter, Gezeiten oder Umweltfragen. Musikalisch werden Rock-Klassiker wie der Dauerhit der Beatles "I want to hold your Hand" mit moderner Pop-Musik von Ed Sheeran gemischt. Zwischendurch kommt ein friesisches Lied wie "Eeb an flud" von einer einheimischen Musikerin dazu.

Bei der Themenauswahl sind die Redakteurinnen offen für fast alles. Spannung und Vielfalt für alle Altersgruppen sind wichtige Kriterien, um die Zuhörer an den Sender zu binden. Für Heike Volkerts liefern auch die kleinen Dinge aus dem Leben der Einheimischen das Besondere. Gartentipps gehören ebenso dazu wie Interviews mit bekannten Persönlichkeiten. Der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff oder die NDR-Moderatorin und Tagesthemensprecherin Judith Rakers konnten schon zu einem Besuch im Studio gewonnen werden. Die Gäste müssen kein Friesisch sprechen. Dass ihnen während der Sendung trotzdem immer etwas Friesisches beigebracht wird, gehört dazu. Vor allem soll die friesische Kultur nicht verlorengehen. So kommen alteingesessene Friesen zu Wort, die von ihrer Kindheit erzählen. Kürzlich entstand eine Sendereihe zu alten friesischen Anekdoten, die Kinder einer Schule zusammengetragen hatten.

In Deutschland sprechen noch ungefähr 10 000 Menschen Friesisch. Der Dialekt hat neun größere Unterdialekte. Alle, die das Föhrer Friesisch sprechen, können zum Beispiel das Ostermooringer Friesisch, das auf dem Festland gesprochen wird, nur mit etwas Übung verstehen. Menschen, die das Föhrer Friesisch sprechen, bilden eine der größten Gruppen der friesisch Sprechenden. Auf Föhr wird es auch in der Schule unterrichtet und als Abiturfach angeboten. Der FriiskFunk hat zwei große Ziele: Er möchte sich für die Erhaltung des friesischen Dialekts einsetzen und zum Radiohören anregen. Kerrin Ketels drückt wieder den Knopf. Die Lichter erlöschen. Sie ist zufrieden mit ihrer heutigen Sendung, in der sie eine Studentin über deren veganen Lebensstil interviewt hat.

Ein Projektbeitrag von: ,
Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.03.2018, Nr. 60, S. 30 - Katharina Thomas

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