Ein drahtiger Schweizer ist Weltmeister im Turmlauf
Um vier Uhr morgens gehen im Zimmer von Kurt Hess, der in Unterkulm im schweizerischen Kanton Aargau wohnt, die Lichter an. Trotz seiner 63 Jahre ist er schnell auf den Beinen. Dann geht's ab zur Arbeit. Der 1,64 Meter große Mann brettert per Fahrrad die sieben Kilometer mit Extremgeschwindigkeit zur Arbeit. Der schwarzhaarige Ex-Rennradprofi tüftelt an tiefgekühlten Buttergipfeln mit Toblerone-Schokolade oder an Mikrowellen-Vollkornbrot in der Migros-Bäckerei Jowa, die sich im 50 Kilometer westlich von Zürich gelegenen Gränichen befindet. Er öffnet den Ofen und hebt ein Blech frischer Brötchen heraus. Sie knirschen leise, dabei riechen sie unglaublich lecker - perfekt für die Sitzung, die gerade ansteht, denn Kurt Hess ist Produktentwickler und zuständig für die Qualität der Produkte. Endlich 10 Uhr! Dies ist der Zeitpunkt, an dem sein richtiges Leben beginnt. "Sport hat mich wie ein Virus infiziert", offenbart er, schnürt seine Turnschuhe und springt durch den Wald, wo die Vögel zwitschern und der Wind sanft durch die Bäume bläst. Plötzlich steht vor ihm der Esterliturm, ein Turm, der aus 19 Betonrohrelementen von je 2,5 Meter Höhe zusammengesetzt ist und dadurch eine Gesamthöhe von 48 Metern erreicht. Diesen Turm betrachtet und benutzt Hess als sein Trainingsgerät. 40 Mal erklimmt er den Turm. Ganze 3840 Höhenmeter. Bis Freitag will er insgesamt über 200 Mal den Esterliturm bewältigen, was knappen 10000 Höhenmeter rauf und 10000 Höhenmeter runter entspricht. Wenn man dies mit dem höchsten Berg der Welt vergleicht, der 8848 Meter hoch ist, überwindet er rennend jede Woche somit mehr als die Höhe vom Mount Everest. Dabei muss aber berücksichtigt werden, dass man zur Besteigung des Mount Everest nur 3550 Meter Höhenmeter überwinden muss, weil das Basiscamp nicht auf Meereshöhe liegt.
Vier Stunden rennt er die Treppen ununterbrochen hoch und runter. Trocken sagt er: "Wenn ii was mach, denn richtig und erfolgriich, sösch fang ich gar nöd a." Sein Ziel ist es, den Weltrekord bezüglich zurückgelegter Höhenmeterdifferenz in 24 Stunden zu knacken. Die Kirchenglocken schlagen 14 Uhr, Zeit, um sich auf den Rückweg zu machen. Er kehrt erschöpft zum Arbeitsplatz zurück. Dank seiner ausgezeichneten physischen Verfassung erholt er sich rasch wie ein Spitzensportler. Schnell unter die Dusche, frische Kleidung anziehen und wieder zurück zur Arbeit. Das Brötchen, das heute Morgen in der Sitzung super angekommen ist, wird jetzt durchgecheckt. Ausschlaggebend sind die Form und das Aussehen, Oberflächen- und Krusteneigenschaft, Lockerung und Krumenbild, Struktur und Elastizität, Geruch und Geschmack.
17.30 Uhr: Zeit, um nach Hause zu gehen. Kurt Hess schnappt sich sein Fahrrad und radelt wieder nach Unterkulm. Zu Hause hängt ein riesiges Plakat, das seine Familie für sein letztes Projekt gebastelt hat. Es erinnert ihn an die wichtigsten Momente seines herausfordernden Aufstiegs von Brissago auf die Dufourspitze. Nach solch einem anstrengenden Tag geht er früh schlafen. Denn die nächsten Tage werden die gleichen Herausforderungen bringen.
Endlich ist es so weit. Der Tag, auf den er exzessiv hintrainiert hat. Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Nach 24 Stunden hat er es geschafft. Der muskulöse Kurt Hess hat den Weltrekord gebrochen, ist somit Weltmeister und das mit einer exzellenten Leistung. 413 Mal hat er den Turm bewältigt - das entspricht 37170 Höhenmetern. Doch das ist nicht alles. Kurt Hess hat schon viele weitere Rekordjagden erfolgreich durchgeführt, wie etwa den Aufstieg mit dem Rennrad, Laufen und Klettern vom tiefsten Punkt der Schweiz in Brissago mit 197 Metern über dem Meer bis zum höchsten, der Dufourspitze mit 4634 Metern sowie das Erklimmen von sieben 4000er Bergen in nur fünf Stunden und 34 Minuten. Weitere Projekte sind in Vorbereitung.