Dorothea Hinn führt den winzigen Tante-Emma-Laden in vierter Generation. Die treuen Kunden schätzen den guten Käse, aber auch ein bisschen Klatsch.
"Guten Morgen", beherzt und mit einem freundlichen Lächeln begrüßt Dorothea Hinn ihre Kunden beim Eintreten in den Laden. Die 45-Jährige ist gerade dabei, Milchtüten in das kleine Kühlregal einzuräumen. Kurz darauf betritt eine ältere Dame das "Milchlädele". Dorothea Hinn empfängt sie ebenfalls höflich und mit Namen. "Ich kenne die meisten Kunden, da sie bereits seit vielen Jahren regelmäßig hierher zum Einkaufen kommen. Patrizia kam schon in den Laden, als sie noch ein Kind war", erklärt die kleine, blonde Frau. Bereits seit 25 Jahren steht sie in der Blumenstraße im etwa 15 Kilometer von Freiburg entfernten Waldkirch im Schwarzwald im Geschäft, das sich in Familienbesitz befindet.
Die Anfänge liegen mehr als 100 Jahre zurück, als Dorotheas Urgroßeltern Max Josef Hinn und Theresia Hinn im Januar 1913 das Haus kauften und aus dem Hausgang heraus Milch verkauften. Damals kam die Milch noch von der Sammelstelle der Bauern. 1933 eröffnete erstmals das kleine, urige Ladengeschäft, und ab diesem Zeitpunkt wurde die Milch im "freien Handel" gekauft, denn 1932 wurden die Genossenschaften der Milchkaufleute & Erzeuger gegründet. Noch heute ist es derselbe Verkaufsraum, der mit seinen nur etwa zwölf Quadratmetern vergleichbar ist mit einem kleinen Badezimmer. Dazu gehören noch ein Lager und ein weiterer zierlicher, gelb geblümt tapezierter Raum, in dem das Leergut aufbewahrt und die Käsemesser gewaschen werden.
In dem zwergenhaften Tante-Emma-Laden findet man fast alles, was das Herz begehrt: Milch, Joghurt, Nudeln, Mehl, Bonbons und vieles mehr. An Ostern kann man sogar einzelne selbstgefärbte Ostereier erwerben. "Mir ist kein anderes Geschäft bekannt, in dem man einzelne Bonbons und Brausetabletten für nur zwei Cent kaufen kann", sagt Dorothea mit einem Lächeln im Gesicht. Bekannt ist das "Milchlädele" aber auch durch den Käse, der auf Wunsch stets frisch aufgeschnitten wird: vom Emmentaler über Bergkäse bis hin zum Münsterkäse aus dem nahen Elsass oder Raclette. An manchen Tagen kommt auch mal der Ordnungsbeamte vorbei, um in seiner Pause ein erfrischendes Glas Milch zu trinken und nicht mehr daran denken zu müssen, wo die nächsten Falschparker lauern und welches Auto als Nächstes einen Strafzettel erhält. In den Anfängen des Geschäftes, also ab dem Ersten Weltkrieg, gab es nur Milch und Quark, erst über die Jahre hinweg kam es zu diesem breiten Angebot. Damals kam die Milch noch aus der Pumpe, die heutzutage nur noch zur Dekoration erhalten geblieben ist. "Um jedoch die alte Tradition ein Stück weit zu erhalten, verkaufen wir die Milch auch noch offen, und die Kunden bringen ihre eigenen Gefäße mit. Einen Unterschied zur abgepackten Milch im Tetrapak gibt es jedoch nicht, da man unbehandelte Milch gar nicht verkaufen darf", erklärt die humorvolle Frau.
Dorothea Hinn ist immer noch dabei, die ältere Frau zu bedienen. Mittlerweile ist sie schon etwa fünf Minuten im Geschäft, doch nicht nur zum Einkaufen: Die beiden plaudern und tratschen über diese und jene Neuigkeit "ussem Städtle". Der Dialekt ist hierbei nicht zu überhören und für manch einen Zugezogenen nur schwer zu verstehen. Seit sie 21 Jahre alt ist, arbeitet Dorothea fest im Laden, geholfen hat sie allerdings schon von klein auf. "Man wächst ja mit auf", erklärt die mit der typisch weißen Schürze bekleidete Frau. Doch so hatte sie sich das eigentlich nicht vorgestellt: Ihre einstigen Pläne waren, erst später fest im Laden zu arbeiten, denn nach ihrem Schulabschluss begann sie zuerst eine Lehre als Einzelhandelskauffrau in der "Buchhandlung am Markt", die sich ebenfalls in Waldkirch befindet. Wegen der Schwäche ihrer Mutter aufgrund des hohen Alters musste Dorothea im Laden mitarbeiten. Für ein Jahr half sie morgens im Familienbetrieb und mittags in der Buchhandlung.
Doch danach hörte sie dort auf und arbeitete noch viele Jahre gemeinsam mit ihrer Mutter. "Ich hatte sowieso keine richtige Idee, und letztendlich wollte ich eh ins Milchlädele." Und: "Nichts kommt dagegen an. Selbständig zu sein hat schon einen gewissen Reiz", erklärt die Waldkircherin stolz. Vor ein paar Jahren konnte Dorotheas Mutter dann aus gesundheitlichen Gründen nicht mehr weitermachen. Sie besucht das Milchlädele nun gar nicht mehr, denn die damit verbundenen Erinnerungen an frühere, glückliche Geschäftszeiten machten sie traurig. Gerne hätte sie noch länger in ihrem Laden gearbeitet. Nun ist Dorothea die Ladeninhaberin in vierter Generation, doch wie es mit dem Laden weitergeht, wenn sie selbst einmal nicht mehr kann, daran will sie noch nicht denken. Kinder hat sie keine. Für sie zählt das Hier und Jetzt. "Man muss es gern machen, weil, man wird nicht reich", sagt sie über ihre Arbeit.
Inzwischen ist die ältere Dame gerade dabei zu bezahlen. Auf die Frage, wie sie den heutigen Einkauf empfunden habe, antwortet sie lachend: "Ins Milchlädele gehe ich am liebsten einkaufen, da man dort einfach immer höflich bedient wird, es fast alles gibt, was ich als alte Frau noch brauche, und man von Dorothea immer neue und interessante Dinge mitbekommt."