Senioren helfen Senioren - oder wie eine Gruppe von Rentnern die Welt ein bisschen besser macht
Es klingelt. Die 82-jährige Dame begibt sich langsam die Treppen hinunter und öffnet die Tür, hinter der ihr ein charmanter Senior der Organisation "Senioren helfen Senioren" freundlich ins Gesicht lächelt. "Fassbaender mein Name. Dieter Fassbaender", hört man den junggebliebenen 74-Jährigen reden. Mit Jeans und grauem Hemd bekleidet, betritt er den offenen Eingangsbereich des leicht betagten Einfamilienhauses. Der ehemalige Elektriker ist einer der 16 Mitglieder des Seniorenvereins. Jeden Dienstag setzen sie sich in der Martinsstraße in Aachen zusammen und verteilen die zwölf bis fünfzehn eingegangenen Aufträge der Woche. So gut wie alle Berufszweige sind vertreten, von ehemaligen Trockenbauern bis hin zu Elektrikern.
Marlis Nellissen bittet ihn herein und führt ihn nach einem Kaffeeangebot direkt zu "ihrem Problem", einer kaputten Steckdose. "Eines der Probleme, die die meisten in einem hohen Alter nicht mehr selbst beheben können", sagt Fassbaender. "Ebenso wie Gardinen abhängen oder aufhängen, Glühbirnen austauschen oder Möbel aufbauen - eben Dinge, für die eine normale Firma niemals kommen würde, oder Dinge, bei denen sich ältere Menschen vielleicht sogar schämen würden, eine Firma zu kontaktieren."
Die kaputte Steckdose befindet sich ziemlich weit unten an einer Wand im Keller, aus dem der Geruch von frisch gewaschener Wäsche in die Nase steigt. Um an der Steckdose arbeiten zu können, muss sich der Senior auf seine Knie begeben. Die freiwillige Arbeit ist also auch eine körperliche Belastung, besonders für Leute im höheren Alter. "Ich liebe es, im Garten zu arbeiten", erzählt der zudem backbegeisterte Rentner, der für seine Walnuss-Brownies bekannt ist, "das hält mich fit."
Fassbaender misst den Strom, der durch die Steckdose fließt, um zu prüfen, ob diese wirklich kaputt ist. Das Resultat: Die Steckdose ist, wie schon von der 82-Jährigen vermutet, wirklich defekt. Er schraubt sie ab und zieht aus seinem grauen Metallkoffer eine neue heraus. Die Ersatzteile müssen vom Auftraggeber selbst bezahlt werden.
Fassbaenders Dienst jedoch ist ein kostenfreier Service des Seniorendienstes. Konzentriert montiert er die neue Steckdose in die Wand. "Ich bin Ihnen sehr dankbar, dass Sie gekommen sind, Herr Fassbaender. Wissen Sie, ich habe die Steckdose immer zum Bügeln benutzt, und in letzter Zeit musste ich mein Bügelbrett immer umstellen, da das Kabel für eine andere Steckdose nicht reicht", sagt die patiencebegeisterte Dame. Dem Rentner macht es immer wieder Freude, so etwas von seinen Auftraggebern zu hören: "Es fühlt sich gut an, Menschen zu helfen, zudem hält es mich in Schuss. Ich fühle mich nützlich."
Das Wichtigste für ihn ist sowieso, mit sich selbst zufrieden zu sein. Seine Arbeit hilft ihm dabei. Fassbaender erzählt außerdem von unglaublich vielen neuen Leuten, die er durch seinen Beruf kennenlernen darf, wobei er auch zuweilen skurrile Wohnsituationen zu Gesicht bekommt - von der Messi- bis zur Luxuswohnung war schon alles dabei. "Eine facettenreiche Arbeit also, bei der du nie wissen kannst, wo es dich hinführt", erzählt der Australien-Liebhaber mit einem breiten Lächeln im Gesicht. Die Frage, ob sich viele Menschen bei der Seniorenorganisation melden und um Hilfe bitten, beantwortet Fassbaender mit "Ja". Zusätzlich zu einmaligen Auftraggebern gibt es auch schon einige Stammgäste mit einem Alter von 60 plus.
Daher könne es nie genügend Menschen geben, die anderen Menschen auf kostenloser Basis ihre Hilfe anbieten, meint Fassbaender. "Ich würde mir sehr wünschen, dass gerade auch jugendliche Menschen diese Einstellung vertreten." Mit diesem Statement verabschiedet sich Dieter Fassbaender und macht sich auf den Weg zum Restaurant, in dem er sich mit seinen Kollegen zum Essen trifft. Das Essen wird von den eingenommenen Spenden finanziert, genauso wie Ausflüge, die ab und zu von den lebensfrohen Rentnern unternommen werden. Marlis Nellissen schließt zufrieden die Tür.